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16.03.2026 09:09

Vor 125.000 Jahren von Neandertalern in Neumark-Nord erlegte Elefanten legten große Distanzen zurück

Dr. Oliver Dietrich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte

    Am Fundplatz Neumark Nord 1 erforschte der Archäologe Dietrich Mania zwischen 1985 und 1996 ein steinzeitliches Seebiotop. Über 1.500 Skeletteile von circa 70 Europäischen Waldelefanten wurden hier entdeckt. Untersuchungen der Elefantenknochen durch eine Forschergruppe um Sabine Gaudzinski-Windheuser (LEIZA) ergaben an zahlreichen Knochen Schnittspuren in Körperbereichen, die für das Zerlegen von Beutetieren charakteristisch sind. Nun legt die Mainzer Forschergruppe um Erstautorin Elena Armaroli in "Science Advances" neue Erkenntnisse zu den Elefanten von Neumark-Nord vor. Isotopenuntersuchungen belegen, dass einige Tiere Distanzen von über 300 km zurücklegten.

    Am Fundplatz Neumark Nord 1 entdeckte der Geologe Matthias Thomae 1985 ein Seebiotop, das durch den Archäologen Dietrich Mania zwischen 1985 und 1996 erforscht wurde. Seinen Ergebnissen zufolge bestand hier ein großes Seebecken, das aus heutiger Sicht in die letzte Warmzeit von vor 125.000 Jahren, das sogenannte Eem, datiert wird. Ein Team des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) Mainz und der Universität Leiden untersuchte zwischen 2004 und 2008 ein weiteres Seebecken am Fundort Neumark-Nord 2. Die Forschungen an beiden Stellen erschlossen ein einmaliges Umweltarchiv.
    Der See am Fundplatz Neumark-Nord 1 erstreckte sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung über eine Fläche von circa 400 mal 600 Metern bei einer Tiefe von maximal nur fünf Metern. Er erlebte während seines Bestehens durch fallende Wasserspiegel mehrere Verlandungsphasen. In den flachen Uferbereichen, die sich dabei bildeten, lagerten sich die Reste von Pflanzen und Tieren ab und wurden rasch von Sedimenten überdeckt. Am Fundort Neumark-Nord 1 beeindrucken insbesondere die Waldelefanten. Über 1.500 Skeletteile von circa 70 Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) wurden hier entdeckt. Die beeindruckenden Tiere überragten heutige Elefanten um einiges – Bullen erreichten Schulterhöhen von bis zu 4 Metern; die weiblichen Tiere waren etwas kleiner.
    Untersuchungen der Elefantenknochen durch eine Forschergruppe um Sabine Gaudzinski-Windheuser (LEIZA) ergaben an zahlreichen Knochen Schnittspuren in Körperbereichen, die für das Zerlegen von Beutetieren charakteristisch sind. Für systematische Jagd spricht auch die Zusammensetzung der Elefantenfunde. Es handelt sich um erwachsene, überwiegend männliche Tiere. Im Gegensatz zu den weiblichen Tieren sind Elefantenbullen Einzelgänger und damit wohl leichter zu erlegen. Das Fleisch eines einzigen Tieres dürfte das Auskommen einer größeren Gruppe von Neandertalern über einen erheblichen Zeitraum gesichert haben.
    Nun legt die Mainzer Forschergruppe um Erstautorin um Elena Armaroli (Universität von Modena und Reggio Emilia) im renommierten Journal „Science Advances“ neue Erkenntnisse zu den Elefanten von Neumark-Nord vor. Den Forscherinnen und Forschern gelang es, aufgrund von Isotopenuntersuchungen an Zähnen die Lebensgeschichte von vier Elefanten, die vor rund 125.000 Jahren von Neandertalern erlegt wurden, detaillierter zu rekonstruieren. Strontiumisotopen, die im anorganischen Teil des Zahnschmelzes eingelagert werden, reflektieren die Geologie des Raumes, in dem Nahrung aufgenommen wurde. Unterscheiden sich die Isotopenverhältnisse in den Zähnen eines Individuums von den Signaturen des Raumes, in dem es gefunden wurde, darf auf Mobilität geschlossen werden. Für zwei der untersuchten Elefanten ergeben sich zurückgelegte Distanzen von über 300 km, bevor sie in Neumark-Nord den Jägern zum Opfer fielen. Diese weiten Bewegungen durch die Landschaft sind auch von männlichen modernen Elefanten bekannt.
    Die Untersuchungen helfen, ein genaueres Bild der Umweltbedingungen und des Verhaltens der Tiere vor über 125.000 Jahren zu entwerfen. Die Neandertaler von Neumark-Nord waren offenbar nicht nur opportunistische Jäger, sondern kannten das Verhalten der Tiere genau und nutzten dieses Wissen zu ihrem Vorteil. Zahlreiche Funde von Neumark-Nord sind im Landesmuseum für Vorschichte Halle (Saale) ausgestellt (https://www.landesmuseum-vorgeschichte.de/).
    „Die archäologischen Hinterlassenschaften und das unschätzbare Umweltarchiv von Neumark-Nord geben uns detaillierte Einblicke in Mensch-Tier-Umweltbeziehungen der Zeit vor 125.000 Jahren, die weltweit einmalig sind. Mit neuesten interdisziplinären Forschungsmethoden kommen wir nicht nur dem Verhalten unserer Vorfahren, sondern auch dem der damaligen Tierwelt auf die Spur. Die Studie zeigt, dass zwei der Elefanten aufgrund ihrer Isotopensignatur wahrscheinlich in den angrenzenden Mittelgebirgsregionen unterwegs gewesen waren: stellen Sie sich vor, wie es wäre, heute im Harz einem Elefanten über den Weg zu laufen!“, sagt Archäologe Marcel Weiß vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.


    Originalpublikation:

    Elena Armaroli u.a., Life histories of straight-tusked elephants from the Last Interglacial Neanderthal site of Neumark-Nord (~125 ka). Science Advances 12,eadz0114(2026). DOI:10.1126/sciadv.adz0114


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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