idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
01.04.2026 17:42

Millionen Jahre alte Insekten-Symbiosen sind fragiler als gedacht

Angela Overmeyer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

    Ein eingeführtes Bakterium verdrängt den Symbiose-Partner von Getreideplattkäfern – und führt innerhalb weniger Generationen zum vollständigen Zusammenbruch einer bislang stabilen Symbiose.

    Viele Insekten leben seit Millionen von Jahren in enger Symbiose mit Bakterien, die ihnen lebenswichtige Nährstoffe liefern – eine Verbindung, die so eng ist, dass beide Partner ohne den anderen nicht überleben können. Wie und warum Symbionten trotzdem gelegentlich im Laufe der Evolution ausgetauscht werden, war jedoch bislang unklar. In einer neuen Studie haben Forschende des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie in Jena und der Universität Utah nun gezeigt, dass ein neues Bakterium (Sodalis praecaptivus) innerhalb weniger Generationen die Millionen von Jahren alte Symbiose des Getreideplattkäfers Oryzaephilus surinamensis mit seinem Symbionten Shikimatogenerans silvanidophilus zerstören kann. Käferweibchen, denen Sodalis injiziert worden war, konnten das Bakterium über die Eier an ihre Nachkommen weitergeben. Bei mit Sodalis infizierten Käfern wurde jedoch eine verminderte Wirtsfitness festgestellt. Während die Käfer eine starke Immunreaktion auf Sodalis entwickelten, konnte der ursprüngliche Symbiont aufgrund seiner hochgradigen Spezialisierung auf die Nährstoffversorgung nicht auf den Eindringling reagieren und ging schließlich zugrunde. Die Studie zeigt, dass selbst Millionen von Jahren alte Symbiosen fragil sind. Ein neuer Bakterienpartner kann sich schnell durchsetzen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um die Dynamik von Symbiosen in der Evolution zu verstehen.

    Ein Modell für die Dynamik von Symbiosen: Sodalis als Treiber des Symbiontenaustauschs

    Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Insekten und ihren bakteriellen Symbionten ist das Ergebnis einer Millionen Jahre währenden Koevolution. Viele Insekten leben in enger wechselseitiger Beziehung mit symbiotischen Bakterien, die ihnen essentielle Nährstoffe liefern. Diese Partnerschaft hat sich über Jahrmillionen entwickelt und bewährt. Doch eine scheinbar stabile Symbiose ist nicht unveränderlich: Bei manchen Insektenarten beobachtet man gelegentlich den Verlust ursprünglicher Symbionten oder deren Ersatz durch neue Bakterien, obwohl die ursprünglichen Partner über lange Zeiträume hinweg eine enge Symbiose gebildet hatten. Wie und warum dieser Austausch abläuft, ist weitgehend unerforscht, was vor allem auf den Mangel an experimentell manipulierbaren Systemen zurückzuführen ist.

    „Das Fehlen einfach handhabbarer Symbiosen war die treibende Kraft unserer Studie“, erklärt Erstautorin Ronja Krüsemer, aus der Abteilung Insektensymbiosen am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie. „Unser Ziel war es, ein kontrollierbares Modellsystem zu etablieren, das es ermöglicht, den Prozess des Symbiontenaustauschs direkt zu beobachten und zu untersuchen.“

    Sodalis praecaptivus als Eindringling: Verdrängung des ursprünglichen Symbionten im Getreideplattkäfer

    In Zusammenarbeit mit Colin Dale von der Universität Utah, der bereits eine künstliche Symbiose zwischen Getreiderüsselkäfern und dem Bakterium Sodalis praecaptivus hergestellt hatte, entschied sich das Team um Martin Kaltenpoth am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie für einen gezielten Ansatz: Die Forschenden injizierten Sodalis praecaptivus in weibliche Getreideplattkäfer (Oryzaephilus surinamensis), um den Einfluss des Bakteriums auf die natürliche Symbiose zu testen.

    Das neue Bakterium zeigte sich als hoch anpassungsfähig: Es siedelte sich in fast allen Geweben und Organen der Käfer an und wurde erstaunlicherweise erfolgreich über die Eier von der Mutter an die Nachkommen übertragen. Die Forschenden konnten sogar mehrere Generationen aufziehen, was zu einer überraschenden und entscheidenden Erkenntnis führte: In der dritten Nachkommengeneration war der ursprüngliche Symbiont Shikimatogenerans silvanidophilus vollständig verschwunden.

    Die Infektion mit Sodalis hatte jedoch nicht nur Auswirkungen auf den ursprünglichen Symbionten. Die Käfer wiesen eine hellere Färbung ihrer Außenhaut auf, ihre Lebenserwartung war verringert und ihre Fortpflanzungsrate war reduziert. Gleichzeitig war das Immunsystem der Käfer aktiviert, was anhand der erhöhten Expression von Immungenen nachweisbar war. Sodalis drang in die Bakteriome ein, die spezialisierten Organe, die den ursprünglichen Symbionten beherbergen, und veränderte die dort vorherrschenden Bedingungen zu dessen Nachteil.

    Dabei spielt die Genomerosion eine entscheidende Rolle: Shikimatogenerans, das seit Millionen von Jahren mit seinem Wirt koexistiert und ausschließlich in Käfern zu finden ist, hat durch den fehlenden Selektionsdruck viele Gene verloren. Dadurch ist der Symbiont anfälliger für Veränderungen im Wirtsumfeld. Nach der Injektion von Sodalis war Shikimatogenerans nicht in der Lage, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, wies unregelmäßige Zellformen auf und wurde schließlich verdrängt.

    „Wir hatten nicht erwartet, dass der Verlust des ursprünglichen Symbionten so schnell erfolgt“, sagt Ronja Krüsemer. „Diese Beobachtung war eine große Überraschung – und ist zugleich der Schlüssel zur Erforschung eines beginnenden Symbiontenaustauschs.“

    Ein wegweisendes Modellsystem für die Zukunft der Symbioseforschung

    Das System aus Oryzaephilus surinamensis und Sodalis praecaptivus erweist sich nun als vielversprechendes Modell, um die Mechanismen hinter dem Austausch von Symbionten, der Etablierung von Symbiosen und der Evolution von Mutualismen systematisch zu untersuchen. Zukünftige Studien sollen den Einfluss genetischer Mutationen auf die Fitness von Wirt und Symbiont testen und groß angelegte Fitnessexperimente mit infizierten Käfern und deren Nachkommen umfassen.

    „Mit unserem System können wir die Dynamiken hinter einem Symbiontenaustausch direkt beobachten“, fasst Studienleiter Martin Kaltenpoth zusammen. „Unsere Studie zeigt, dass neue Bakterien die ursprünglichen Symbionten verdrängen können – und dass dieser Prozess schneller ablaufen kann, als bisher angenommen. Dabei kann der Verlust des ursprünglichen Symbionten im Rahmen eines beginnenden Symbiontenaustauschs erfolgen.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Ronja Krüsemer, Abteilung Insektensymbiosen, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie, Hans-Knöll-Straße 8, 07745 Jena, Tel. +49 3641 57-1562, E-Mail rkruesemer@ice.mpg.de

    Prof. Dr. Martin Kaltenpoth, Abteilung Insektensymbiosen, Max-Planck-Institut für chemische Ökologie, Hans-Knöll-Straße 8, 07745 Jena, Tel. +49 3641 57-1500, E-Mail kaltenpoth@ice.mpg.de


    Originalpublikation:

    Krüsemer, R., Carvalho, A.S.P., Keller, J. et al. Experimental Sodalis infection eliminates ancient insect symbiont. Nat Commun 17, 3153 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71143-2


    Weitere Informationen:

    https://www.ice.mpg.de/97119/insect-symbiosis Abteilung Insektensymbiosen am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie


    Bilder

    infiziertes Bakteriom
    infiziertes Bakteriom
    Quelle: Ronja Krüsemer
    Copyright: Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

    Ronja Krüsemer und Martin Kaltenpoth
    Ronja Krüsemer und Martin Kaltenpoth
    Quelle: Benjamin Weiss
    Copyright: Max-Planck-Institut für chemische Ökologie


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Biologie, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

    infiziertes Bakteriom


    Zum Download

    x

    Ronja Krüsemer und Martin Kaltenpoth


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).