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09.04.2026 09:00

Vermeidbare Sterblichkeit in Westeuropa: Deutschland liegt bei Eindämmung weiterhin zurück

Dr. Christian Fiedler Pressestelle
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

    Obwohl Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte bei der Reduzierung der vermeidbaren Sterblichkeit erzielen konnte, hat sich der Rückstand zu vielen Regionen in Westeuropa nicht verringert. Im Vergleich zu Regionen und Ländern mit besonders günstiger Entwicklung wie etwa der Schweiz hat sich der Abstand sogar noch vergrößert. Als vermeidbar gelten solche Todesfälle, die bei effizienter medizinischer Behandlung oder durch präventive Maßnahmen hätten verhindert werden können. Für die Studie wurden Daten aus 581 europäischen Regionen im Zeitraum von 2002 bis 2019 ausgewertet.

    Dies geht aus einer neuen Studie hervor, die Forschende des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) sowie der Universitäten Groningen und Oldenburg in der Fachzeitschrift European Journal of Population veröffentlicht haben

    „Im Gegensatz zu vielen anderen westeuropäischen Gebieten weisen viele deutsche Regionen kontinuierlich höhere Zahlen bei der vermeidbaren Sterblichkeit auf“, erklärt Dr. Michael Mühlichen, Mitautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB. Besonders betroffen ist der Nordosten Deutschlands – darunter Nordthüringen, Ostniedersachsen sowie größere Gebiete von Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

    Betrachtet man die Situation in Westeuropa, so fällt ein klares Muster auf: In der Schweiz sowie in weiten Teilen von Italien, Frankreich und Spanien sterben vergleichsweise wenige Menschen an vermeidbaren Ursachen. Diese Regionen identifizieren die Forschenden als stabile „Coldspots“. Innerhalb Deutschlands gehörte lediglich die Region zwischen Tübingen und Ulm zeitweise zu den Coldspots. „Hotspots“ mit vergleichsweise hoher vermeidbarer Sterblichkeit finden sich dagegen außerhalb von Deutschland vor allem in Belgien, im Norden und Nordosten Frankreichs, im Osten Österreichs und im Südwesten Spaniens.

    Gründe für die großen regionalen Differenzen sehen die Forschenden einerseits in der unterschiedlichen Effizienz bei der Früherkennung und Behandlung von Krankheiten. Andererseits spielt das gesundheitsrelevante Verhalten der Bevölkerung eine wichtige Rolle. „Gerade im Bereich Prävention besteht in Deutschland noch Aufholpotenzial, um den häufigsten Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßigem Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel entgegenzuwirken“, erklärt Mühlichen.

    Die regionalen Gefälle innerhalb von Staaten und über Staatsgrenzen hinweg verdeutlichen, dass sich gesundheitliche Ungleichheiten in Europa nicht allein durch Unterschiede zwischen nationalen Gesundheitssystemen erklären lassen. Auch sozioökonomische Faktoren wie Einkommen, Bildung und Beschäftigungsperspektiven spielen eine wichtige Rolle. „Um vermeidbare Todesfälle langfristig zu verringern, sollten gesundheitspolitische Maßnahmen daher noch stärker an regionalen Bedarfen ausgerichtet sein, die sich etwa aus den sozialen Bedingungen oder gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen ergeben“, schlussfolgert Forschungsgruppenleiter und Mitautor Dr. Pavel Grigoriev vom BiB.

    Vermeidbare Sterblichkeit umfasst vorzeitige Todesfälle in Bezug zur Bevölkerung im Alter von 0 bis unter 75 Jahren, die durch effiziente medizinische Versorgung oder präventive Maßnahmen hätten verhindert werden können. Medizinisch vermeidbare Sterblichkeit bezieht sich auf Todesfälle, die durch Früherkennung sowie rechtzeitige und angemessene medizinische Behandlung hätten vermieden werden können. Präventiv vermeidbare Sterblichkeit umfasst Todesfälle, die durch Vorsorge, gesunde Lebensweise oder Sicherheitsmaßnahmen hätten verhindert werden können. Die Einstufung erfolgt anhand der auf dem Totenschein diagnostizierten Grundleiden, die in der Todesursachenstatistik erfasst sind. Die Studie berücksichtigt nur den Zeitraum bis 2019, da die Zahlen ab 2020 durch die Coronapandemie stark beeinflusst wurden. Durch den Fokus auf den Zeitraum 2002 bis 2019 können somit die langfristigen Tendenzen ohne Verzerrungen durch pandemiebedingte Sondereffekte betrachtet werden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Michael Mühlichen michael.muehlichen@bib.bund.de
    Dr. Pavel Grigoriev Pavel.Grigoriev@bib.bund.de
    Prof. Dr. Sebastian Klüsener Sebastian.Kluesener@bib.bund.de


    Originalpublikation:

    Stroisch, Sophie; Mühlichen, Michael; Grigoriev, Pavel; Vogt, Tobias (2025): Spatial Differences in Avoidable Mortality Across 581 European Districts, 2002–2019. European Journal of Population 42(1). https://doi.org/10.1007/s10680-025-09761-7


    Bilder

    Entwicklung der vermeidbaren Sterblichkeit in westeuropäischen Regionen zwischen 2002 und 2019
    Entwicklung der vermeidbaren Sterblichkeit in westeuropäischen Regionen zwischen 2002 und 2019

    Copyright: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Medizin, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Entwicklung der vermeidbaren Sterblichkeit in westeuropäischen Regionen zwischen 2002 und 2019


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