Malaria hat Süditalien über Jahrhunderte hinweg geprägt. Zwei neue Forschungsprojekte von Dr. Lene Faust und Privatdozent Dr. Christian Franke untersuchen zum einen, wie die Krankheit bis heute gesellschaftliche Strukturen beeinflusst und was das für andere Pandemien bedeuten könnte. Zum anderen geht es um die Entwicklung von Malaria-Medikamenten in den 1920er- und 30er-Jahren in Italien und Deutschland.
Corona hat vielen Menschen erstmals vor Augen geführt, wie tiefgreifend eine Krankheit das soziale Leben verändern kann: Abstandhalten, Vermeidungsstrategien, neue Alltagsroutinen und ein verändertes Sicherheitsgefühl prägten den Alltag. Was bleibt davon, wenn eine solche Bedrohung vorbei ist? Diese Frage stellen Wirtschaftshistoriker PD Dr. Christian Franke und Sozialanthropologin Dr. Lene Faust von der Universität Siegen mit Blick auf Malaria, eine Krankheit, unter der Menschen über Jahrhunderte sehr gelitten haben. Sie konzentrieren sich bei ihrer Forschung in dem von der Volkswagenstiftung geförderten Projekt gezielt auf die Auswirkungen von Malaria in Süditalien. Dort war die Krankheit lange Zeit Teil des Alltags und tief in kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Praktiken verankert. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Malaria allgegenwärtig. Ganze Regionen galten als kaum bewohnbar. Allein in den 1880er-Jahren verzeichneten offizielle Statistiken rund 20.000 Todesfälle pro Jahr. „Malaria beeinflusste Politik, Literatur sowie Stadt- und Landschaftsplanung nachhaltig“, erklären Lene Faust und Christian Franke den Ansatz ihrer Forschung.
Das Projekt geht der Frage nach, was von dieser Erfahrung geblieben ist. „Wir möchten untersuchen, welche Rolle traumatische Erlebnisse wie der Tod von Angehörigen oder dauerhafte Gesundheitsschäden spielen und wie diese Erfahrungen bis heute nachwirken“, so Faust. Dabei möchten er und Lene Faust den Blick weg von kurzfristigen Krisenreaktionen hin zu langfristigen Entwicklungen lenken. Während gut erforscht ist, wie Gesellschaften auf akute Endemien und Pandemien reagieren, weiß man erstaunlich wenig über die tiefen kulturellen, sozialen und sozioökonomischen Spuren von Seuchen. Die Forschenden gehen davon aus, dass sich Malaria tief in das (kulturelle) Gedächtnis eingeschrieben hat. So könnte etwa die bis heute spürbare Zurückhaltung vieler Menschen, sich außerhalb der Städte in bestimmte Landschaften zu wagen, ein fernes Echo der Krankheit sein. „In Süditalien sehen wir durch Malaria ausgelöste Handlungsmuster, die wohl auch Strukturen der organisierten Kriminalität beeinflusst haben“, sagt Franke. „So flohen Landbesitzer beispielsweise vor der Malaria in die Städte und überließen die Arbeit Verwaltern. Dies trug auch dazu bei, dass über lange Zeiträume Parallelstrukturen außerhalb des Rechtssystems entstanden.“
Methodisch beschreitet das Projekt neue Wege: Es verbindet historische Quellenanalyse mit sozialanthropologischer Feldforschung und Erkenntnissen der psychologischen Traumaforschung. Durch diesen multiperspektivischen Ansatz sollen auch unbewusste Dimensionen sozialer Praktiken sichtbar werden.
Ergänzt wird dieses Vorhaben durch ein zweites Malaria-Forschungsprojekt, das von der 2023 gegründeten Finkelstein-Stiftung der Bayer AG gefördert wird. Hier beleuchten Faust und Franke einen bislang wenig erforschten Abschnitt der Malariageschichte: die Zusammenarbeit zwischen der IG Farben/Bayer und dem faschistischen Italien in den 1920er- und 1930er-Jahren. Im Fokus stehen synthetische Malariamittel, ihre Erprobung sowie Fragen nach politischer Instrumentalisierung, wirtschaftlichen Interessen und moralischer Verantwortung von Wissenschaft und Industrie. Das Projekt hinterfragt etablierte Erinnerungskulturen sowie nationale Täter- und Opferrollen und zeigt, wie eng medizinisch-ethische Fragen von Forschung, Politik und Wirtschaft miteinander verflochten sein können.
Die Projekte mit einem Gesamtfördervolumen von rund 430.000 Euro sind an der Fakultät III (Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsrecht) der Universität Siegen angesiedelt.
Dr. Lene Faust
lene.faust@uni-siegen.de
Tel.: 0271/740-2493
PD Dr. Christian Franke
christian2.franke@uni-siegen.de
Tel.: 0271/740-4469
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Copyright: Archiv des Völkerbunds/Collage Stephanie Axt
Dr. Lene Faust und PD Dr. Christian Franke forschen zu sozialen Folgen von Seuchen am Beispiel von M ...
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Wirtschaft
überregional
Forschungsprojekte
Deutsch

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