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20.03.2026 12:02

Wenn Tierpersönlichkeit und Umwelt gemeinsam bestimmen, wie Tiere leben

Michael Hesse Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

    Auf den Punkt:
    • Mut bedeutet nicht automatisch ein schnelles und kurzes Leben.
    • Persönlichkeit und Lebensgeschichte sind je nach Umwelt unterschiedlich verknüpft.
    • Die Futterqualität kann darüber entscheiden, ob Verhaltensunterschiede zu unterschiedlichen Lebensverläufen führen.

    Leben „mutige“ Individuen in der Natur — also solche, die eher Risiken eingehen — zwangsläufig schneller und sterben früher? Eine neue Studie in Ecology and Evolution zeigt, dass es so einfach nicht ist: Der Zusammenhang zwischen Risikobereitschaft und Lebensspanne hängt stark von der Umwelt ab.

    Wie beim Menschen zeigen auch viele Tiere konsistente Verhaltensunterschiede. Manche Individuen sind durchgängig explorativer, risikofreudiger oder aggressiver als andere — ein Phänomen, das in der Forschung als Tierpersönlichkeit bezeichnet wird. Forschende am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie konnten nun zeigen, dass die Wirkung solcher Persönlichkeitsunterschiede auf die Lebensgeschichte eines Tieres entscheidend von den Umweltbedingungen abhängt. Durch die Beobachtung des gesamten Lebensverlaufs von Hunderten Hausmäusen (Mus musculus domesticus) zeigte das Team, dass manche Tiere „zum Erkunden geboren“ sind — diese Eigenschaft aber nur dann zu einem schnelleren Lebenstempo führt, wenn die Futterqualität geringer ist.

    Eine zentrale Frage der Verhaltensökologie

    Seit Jahrzehnten diskutieren Ökologinnen und Verhaltensbiologen die sogenannte Pace-of-Life-Syndrome-Hypothese (POLS). Dahinter steht die Annahme, dass Persönlichkeitsmerkmale wie Explorationsverhalten und Risikobereitschaft mit lebensgeschichtlichen Merkmalen wie Wachstum, Fortpflanzung und Überleben verknüpft sind. Theoretisch lassen sich Individuen entlang eines schnell-langsam-Spektrums einordnen. „Schnelle“ Individuen gehen mehr Risiken ein, erschließen Ressourcen rascher, pflanzen sich früher fort, haben aber oft eine kürzere Lebensspanne. „Langsame“ Individuen verhalten sich vorsichtiger, entwickeln sich gradueller und investieren eher in ein längeres Leben mit geringeren Risiken. Persönlichkeit könnte also Teil umfassender Lebensstrategien sein, mit denen Tiere überleben und sich fortpflanzen.

    Ob solche Zusammenhänge in natürlichen Populationen tatsächlich konsistent auftreten, ist bislang jedoch offen. Die empirischen Befunde sind widersprüchlich. Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass der ökologische Kontext entscheidend sein könnte, um diese Unterschiede zu erklären.

    Vier Populationen, zwei Umweltbedingungen

    Um dieser Frage nachzugehen, richteten die Forschenden vier große Populationen ein, in denen Hausmäuse ihr gesamtes Leben weitgehend ungestört verbrachten. Zwei der Gehege erhielten hochwertiges Futter, die beiden anderen Standardfutter und damit eine vergleichsweise nährstoffärmere Umgebung. Über die gesamte Versuchsdauer hinweg erfasste das Team Verhalten und Lebensverlauf aller Tiere — darunter Explorations- und Risikoverhalten, das Alter bei Geschlechtsreife, den Fortpflanzungserfolg und die Überlebensdauer.

    Persönlichkeit wirkt nur im passenden Kontext

    Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der Kontext ist entscheidend. Ein klarer Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensgeschichte trat nur in den Umwelten mit Standardfutter auf. Unter diesen vergleichsweise ungünstigeren Bedingungen zeigten besonders explorative Weibchen eine klassische „schnelle“ Lebensstrategie: Sie wurden früher geschlechtsreif und reproduzierten schneller. Das passt zu der Idee, dass mutiges Verhalten helfen kann, Ressourcen rascher zu erschließen — allerdings um den Preis eines erhöhten Sterblichkeitsrisikos.

    Anders sah es aus, wenn hochwertiges Futter verfügbar war. Dann war Explorationsverhalten nicht mehr in gleicher Weise mit der Lebensgeschichte verknüpft. Stattdessen wurden Verhaltensunterschiede relevant, die mit Stressbewältigung zusammenhängen. Individuen, die aktiver mit Stress umgingen, folgten eher einer langsameren Lebensstrategie: Sie verschoben ihre Fortpflanzung nach hinten und lebten länger. Das deutet darauf hin, dass bei reichlich vorhandener Energie andere Verhaltensaspekte — etwa im Umgang mit sozialen oder ökologischen Herausforderungen — stärker prägen, wie Tiere leben.

    Warum die Ergebnisse wichtig sind

    Insgesamt spricht die Studie dafür, dass der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensentscheidungen nicht fest vorgegeben ist, sondern aus dem Zusammenspiel von Verhaltenstendenzen und Umweltbedingungen entsteht. Vor allem die Qualität der verfügbaren Ressourcen kann darüber entscheiden, ob Persönlichkeitsunterschiede tatsächlich zu unterschiedlichen Lebensverläufen führen. Anders gesagt: Mutig zu sein bedeutet nicht automatisch, schnell zu leben — entscheidend ist der ökologische Kontext.

    Für eine breitere Öffentlichkeit eröffnet die Studie einen spannenden Blick darauf, wie die Natur Risiken und Chancen austariert. Für die Forschung ist sie zugleich ein wichtiger Hinweis: Wenn sich in einer Population kein Pace-of-Life-Syndrom nachweisen lässt, heißt das nicht zwangsläufig, dass es nicht existiert — möglicherweise wurde die Umweltvariation einfach nicht ausreichend berücksichtigt.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Fragkiskos Darmis
    Doktorand
    Forschungsgruppe Verhaltensökologie individueller Variation
    Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie


    Originalpublikation:

    Darmis, F., and A.Guenther. 2026. “Evidence for Environment-Specific Pace-of-Life Syndromes.” Ecology and Evolution16, no. 3: e73234. https://doi.org/10.1002/ece3.73234.


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Tier / Land / Forst
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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