Warum entwickeln manche Menschen nach einer schweren Virusinfektion der Lunge plötzlich lebensbedrohliche bakterielle Lungenentzündungen? Dieser bislang nur teilweise entschlüsselten Frage ist ein internationales Forschungsteam um die Medizinerin Dr. Christina Malainou aus dem Universitätsklinikum Gießen nachgegangen – und hat wichtige, hilfreiche Erkenntnisse erlangt. Für ihre experimentelle Arbeit zu den zugrunde liegenden Immunmechanismen wurde die Wissenschaftlerin heute von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) mit dem Forschungspreis für experimentelle Pneumologie 2026 ausgezeichnet.
„Diese Arbeit liefert einen wichtigen Beitrag zum Verständnis schwerer Lungenentzündungen und ihrer Komplikationen“, betont DGP-Präsident Prof. Christian Taube. „Die Ergebnisse zeigen, wie komplex die Immunreaktionen in der Lunge sind und eröffnen ganz neue Ansatzpunkte für zukünftige Therapien. Eine hervorragende Leistung, die Hoffnung für die Behandlung unserer zukünftigen schwerstkranken Patientinnen und Patienten gibt.“
Im Mittelpunkt der Studie von Malainou stehen sogenannte Alveolarmakrophagen – spezialisierte Immunzellen, die in den Lungenbläschen sitzen und dort als erste Verteidigungslinie gegen Krankheitserreger wirken. Sie erkennen Viren, Bakterien oder Schadstoffe und beseitigen diese, bevor sie größeren Schaden anrichten. Doch genau diese Schutzfunktion kann nach einer schweren Virusinfektion zeitweise ausfallen. „Wir wissen aus der Klinik, dass ein Teil der Patientinnen und Patienten nach einer schweren Influenzavirus-Infektion eine zweite bakterielle Lungenentzündung entwickelt“, erklärt die Preisträgerin. „In dieser Phase können wir oft nur begrenzt helfen, weil wir die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht vollständig verstehen.“
Wenn die erste Verteidigungslinie verschwindet
In Experimenten mit einem Mausmodell untersuchte das Team zunächst, warum die wichtigen Abwehrzellen nach einer schweren Virusinfektion plötzlich verschwinden. Mithilfe moderner Analyseverfahren konnten die Forschenden zeigen, dass die Makrophagen nicht direkt durch das Virus zerstört werden. Stattdessen sterben sie durch ein bestimmtes Signal im entzündeten Lungengewebe. Dieses Signal wird von anderen Immunzellen, den sogenannten Neutrophilen, freigesetzt. Sie eilen besonders schnell an den Ort einer Infektion, um Krankheitserreger zu bekämpfen. Dabei schütten sie jedoch ein Molekül aus, das an spezielle Rezeptoren der Makrophagen bindet und dort den Zelltod auslösen kann. „Wir konnten zeigen, dass genau dieser Signalweg entscheidend dazu beiträgt, dass die schützenden Makrophagen nach einer schweren Virusinfektion verloren gehen“, sagt Christina Malainou. „Dadurch entsteht ein Zeitfenster, in dem die Lunge anfälliger für eine zweite Infektion wird.“
Mehr Schutz vor gefährlichen Koinfektionen
In weiteren Experimenten schaltete das Team den Signalweg gezielt aus. Das Ergebnis: Die Makrophagen überlebten länger, die Mäuse konnten bakterielle Erreger besser kontrollieren und die Überlebensrate im Modell verbesserte sich deutlich. „Das war für uns ein entscheidender Hinweis darauf, dass dieser Mechanismus tatsächlich eine zentrale Rolle spielt“, so die Forscherin. Die Studie entstand in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern. Beteiligt waren primär die Klinik für Innere Medizin, Infektiologie und Krankenhaushygiene der Uniklinik Gießen sowie das Institute for Lung Health (ILH) in Gießen, das Cardiopulmonary Institute (CPI) Hessen, das Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim, die FU Berlin, die Uniklinik Düsseldorf sowie internationale Kooperationspartner in Argentinien und Spanien. „Der Preis ist für mich daher vor allem eine Anerkennung für die Arbeit unseres gesamten Teams“, sagt Christina Malainou. „Ohne diese internationale Zusammenarbeit wären solche komplexen Studien kaum möglich.“
Grundlagenforschung mit Blick auf zukünftige Therapien
Die Erkenntnisse könnten neue Wege eröffnen, um schwere Lungenentzündungen besser zu behandeln oder zu verhindern. „Langfristig möchten wir verstehen, ob dieser Signalweg auch bei anderen Formen der Lungenentzündung und bei der Lungenreparatur nach einer schweren Infektion eine Rolle spielt“, erklärt die Wissenschaftlerin. Bis daraus in Zukunft konkrete Therapien entstehen, sind noch viele weitere Studien nötig. Für die Preisträgerin bleibt deshalb auch eine einfache Botschaft wichtig: „Ein wirksamer Schutz, den wir auch jetzt schon haben, ist die Impfung gegen Influenza. Eine Verbesserung der Impfquoten wäre daher wünschenswert.“
DGP-Präsident Prof. Dr. Christian Taube würdigt abschließend: „Solche Arbeiten wie die der Preisträgerin zeigen eindrucksvoll, wie wichtig die pneumologische Grundlagenforschung für medizinischen Fortschritt ist. Sie legen das Fundament für neue Strategien, mit denen wir unsere Patientinnen und Patienten in Zukunft noch besser schützen können.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41252214/
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Dr. Christina Malainou
Copyright: Universitätsklinikum Gießen und Marburg
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