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25.03.2026 11:01

Studie nimmt Orientierungskurse unter die Lupe: zu viel Prüfungsvorbereitung, zu wenig Wertebildung

Saskia Geltenpoth Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

    Als Teil des Integrationskurses soll der Orientierungskurs Kenntnisse über das politische System, die deutsche Geschichte und demokratische Werte vermitteln, um so die gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. In der Praxis steht jedoch oft die Vorbereitung auf den Abschlusstest im Fokus, wie eine neue Studie im Rahmen des Projekts „Evaluation der Integrationskurse (EvIk)“ des Forschungszentrums für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) zeigt: Wertebasierte Inhalte, die für den nachhaltigen demokratischen Zusammenhalt der Gesellschaft relevant sind, kommen oft zu kurz.

    Der Integrationskurs ist ein staatliches Grundangebot der sprachlichen und wertebasierten politischen Bildung für Zugewanderte und besteht aus zwei Teilen: Zunächst findet der Sprachkurs statt, anschließend der Orientierungskurs, der mit dem Abschlusstest „Leben in Deutschland (LiD)“ endet. Seit 2017 wird der Orientierungskurs unter einem neu gefassten Curriculum durchgeführt und bietet theoretisch eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten, um politische und gesellschaftliche Zusammenhänge ganzheitlich zu vermitteln. „Der Orientierungskurs ist ein wichtiges und in seiner Form einmaliges Bildungsinstrument, um zugewanderte Erwachsene bundesweit flächendeckend erreichen zu können. Unsere Studie zeigt jedoch, dass eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit demokratischen Werten im Unterricht häufig zu kurz kommt. Dieser konzentriert sich meist auf politisches und historisches Faktenwissen, Landeskunde und die inhaltliche Vorbereitung auf den Abschlusstest“, erläutert Ramona Kay, eine der Studienautorinnen.
    Das Projekt „Evaluation der Integrationskurse (EvIk)“ verfolgt das Ziel, die Wirkung und Nachhaltigkeit der Integrationskurse – im Speziellen im Allgemeinen Integrationskurs und Alphabetisierungskurs - in Deutschland zu untersuchen. Der Forschungsbericht „Der Orientierungskurs zwischen Wissens- und Wertevermittlung“ ist Teil der vierten Zwischenberichterstattung dieses Projekts. Er befasst sich mit den konzeptionellen und strukturellen Potenzialen der Orientierungskurse und den Herausforderungen in der konkreten Unterrichtspraxis. Für die Studie haben Projekt-Mitarbeitende im Jahr 2024 wissenschaftliche Unterrichtsbeobachtungen durchgeführt, zusätzlich fanden Fokusgruppeninterviews mit Lehrkräften statt. Im Fokus standen dabei die Fragen, wie wertebasierte politische Bildung in der Unterrichtspraxis umgesetzt wird und wie wertebasierte Konflikte zwischen Lehrkräften und Kursteilnehmenden entstehen bzw. wie diese ausgehandelt werden.

    Orientierungskurs: ein Ort politischer Bildung und Teilhabe?

    Der Orientierungskurs hat das Potenzial, eine zentrale Rolle bei der gesellschaftlichen Orientierung und Wertebildung im Integrationsprozess zu spielen – ein anspruchsvolles Unterfangen für Lehrkräfte und Kursteilnehmende gleichermaßen. Die Studie macht deutlich: In der derzeitigen Unterrichtspraxis besteht eine Diskrepanz zwischen der intendierten facettenreichen Ausrichtung des Curriculums und der tatsächlichen Unterrichtsgestaltung. Komplexe Inhalte und fortbestehende Sprachhürden der Teilnehmenden stellen die Lehrkräfte vor didaktisch-methodische Herausforderungen. „Mitunter verwenden Lehrkräfte im Unterricht stark verkürzte kulturbezogene Erklärungen. Um demokratische Werte und Prinzipien jedoch tatsächlich erlebbar zu machen, müsste der Orientierungskurs methodisch vielseitiger und inhaltlich diskursiver gestaltet werden“, so Eugenie Becker, wissenschaftliche Mitarbeiterin im BAMF-FZ. Die Studie macht deutlich, dass der LiD-Abschlusstest einen entscheidenden Einfluss auf die Unterrichtspraxis hat. Im Ergebnis kann dies dazu führen, dass einige Kursteilnehmende die Anwesenheit im Orientierungskurs als nicht zwingend notwendig erachten, da sie sich auf die prüfungsrelevanten Multiple-Choice-Fragen auch selbständig mithilfe von Apps oder anderen Lernmaterialen erfolgreich vorbereiten können. Projekt-Mitarbeitende konnten wiederum insbesondere in den Alphabetisierungskursen ein großes Interesse der Teilnehmenden am mündlichen Austausch über alltagsbezogene Fragestellungen beobachten.

    Konzept zur Bearbeitung konfliktbehafteter Themen fehlt

    Weitere Auswertungen der Studie zeigen eine allgemeine Tendenz unter Lehrkräften und Teilnehmenden, Konflikte zu vermeiden. Dennoch zeichnen sich bestimmte Themenfelder, wie beispielsweise Homosexualität, gleichgeschlechtliche Ehe, Antisemitismus und Rassismus, durch besonders kontroverse Äußerungen aus. „Für viele Lehrkräfte ist es eine Herausforderung, polarisierende Diskurse als Teil der Demokratiebildung angemessen einzubeziehen. Ein spezifisches Unterrichtskonzept, das das Thema Werte erschließbar macht, existiert hierfür nicht“, erläutert Eugenie Becker. Grundsätzlich haben wertebasierte Konflikte selten individuelle Ursachen, vielmehr resultieren sie häufig aus einem Zusammenspiel von Kursmethodik, Lehrkraftintervention, Kurszusammensetzung und externen Einflüssen wie beispielsweise politische Krisen. Jedoch fühlen sich viele Lehrkräfte schlicht nicht ausreichend methodisch und inhaltlich vorbereitet, um wertebasierte Konflikte produktiv zu bearbeiten, weshalb die Vermittlung kontroverser Themen in den Kursen oft nur am Rand stattfindet.

    Ziel: praxisorientierte Ansätze für mehr Demokratiebildung

    Um die Demokratiebildung in den Orientierungskursen ganzheitlicher zu fördern, bedarf es neuer Ansätze sowohl in konzeptioneller als auch struktureller Hinsicht. Eine didaktische Weiterentwicklung des Orientierungskurses könnte den Fokus weg von der Prüfungsvorbereitung, hin zu einer vertieften, partizipativen Demokratiebildung verschieben. Zusätzlich bedarf es eines praxisorientierten Unterrichtskonzepts, das antisemitismus- sowie rassismuskritische Bildungsansätze systematisch miteinbezieht. Fortbildungen für Lehrkräfte im Bereich der Konfliktpädagogik und Diskriminierungssensibilität sind mit Blick auf die Qualitätssicherung ebenso wünschenswert wie auch eine Anpassung der Lehrmaterialien, die nicht nur sprachlich angepasst, sondern auch diskursiv und migrationssensibel umgestaltet werden sollten. „Eine entsprechende Hilfestellung für Lehrkräfte könnte dazu beitragen, dass wertebasierte Konflikte gezielter als Chance für die Demokratiebildung genutzt werden“, sagt Eugenie Becker. Auch eine stärkere Einbindung konkreter lokaler Demokratie- und Teilhabemöglichkeiten würde im Kontext der Orientierungskurse zusätzliche Impulse für die Teilnehmenden vor Ort bieten.

    Den Forschungsbericht „Der Orientierungskurs zwischen Wissens- und Wertevermittlung“ finden Sie unter folgendem Link:
    https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Forschungsberichte/fb53-eval...

    Ansprechpartner für Medienanfragen:
    Jochen Hövekenmeier
    Pressestelle Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
    Telefon: +49 911 943 17799
    E-Mail: pressestelle@bamf.bund.de

    Über das BAMF-Forschungszentrum:
    Mit der Arbeit des 2005 gegründeten Forschungszentrums kommt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seiner gesetzlichen Aufgabe nach, wissenschaftliche Forschung zu Migrations- und Integrationsthemen zu betreiben. Das Forschungszentrum betrachtet das Migrationsgeschehen nach und von Deutschland und analysiert die Auswirkungen der Zuwanderung. Es begleitet Integrationsprozesse und trägt mit seinen Erkenntnissen entscheidend zur Weiterentwicklung von Integrationsmaßnahmen auf Bundesebene bei. Weitere Forschungsschwerpunkte sind u. a. Erwerbs- und Bildungsmigration, Fluchtmigration, Rückkehr und sicherheitsrelevante Aspekte der Zuwanderung. Damit leistet das BAMF-Forschungszentrum einen grundlegenden Beitrag zum Informationstransfer zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.

    Weitere Informationen unter: www.bamf.de/DE/Themen/Forschung/forschung-node.html


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Eugenie Becker, Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

    Ramona Kay, Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge


    Originalpublikation:

    Eckhard, J. (2025). Zehn Jahre in Deutschland. Spracherwerb und Sprachförderung der Geflüchteten von 2015 und 2016 (BAMF-Kurzanalyse 06/2025). Nürnberg. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. https://doi.org/10.48570/bamf.fz.ka.06/2025.d.2025.10jahre.1.0


    Weitere Informationen:

    https://www.bamf.de/SharedDocs/ProjekteReportagen/DE/Forschung/Integration/evalu...


    Bilder

    Der Integrationskurs besteht aus Sprach- und Orientierungskurs
    Der Integrationskurs besteht aus Sprach- und Orientierungskurs
    Quelle: BAMF
    Copyright: BAMF

    Potenziale zur Weiterentwicklung des Integrationskurses
    Potenziale zur Weiterentwicklung des Integrationskurses
    Quelle: BAMF
    Copyright: BAMF


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Gesellschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Der Integrationskurs besteht aus Sprach- und Orientierungskurs


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