Ein interdisziplinäres Autor:innenteam aus Kanada, Österreich, den USA und Deutschland skizziert, wie sich Immuno-Epidemiologie und individuelle Entscheidungen zu nichtpharmazeutischen Maßnahmen (NPIs) künftig gemeinsam verstehen lassen – und welche Daten dafür fehlen.
Auf den Punkt:
• Entscheidungen und Epidemien beeinflussen sich wechselseitig: NPI-Adhärenz entsteht aus Rückkopplungen zwischen lokalen Infektionslagen, Peer-Verhalten und externer Information (z. B. Medien/soziale Medien).
• Wahrgenommene vs. tatsächliche Immunität ist ein zentraler Blindfleck: Fehlwahrnehmungen der eigenen oder kollektiven Immunität können Risikoabschätzung, Verhalten und damit Transmission messbar verschieben.
• Fortschritt braucht ein iteratives Vorgehen: Schrittweise aufgebaute Modelle müssen eng mit longitudinalen Verhaltens-, immunologischen und epidemiologischen Daten verzahnt werden – einschließlich sozialer Faktoren wie Vertrauen, Desinformation und Gruppenprozessen.
Warum hält sich jemand konsequent an nichtpharmazeutische Maßnahmen – und eine andere Person nicht? Die Autor:innen argumentieren, dass sich diese Frage nicht allein psychologisch oder allein epidemiologisch beantworten lässt. Denn individuelles Entscheiden, Immunität und Infektionsdynamik bilden ein System aus Rückkopplungen: lokale Infektionslagen und Peer-Verhalten wirken ebenso wie externe Information – bis hin zu Medien und sozialen Medien. Entscheidend ist, welche Informationsquelle für Entscheidungen dominiert: das unmittelbare Umfeld oder externe Signale. Davon hängt ab, ob Adhärenz und lokale Infektionszahlen eng gekoppelt sind oder auseinanderlaufen.
Ein zentraler blinder Fleck liegt in der Differenz zwischen tatsächlicher und wahrgenommener Immunität. Immunität verändert sich – durch Impfung, Genesung, Immun-Waning und Pathogenentwicklung. Gleichzeitig ist unklar, wie gut Menschen ihre eigene Immunität einschätzen. Wer sich fälschlich für immun hält, könnte Schutzmaßnahmen eher weglassen; wer Immunität unterschätzt, eher vorsichtig bleiben. Solche Fehlkalibrierungen können sich auch auf Bevölkerungsebene zeigen, wenn Menschen „Gemeinschaftsimmunität“ aus Fallzahlen oder Impfdaten ableiten.
Der Beitrag ist damit weniger Ergebnisbericht als Forschungsprogramm: Die Autor:innen fordern Modelle, die Immunität, Epidemiologie und Verhalten zusammenführen – schrittweise aufgebaut und eng mit longitudinaler Datenerhebung verzahnt. Genannt werden u. a. Kombinationen aus Serologie und Befragungen zur wahrgenommenen Immunität sowie wiederholte Surveys zu Risikowahrnehmung, Peer-Einflüssen und externen Informationsquellen – einschließlich Misinformation und Disinformation. Auch soziale Mechanismen wie Gruppenprozesse und Out-group-Aversion werden als wichtige Bausteine benannt.
Wer verstehen will, warum Maßnahmen in Ausbrüchen greifen – oder eben nicht –, findet hier eine präzise Landkarte der offenen Fragen.
Prof. Dr. Arne Traulsen
Geschäftsführender Direktor
Wissenschaftliches Mitglied (Direktor)
Abteilung für Theoretische Biologie
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie
Chadi M. Saad-Roy, Ninan Abraham, Christian Hilbe, Ayesha S. Mahmud, Arne Traulsen, Interactions between immuno-epidemiology and individual decision-making for nonpharmaceutical interventions, Trends in Microbiology, 2026, https://doi.org/10.1016/j.tim.2026.01.006.
Visualisierung von Entscheidungsprozessen im Spannungsfeld zwischen wahrgenommener Immunität, Risiko ...
Copyright: MPI EvolBio, erstellt mit ChatGPT
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Biologie, Gesellschaft, Mathematik, Politik
überregional
Forschungsergebnisse, Kooperationen
Deutsch

Visualisierung von Entscheidungsprozessen im Spannungsfeld zwischen wahrgenommener Immunität, Risiko ...
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