Die Ergebnisse einer Befragung von 200 britischen Führungskräften zu ihren Einschätzungen gegenüber KI werden verallgemeinert und als Warnung vor kognitiven Schäden dargestellt. Dabei werden Selbstauskünfte einer kleinen Stichprobe zu kausalen Aussagen über „den Menschen“ umgedeutet. Wie methodische Mängel und PR-Interessen eine wissenschaftlich anmutende Gesellschaftsdiagnose erzeugen, zeigt die aktuelle „Unstatistik des Monats”.
Die Bertelsmann Stiftung versteht sich als einflussreiche Stimme in zentralen gesellschaftlichen Feldern wie Bildung, Demokratie, Wirtschaft, Gesundheit und Digitalisierung. Sie tritt dabei nicht nur als Produzentin von Studien auf, sondern auch als Instanz, die Forschungsergebnisse für Politik und Öffentlichkeit einordnet. Gerade deshalb ist es wichtig, wie sorgfältig sie mit der Einordnung externer Studien umgeht.
In ihrem aktuellen KI-Newsletter „reframe[Tech]“ wird eine „neue Studie“ zu Führungskräften und KI-Nutzung aufgegriffen und zugespitzt zusammengefasst – unter anderem mit der Aussage, das Auslagern von Denkarbeit an KI könne dazu führen, dass kritisches Denken verloren gehe oder sogar „das Gehirn verkümmern“ lasse. Grundlage ist der sogenannte Quick Thinking 2.0 Report. Er wurde vom Unternehmen Confluent in Auftrag gegeben. Befragt wurden 200 Führungskräfte in Großbritannien. Der Report berichtet unter anderem:
- 62 Prozent nutzen KI für Entscheidungen,
- 70 Prozent stellen ihr eigenes Urteil infrage, wenn es der KI widerspricht,
- 46 Prozent vertrauen KI stärker als ihren Kollegen.
Diese Zahlen basieren auf Selbstauskünften einer kleinen und spezifischen Gruppe. Methodische Details, etwa zur Auswahl der Befragten oder zur genauen Fragestellung, werden kaum offengelegt. Solche Befragungen können interessante Hinweise liefern, sie sind aber keine belastbare Grundlage für weitreichende Aussagen über Führungskräfte allgemein oder gar über „den Menschen“.
Vom selektiven Selbstbericht zur generellen Gehirndiagnose
Der Report erhebt Einstellungen und Nutzungsverhalten, nicht jedoch kognitive Fähigkeiten. Er misst weder kritisches Denken noch dessen mögliche Veränderung. Die in der Berichterstattung teilweise gezogene Schlussfolgerung, KI-Nutzung führe zum Verlust kritischen Denkens oder lasse „das Gehirn verkümmern“, geht daher weit über das hinaus, was die Daten hergeben. So endet etwa der im Newsletter verlinkte Beitrag bei Futurism mit der Behauptung eines „breiten Konsenses“, dass das Auslagern von Denken an KI das Gehirn atrophieren lasse, ohne dass die zitierten Quellen einen solchen Konsens tatsächlich belegen. Auf diese Weise wird eine Umfrage unter einer kleinen, hoch selektierten Gruppe zu einer scheinbar wissenschaftlichen Gesellschaftsdiagnose aufgeladen.
Zwar gibt es Forschungsarbeiten, etwa von Sam Wineburg und seiner Gruppe, die sich mit möglichen Veränderungen im Umgang mit Informationen und Quellenkritik im Zusammenhang mit der intensiven Nutzung von KI beschäftigen. Diese Studien sind jedoch kontextgebunden, meist korrelativ und keineswegs ein Beleg für allgemeine kognitive Abbauprozesse durch KI-Nutzung.
Ein Blick in den Report macht zudem deutlich, dass er nicht nur neutral über Befragungsergebnisse berichtet, sondern auch ein bestimmtes Narrativ transportiert: Entscheidungsdruck und Unsicherheit werden als Problem vieler Führungskräfte dargestellt; die Nutzung von KI sei ein typischer, aber problematischer Bewältigungsansatz. Die Lösung hingegen seien bessere Dateninfrastrukturen und „Data Streaming“, also das Geschäftsmodell des Auftraggebers. Solche Interessenlagen machen Ergebnisse nicht automatisch falsch, erfordern aber eine besonders sorgfältige Einordnung von Umfragen, die vermutlich vornehmlich dem Zweck der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations, PR) dienen.
Überverallgemeinerung erzeugt die Unstatistik
Der Fall erfüllt mehrere klassische Merkmale einer Unstatistik:
1. Eine eng begrenzte Stichprobe wird verallgemeinert,
2. Selbstauskünfte werden kausal interpretiert,
3. Prozentwerte suggerieren Genauigkeit ohne methodische Transparenz,
4. die Interessen des Auftraggebers bleiben im Hintergrund,
5. mediale Zuspitzung verstärkt die Aussagen weit über die Daten hinaus.
Die Unstatistik liegt hier nicht in einer einzelnen falschen Zahl, sondern in der Transformation einer limitierten Befragung in eine weitreichende Erzählung. Dieses Muster ist übrigens typisch für KI-generierte Texte: Eine aktuelle Studie zeigt, dass KI bei der Zusammenfassung von Studien dazu neigt, wissenschaftliche Ergebnisse zu überverallgemeinern – etwa durch kleine sprachliche Änderungen, die aus „ist assoziiert mit“ ein „führt zu“ machen oder aus „70 Prozent der Teilnehmenden“ ganz generell „Menschen“.
Wir wissen nicht, ob die Berichte über den Quick Thinking Report mit Hilfe von KI entstanden sind. Auffällig ist jedoch, dass genau dieses Muster auch hier zu beobachten ist: Übergeneralisierung und mangelnde Differenzierung führen dazu, dass aus einer PR-Umfrage eine scheinbar wissenschaftlich abgesicherte Aussage über menschliche Kognition wird.
Fazit
Eine angemessene Aussage wäre: Eine kleine Befragung deutet darauf hin, dass einige Führungskräfte KI intensiv nutzen und ihr Vertrauen entgegenbringen. Daraus wird jedoch: KI lässt unser Gehirn verkümmern.
Zwischen diesen beiden Aussagen liegt kein kleiner Interpretationsspielraum, sondern ein grundlegender Unterschied zwischen empirischer Beobachtung und dramatisierender Erzählung. Gerade Institutionen wie die Bertelsmann Stiftung, die für sich in Anspruch nehmen, Orientierung zu geben und Zukunftskompetenzen zu fördern, sollten diesen Unterschied besonders sorgfältig wahren.
Dr. Katharina Schüller, katharina.schueller@stat-up.com
https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
fachunabhängig
überregional
Buntes aus der Wissenschaft
Deutsch

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