idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
26.03.2026 12:52

Estland: Menschen mit familiärem Hintergrund in Russland blicken unterschiedlich auf Sicherheit und Geschichte

Stefanie Orphal Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS)

    Befragte einer ZOiS-Studie in Estland, die einen familiären Hintergrund in Russland haben, blicken anders auf Russlands Krieg in der Ukraine, und sie nehmen Russland weniger stark als Bedrohung wahr. Dabei nähert sich die jüngere Generation den Ansichten der Bevölkerung ohne russischen Hintergrund an.

    Ein neuer ZOiS Report untersucht, wie die estnische Bevölkerung mit und ohne familiären Hintergrund in Russland zu Themen wie nationaler Sicherheit, dem Krieg in der Ukraine und der estnischen Politik und Geschichte steht. Dafür wurden im Jahr 2025 in einer Umfrage 2.062 Personen in Estland befragt. Eine weitere Umfrage im Jahr 2024, ergänzt durch Fokusgruppendiskussionen, lieferte Einblicke in das Verhältnis zwischen älterer und jüngerer Generation. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Estlands hat einen familiären Hintergrund in Russland (bzw. der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik) – eine Zusammensetzung, die immer wieder für Spannungen sorgt.

    Russland und der Krieg gegen die Ukraine

    Unter allen Befragten wird Russland mehrheitlich als die größte Gefahr für die globale Sicherheit eingeschätzt. Befragte mit einem familiären Hintergrund in Russland sind dabei jedoch weniger entschieden. Von ihnen sahen fast 30 % der älteren und 15 % der jüngeren Generation in Russland gar keine Bedrohung.
    Ein ausgeprägter Unterschied zeigt sich mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine. Über 50 % der estnischen Befragten ohne familiären Hintergrund in Russland stimmen der Aussage, dass Russland allein für den Krieg verantwortlich ist, vollständig zu. Diese Einschätzung teilten dagegen nur ein Viertel der jüngeren und 20 % der älteren Befragten mit familiärem Hintergrund in Russland.
    „In den Fokusgruppen zeigte sich besonders deutlich, dass mittlerweile eine abstrakte Vorstellung von Verantwortung für den Krieg vorzufinden ist. Hier beschuldigten Teilnehmende nicht Russland, sondern die globale Wirtschaft oder anonyme Mächte, sich gegen die Interessen der einfachen Menschen vereint zu haben“, berichten Félix Krawatzek und Hakob Matevosyan, die die Forschung durchgeführt haben.

    Annäherung der jüngeren Generation

    Historische Themen sind in Estland eng mit Fragen der Sicherheit und der estnischen Souveränität verknüpft. In der Interpretation von Geschichte, der Einschätzung der Demokratie und sozialer Fragen nähern sich die jüngeren Befragten mit einem russischen Familienhintergrund der restlichen estnischen Gesellschaft an. Die meisten von ihnen beziehen vorwiegend historische Positionen, die mit der estnischen Interpretation des 20. Jahrhunderts übereinstimmen, während die älteren Befragten mit einem russischen Hintergrund einen eher sowjetisch geprägten Blick auf Ereignisse wie den 9. Mai oder Estlands Zeit in der Sowjetunion haben. „Es zeigen sich Hinweise auf einen Generationswechsel, der sicher zu einem guten Teil durch die estnische Schulbildung erklärt werden kann. Gleichzeitig besteht weiterhin ein hohes Maß an Unsicherheit mit vielen „Weiß-nicht“-Antworten – ein Hinweis darauf, dass Geschichte ein gesellschaftlich kontroverses Thema bleibt“, erläutert Félix Krawatzek.

    Zur Studie

    Die Studie ist Teil des vom European Research Council finanzierten Projekts MoveMeRU. Anhand quantitativer und qualitativer Erhebungen in drei Ländern (Deutschland, Kanada und Estland) versuchen die Forschenden herauszufinden, wie Geschichtsbilder innerhalb von Familien weitergegeben werden. Das ist gerade bei Menschen mit familiären Wurzeln in Russland politisch relevant, nicht zuletzt, weil Russland diese Gruppe gezielt mit Desinformationskampagnen anspricht und besonders Geschichtsnarrative für seine Zwecke zu instrumentalisieren versucht.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Félix Krawatzek, felix.krawatzek@zois-berlin.de
    Dr. Hakob Matevosyan, Tel. +49 30 2005949-28, hakob.matevosyan@zois-berlin.de


    Originalpublikation:

    Félix Krawatzek and Hakob Matevosyan: Estonia’s Fractured Social Landscape: Views on Security, Politics and History, ZOiS Report 2/2026.


    Weitere Informationen:

    https://www.zois-berlin.de/publikationen/zois-report/estonias-fractured-social-l...


    Bilder

    Gebäude in Tallinn mit einem Wandgemälde, das von estnischer und nordischer Symbolik inspiriert ist
    Gebäude in Tallinn mit einem Wandgemälde, das von estnischer und nordischer Symbolik inspiriert ist
    Quelle: Hakob Matevosyan
    Copyright: Hakob Matevosyan


    Anhang
    attachment icon Abbildung 2

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Gebäude in Tallinn mit einem Wandgemälde, das von estnischer und nordischer Symbolik inspiriert ist


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).