Rechtsextreme Parteien profitieren von politischer Gewalt. Das zeigt das DANGER-Projekt der Universität Witten/Herdecke und warnt vor einer bekannten Dynamik.
• Politische Gewalt verschiebt Wahlergebnisse: Rechtsextreme profitieren.
• Effekt asymmetrisch: Rechte gewinnen, andere Lager – etwa die kommunistische Linke
– verlieren.
• Gegenstrategien unklar – aber: Machtteilung wirkt stabilisierend.
Wo politische Gewalt* herrscht, gewinnen rechtsextreme Parteien Stimmen. Das ist das zentrale Ergebnis des Forschungsprojekts „Democracy, Anger, and Elite Responses“ (DANGER) der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Projektleiter Prof. Dr. Nils-Christian Bormann hat mit seinem Team fünf Jahre lang untersucht, wie europäische Demokratien in der Zwischenkriegszeit – zwischen 1919 und 1939 – unter Druck gerieten und was das für heutige Demokratien bedeutet.
Die Ergebnisse sind eindeutig: In Gemeinden Italiens und Landkreisen Deutschlands, in denen politische Gewalt auftrat, gewannen Mussolinis Faschisten und Hitlers Nationalsozialisten überproportional viele Stimmen. Ähnliche Muster zeigten sich in Österreich und der Tschechoslowakei. Die kommunistische Linke hingegen profitierte kaum oder verlor sogar Wähler:innen. „Gewalt hat einen asymmetrischen Effekt“, sagt Bormann. „Sie begünstigt vor allem die radikale Rechte."
Ein Befund, der bis in die Gegenwart reicht: Neuere Studien deuten darauf hin, dass Gewalt auch im heutigen Deutschland rechtsradikalen Parteien zugutekommen kann.
Was können politisch Verantwortliche tun?
Weniger eindeutig sind die Antworten auf die politisch vielleicht drängendsten Fragen: Was können demokratische Eliten – also die politisch Verantwortlichen – heute tun, um dem Aufstieg antidemokratischer Kräfte entgegenzuwirken? Das DANGER-Projekt untersuchte verschiedene Strategien, von der konsequenten Ausgrenzung extremer Parteien wie in Belgien und der Tschechoslowakei bis zur Einbeziehung wie in Finnland. Keine dieser Strategien erwies sich in allen Kontexten als wirksam.
Und auch die zweite zentrale Frage bleibt offen: Was hilft gegen politische Gewalt? „Dass politische Gewalt rechtsextremen Parteien nutzen kann, ist empirisch gut belegt. Wie sie sich wirksam eindämmen lässt, können wir bislang jedoch nicht eindeutig sagen – dafür fehlen belastbare Daten und klare empirische Befunde“, so Bormann.
Einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer haben die Forschenden aber gefunden. In den Demokratien Nachkriegseuropas teilen Regierungsparteien Macht und Ministerposten kompromissbereiter als in der Zwischenkriegszeit und als in jeder anderen Region der Welt. Dieses Verhalten, das das DANGER-Projekt erstmals systematisch belegen konnte, unterscheidet das heutige Europa von früheren und anderen Demokratien – und gilt als stabilisierend, weil breiter geteilte Macht politische Konflikte eher ausgleicht und eine gefährliche Konzentration von Einfluss erschwert.
Neue Datenbasis für die Forschung
Neben den politischen Erkenntnissen hat das Projekt auch eine wichtige Datengrundlage geschaffen. Mit dem „Archive of Interwar European Election Data and Assemblies“ (AIEEDA) liegt erstmals ein vergleichender Datensatz zu Wahlergebnissen, Koalitionen und Parteimerkmalen für 25 europäische Demokratien der Zwischenkriegszeit vor. Ergänzt wird er durch einen systematischen Ereignisdatensatz zu politischer Gewalt in europäischen Demokratien dieser Zeit. Zugleich zeigt das Projekt eine zentrale Lücke auf: Für das heutige Europa fehlen belastbare, systematisch erhobene Daten zu politischer Gewalt. „Hier muss zukünftige Forschung ansetzen – denn ohne bessere Daten bleibt unklar, wie gefährlich die aktuelle Entwicklung wirklich ist“, so Bormann.
* Politische Gewalt umfasst gezielte physische Angriffe im politischen Kontext – etwa gegen Gegner:innen, Institutionen oder die Öffentlichkeit. Dazu zählen unter anderem gewaltsame Proteste, Angriffe oder Anschläge mit politischer Motivation.
Weitere Informationen:
Das DANGER-Projekt wurde vom Europäischen Forschungsrat (ERC) mit einem Starting Grant in Höhe von 1,5 Millionen Euro gefördert. Der ECR wurde 2007 von der Europäischen Union eingerichtet und ist die erste europäische Förderorganisation für herausragende Forschung. Gefördert werden unabhängige Nachwuchsforscher:innen beliebiger Nationalität mit zwei bis sieben Jahren Erfahrung nach Abschluss der Promotion (oder eines gleichwertigen akademischen Grads) und einer vielversprechenden wissenschaftlichen Erfolgsbilanz.
Mehr zum Projekt und seinen Ergebnissen finden Sie auch im Podcast von Review of Democracy: https://revdem.ceu.edu/2026/03/19/violence-elites-democratic-stability/
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Politik
überregional
Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
Deutsch

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