Die Energiewende sollte im ureigenen Interesse Deutschlands und Europas liegen. Zum einen, weil der Verzicht auf fossile Brennstoffe Klimaschäden erheblich reduziert. Zum anderen, weil ein Großteil der deutschen Bevölkerung die Transformation befürwortet. Das fasst ein neues Kurzdossier des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Kopernikus-Projekts Ariadne zusammen. Forschende zeigen auf, was der Klimapolitik zu noch mehr Akzeptanz verhilft und unter welchen Bedingungen sich eine Neuverschuldung des Staates legitimieren lässt.
Die schwarz-rote Bundesregierung plant für den Klimaschutz ein schuldenfinanziertes Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ein – für künftige Generationen prinzipiell eine gute Nachricht. Allerdings bleibt fraglich, ob diese Mittel zusätzlich zu den ohnehin geplanten Ausgaben verwendet werden und ob sie die Emissionen effektiv senken. Ohne substanziellen zusätzlichen Klimanutzen resultiert daraus vielmehr eine Doppelbelastung aus Schuldendienst und den Kosten der Klimakrise. Wie dieses Dilemma adressiert werden kann, zeigen Ariadne-Forschende in einem aktuellen Überblick zu diesem Thema. Ein zentraler Vorschlag ist die „grün-goldene Regel“ für generationengerechte Verschuldung. Sie könnte die zeitliche Schieflage zwischen heutigen Kosten und zukünftigem Nutzen von Klimapolitik auflösen, indem sie eine zusätzliche Schuldenaufnahme direkt an die Klimaziele knüpft. „Die Höhe der erlaubten Neuverschuldung wird bei der grün-goldenen Regel durch den gesellschaftlichen Wert der vermiedenen Emissionen bestimmt. Sie begrenzt damit Fehlanreize und schützt zukünftige Generationen vor hohen Schulden ohne Gegenwert“, erklärt Maik Heinemann von der Universität Potsdam und Mit-Autor der Studie.
Hochrechnungen zeigen, dass weltweit pro vermiedener Tonne CO2 etwa 180 Euro an Klimaschäden eingespart werden könnten. Der Rückgang fossiler Brennstoffe sichert laut Forschenden des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, des ifo-Instituts, der Universität Potsdam, der Technischen Universität München und des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit – Helmholtz-Zentrum Potsdam (RIFS) nicht nur langfristigen gesellschaftlichen Wohlstand, er stärkt auch die europäische Sicherheit, indem autoritäre Regime Finanzmittel für militärische Ausgaben verlieren. Allein die sicherheitspolitischen Folgekosten der Erdölnutzung werden auf 100 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Durch eine europäische Besteuerung fossiler Energieimporte stärkt die EU außerdem ihre Position auf globalen Energiemärkten. Dazu kommen positive Effekte auf das Gesundheitssystem, beispielsweise durch eine verbesserte Luftqualität.
Dialog mit Bevölkerung ermöglicht sozial gerechten Instrumenten-Mix
Das neue Kurzdossier bezieht sich auf einen kürzlich erschienen Ariadne-Report, der gezeigt hat, dass erfolgreiche Klimapolitik Effizienz mit Gerechtigkeit verbinden sollte. Einzelne Leitkonzepte, wie die CO2-Bepreisung, Fördermittel oder das Ordnungsrecht, können das allein nicht gewährleisten. Denn Transformationskosten verteilen sich aufgrund verschiedener Faktoren ungleich innerhalb der Bevölkerung. Deshalb heben die Forschenden erneut die Bedeutung eines Gebäudeklimageldes oder einer Investitionsabgabe auf fossile Technologien als Ergänzung zu dem Mix aus den drei Leitkonzepten hervor. Ersteres wäre an individuelle Gegebenheiten von Wohnhäusern geknüpft und könnte Menschen mit geringem Einkommen entlasten, die in Gebäuden mit niedriger Energieeffizienz wohnen. Eine Investitionsabgabe dagegen würde als vorgelagerter CO2-Preis beim Neukauf einmalig auf den Grundpreis aufgeschlagen. Damit würde der Gebäudebestand von den ungleichen Kostenbelastungen befreit, die durch den europäischen Emissionshandel entstehen.
Die Forschenden legen dar, warum die Akzeptanz von Klimapolitik im Wesentlichen von gesellschaftlicher Teilhabe und Transparenz abhängt. Die Ariadne-Bürgerdeliberation hat gezeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger sich Lösungen wünschen, die einerseits diejenigen in die Verantwortung ziehen, die Emissionen verursachen (Verursacherprinzip) und andererseits nicht jene am stärksten belasten, die aufgrund ihrer Einkommensschwäche bereits benachteiligt sind. Der Dialog mit der Bevölkerung ermöglicht es, einen politischen Instrumenten-Mix auszudiskutieren, der über rein wirtschaftliche Kostenreduktion hinausgeht und berücksichtigt, was Bürgerinnen und Bürger als gerecht empfinden.
Mehr Transparenz schafft höhere Zustimmung zu einzelnen Maßnahmen
Eine wichtige Botschaft des Kurzdossiers ist, dass die Zustimmung zu einzelnen klimapolitischen Maßnahmen erhöht werden kann, wenn man ihre Finanzierungskosten offenlegt. „Wir beobachten, dass in der Bevölkerung eine starke Präferenz für Förderprogramme existiert“, erklärt Lisa Windsteiger, Mit-Autorin vom ifo-Institut. „Ein Experiment zeigt jedoch, dass Bürgerinnen und Bürger sich eher für den CO2-Preis aussprechen, wenn ihnen bewusst ist, dass Förderungen oft Steuererhöhungen zur Folge haben, um Subventionen möglich zu machen.“ Daraus schließen die Forschenden, dass starke Präferenzen für bestimmte klimapolitische Instrumente auch auf eine unklare Informationslage seitens der Bürgerinnen und Bürgern zurückgehen können.
Fazit: Klimaschutz sichert den langfristigen Wohlstand einer Gesellschaft; Menschen sind bereit, in begrenztem Umfang Belastungen durch Klimapolitik mitzutragen – und die Politik kann mit dem richtigen Instrumenten-Mix eine gesellschaftlich akzeptierte Klimawende möglich machen.
Institute der beteiligten Autorinnen und Autoren: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ifo Institut, Universität Potsdam, Technische Universität München, Paris Lodron Universität Salzburg, Forschungszentrum für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam
Kontakt zu den Autorinnen und Autoren: Matthias Kalkuhl, mkalkuhl@pik-potsdam.de
Pressekontakt:
Maria Bader | Leitung Kommunikation Ariadne
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Telefon: +49 (0)30 3385537 365 | Email: ariadne-presse@pik-potsdam.de
Celine Koch | Kommunikation Ariadne
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Telefon: +49 (0)30 3385537 361 | Email: ariadne-presse@pik-potsdam.de
Kontakt ins Projekt
Ariadne-Geschäftsstelle
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Email: ariadne-geschaeftsstelle@pik-potsdam.de
Matthias Kalkuhl, Andreas Peichl, Ulrich Eydam, Maik Heinemann, Maximilian Kellner,
Michael Krug, Nikolaj Moretti, Karolina Rütten, Katja Treichel-Grass, Lisa Windsteiger,
Ingo Wolf (2026): Neue Strategien für Legitimität und Akzeptnaz von Klimapolitik.
Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
Weblink: https://ariadneprojekt.de/publikation/kurzdossier-neue-strategien-fuer-legitimit...
https://Weblink zur Projektseite: https://ariadneprojekt.de/ | Folgen Sie dem Ariadnefaden auf Bluesky @ariadneprojekt.bsky.social und LinkedIn @Kopernikus-Projekt Ariadne
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Meer / Klima
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
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