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09.04.2026 08:13

Nebennierenkarzinome bei Kindern: Forschung und Diagnostik stehen vor besonderen Herausforderungen

Dipl.-Pol. Jörg Maas Pressearbeit
Deutsche Gesellschaft für Pathologie e.V.

    Medienbriefing der Expertin Prof. Dr. Verena Wiegering zum Thema "Nebennierenkarzinome bei Kindern"

    In Deutschland erkranken nur 8 Kinder pro Jahr an einem Nebennierenkarzinom, exakter gesagt an einem Nebennierenrindenkarzinom oder adrenokortikalen Karzinom (ACC). Die Tumoren unterscheiden sich biologisch und klinisch deutlich von denen bei Erwachsenen, produzieren nahezu immer selbst Hormone und sind oft assoziiert mit Krebsprädispositionssyndromen, also erblichen genetischen Erkrankungen. Ein großer Teil der Tumoren ist aggressiv, wächst schnell und streut früh in andere Organe. Daher ist eine komplette operative Entfernung des Tumors essenziell für die Prognose. Die klassische systemische Erstlinientherapie besteht aus einer platinhaltigen Chemotherapie sowie einem selektiven Nebennierenzellgift („Mitotane“). Dadurch kommt es zur (vorübergehenden) Nebenniereninsuffizienz, so dass die Kinder zusätzlich Hormone nehmen, weil die Nebennierenfunktion gestört wird. Diese Kombination macht pädiatrische Nebennierentumoren besonders anspruchsvoll und erfordert hochspezialisierte Expertise – sowohl in der Kinderonkologie als auch in der Kinderpathologie.

    Über die Besonderheiten dieser seltenen Erkrankung, den Stand der Forschung und die Rolle der Kinderpathologie aus Sicht einer Klinikerin haben wir mit Prof. Dr. Verena Wiegering gesprochen. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt pädiatrische Hämatologie und Onkologie sowie Zusatzbezeichnung Palliativmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt.

    Das bereitgestellte Material können Sie für Ihre Berichterstattung nutzen. Gern vermitteln wir Ihnen Prof. Dr. Verena Wiegering als Interviewpartnerin und stellen bei Bedarf weiteres Material zur Verfügung.

    Zahlen – Daten – Fakten
    • Rund 2.300 Kinder und Jugendliche erkranken in Deutschland pro Jahr neu an Krebs.
    • Nur etwa 8 Kinder davon erkranken an einem Nebennierenrindenkarzinom –
    medizinisch: adrenokortikales Karzinom (ACC).
    • Bei unter 40 Prozent liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei fortgeschrittenen
    pädiatrischen Nebennierenkarzinomen. Die Heilungschancen hängen vor allem davon
    ab, wie weit der Tumor schon fortgeschritten ist und ob man ihn komplett operativ
    entfernen kann.
    • Eine Nebenniere ist rund 3 cm lang, 1,5 cm breit und wiegt etwa 10 Gramm. Die
    Drüse liegt am oberen Ende der Niere und produziert wichtige Hormone.
    In der Nebennierenrinde:
    • Cortisol (Stoffwechsel, Stress)
    • Aldosteron (Wasser- und Salzhaushalt)
    • Androgene (Sexualhormone)
    Im Nebennierenmark:
    • Adrenalin (Stressreaktion)
    • Dopamin (Motivation, Antrieb)
    • Etwa 90 Prozent der pädiatrischen Nebennierenkarzinome sind hormonaktiv, das
    heißt, auch der Tumor selbst produziert Androgen, Cortisol und/oder Aldosteron. Das
    fällt zum Beispiel durch vorzeitige Pubertätsentwicklung oder vermehrte Behaarung
    und tiefe Stimme auf.
    Quellen: Robert Koch-Institut; Deutsches Kinderkrebsregister; Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie

    Nachgefragt bei …

    … Prof. Dr. Verena Wiegering, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt pädiatrische Hämatologie und Onkologie und Zusatzbezeichnung Palliativmedizin, von der Universitätsmedizin Frankfurt.

    Was ist die Besonderheit bei Nebennierentumoren bei Kindern?
    Da gibt es einige Punkte: Nebennierenkarzinome bei Kindern verhalten sich im Vergleich zu Tumoren bei Erwachsenen deutlich anders: Sie haben häufig andere molekulargenetische Eigenschaften und andere Signalwege. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist, dass diese Tumoren bei Kindern fast immer hormonaktiv sind, also selbst Hormone produzieren, insbesondere Cortisol und Androgene. Die Tumoren schaffen sich dadurch gewissermaßen eine schützende Umgebung, die die Immunantwort abschwächt und Therapien weniger wirksam bzw. den Tumor resistent gegen viele Therapien macht. Dazu kommt, dass bei Kindern deutlich häufiger genetische Veranlagungen eine Rolle spielen. Genau diese Unterschiede führen dazu, dass Therapien, die bei Erwachsenen funktionieren, nicht einfach übertragbar sind. Gleichzeitig sind die Tumoren extrem selten, mit nur wenigen Fällen pro Jahr. All das macht sie zu einer sehr komplexen und herausfordernden Erkrankung, die eine eigene spezialisierte Betrachtung und Forschung erforderlich macht.

    Wie ist der Stand der Forschung?
    Die Forschung zu Nebennierenkrebs im Kindesalter ist bisher noch sehr begrenzt. Wir sind auf internationale Zusammenarbeit angewiesen, um überhaupt genügend Daten und Proben zu sammeln – aber diese Zusammenarbeit wächst seit etwa zehn Jahren, zum Beispiel im European network for the study of adrenal tumors – ENSAT. Dort gibt es ENSAT Kids, den Verbund von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die länderübergreifend untersuchen, welche Gene, Signale und Mechanismen Nebennierenkarzinome bei Kindern antreiben. Aktuell liegt der Forschungsschwerpunkt noch stark auf präklinischer Forschung, also auf Arbeiten mit Zelllinien und patienteneigenen Zellmodellen, um Resistenzmechanismen zu untersuchen und Therapieansätze zunächst im Labor zu testen. Wir haben inzwischen aber ein viel besseres biologisches Verständnis dieser Entität als noch vor zehn Jahren.

    Sie haben sich neben Ihrer klinischen Tätigkeit der Erforschung dieser Karzinome verschrieben. Was möchten Sie persönlich erreichen?
    Ich möchte dazu beitragen, dass wir diese sehr seltenen Tumoren besser verstehen, um die Behandlung gezielter und individueller zu gestalten. Ich wünsche mir, dass wir bald in der Lage sind, Risikogruppen genauer zu definieren und personalisierte Therapien zu entwickeln, damit vor allem die Kinder mit ungünstiger Prognose eine bessere Chance auf Heilung haben.

    Warum ist eine Spezialisierung auf Kinderpathologie wichtig?
    Tumoren im Kindesalter hängen oft mit genetischen Veranlagungen oder speziellen Syndromen zusammen. Zudem ist der Ursprung der Tumoren häufig ein anderer als bei Erwachsenen, bei denen zum Beispiel Umweltgifte eine Rolle spielen. Um dieses Wissen in die Diagnosefindung einzubringen, braucht es speziell geschulte Pathologinnen und Pathologen. Sie müssen einen Überblick über die Besonderheiten und Erkrankungen des Kindesalters haben. In Frankfurt profitiere ich davon, dass wir in einem zertifizierten Kinderonkologischen Zentrum sowie einem gut vernetzten Umfeld arbeiten und auf spezialisierte pathologische Expertise zurückgreifen können. Gerade bei Kindern und so seltenen Tumoren ist es entscheidend, dass die Diagnostik in erfahrenen Händen liegt.

    Zitat
    Prof. Dr. Verena Wiegering, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt pädiatrische Hämatologie und Onkologie und Zusatzbezeichnung Palliativmedizin, von der Universitätsmedizin Frankfurt.

    „Für mich als Klinikerin ist die Pathologie mit Kolleginnen und Kollegen, die auf Tumoren im Kindesalter spezialisiert sind, die zentrale Grundlage jeder Krebsdiagnose. Gerade bei Kindern, wo Krebs oft ganz anders ist als bei Erwachsenen, ist diese spezialisierte Diagnostik entscheidend. Deshalb brauchen wir dringend ausreichend spezialisierte Kinderpathologinnen und -pathologen und entsprechende geschützte Strukturen in Deutschland.“

    Ansprechpartner für Medienanfragen:
    Saskia Lehmkühler
    Referentin Mitgliederangelegenheiten & Öffentlichkeitsarbeit
    Tel.: +49 30 25760 727
    lehmkuehler@pathologie-dgp.de


    Originalpublikation:

    https://www.pathologie-dgp.de/die-dgp/monatsthemen/?tx_news_pi1%5Baction%5D=deta...


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Medizin
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


     

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