Kristalle, Bakterienkolonien, Flammenfronten: Das Wachstum von Oberflächen wurde in den 1980er Jahren durch die Kardar-Parisi-Zhang-Gleichung beschrieben. Seither gilt sie als fundamentales Modell in der Physik mit Auswirkungen auf Mathematik, Biologie und Informatik. Jetzt – vierzig Jahre später – gelang einem Würzburger Forschungsteam des Exzellenzclusters ctd.qmat der erste experimentelle Nachweis für 2D-Oberflächen in Raum und Zeit. Möglich wurde das durch ausgeklügeltes Materialdesign und einen wissenschaftlichen Coup: Im Labor wurden Polaritonen ins Material geschleust – eine Mischung aus Licht- und Materieteilchen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.
Vierzig Jahre universelles Wachstum:
Die Frage, wie Oberflächen wachsen, gehört zu den fundamentalsten Fragen in der Physik. 1986 legten drei Physiker mit der Kardar-Parisi-Zhang (KPZ)-Gleichung den Grundstein für eine universelle Theorie des Wachstums – mit weitreichenden Anwendungen in Physik, Mathematik, Biologie und Informatik: Von der Dynamik physikalischer Kristallisationsprozesse, mathematischen Systemanalysen, bis zum Wachstum von Zellen, Populationen oder Flammenfronten bis zur Entwicklung von Algorithmen für das maschinelle Lernen – überall dort, wo Wachstumsprozesse modelliert werden, wird die sogenannte KPZ-Universalitätsklasse eingesetzt.
Nachdem das universelle Wachstumsmodell im Jahr 2022 erstmals für eindimensionale Polariton-Systeme nachgewiesen werden konnte, hat ein Würzburger Forschungsteam dieses mächtige theoretische Werkzeug erneut im Labor geprüft und den weltweit ersten experimentellen Nachweis für zweideimensionale Oberflächen erbracht.
Würzburger Forschungsteam beweist Standard in 2D-Quantensystem mit einem Coup:
„Wenn Oberflächen wachsen – egal ob Kristalle, Bakterien oder Flammenfronten – ist das immer ein nicht-linearer, zufälliger Prozess. In der Physik sagen wir, dass sich ein System im Nicht-Gleichgewicht befindet“, erklärt Siddhartha Dam, Postdoc des Würzburg-Dresdner Exzellenzclusters ctd.qmat am Lehrstuhl für Technische Physik der Universität Würzburg. „Ein System zu entwickeln, das sich im Nicht-Gleichgewicht befindet und gleichzeitig die räumliche und zeitliche Entwicklung dieses Prozesses zu messen, ist äußerst anspruchsvoll – nicht zuletzt, weil sich das auf extrem kurzen Zeitskalen abspielt. Daher hat der experimentelle Nachweis des KPZ-Modells für zweidimensionale Systeme so lange gedauert. Wir haben es geschafft, ein Quantensystem im Nicht-Gleichgewicht im Labor zu kontrollieren. Das ist technisch überhaupt erst seit Kurzem möglich.“
Hierfür haben die Forschenden eine auf Galliumarsenid (GaAs) basierte Halbleiterprobe im Labor auf -269,15 Grad Celsius gekühlt und kontinuierlich mit einem Laser bestrahlt. Durch gezieltes Materialdesign entstanden in einer bestimmten Schicht Polaritonen – eine Mischung aus Lichtteilchen (Photonen) und Materieteilchen (Exzitonen). Polaritonen selbst existieren nur im Nicht-Gleichgewicht: Sie enstehen durch eine Laseranregung und zerfallen in nur ein paar Picosekunden. Dann verlassen sie das System. „Wir können genau messen, wo die Polaritonen im Material sind. Wenn wir das Quantensystem mit Licht füttern, entstehen Polaritonen – sie wachsen. Mit ausgeklügelter Labortechnik konnten wir die Orts- und Zeitabhängigkeit dieses wachsenden Quantensystems quantifizieren und haben gesehen, dass es mit dem KPZ-Modell übereinstimmt“, so Dam.
Der Coup, eine universelle Theorie zum Wachstum in einem Quantensystem mit Polaritonen zu überprüfen, die es selbst nur in einem hochdynamischen Wachstumsprozess gibt, geht auf Sebastian Diehl zurück – Professor am Institut für Theoretische Physik der Universität zu Köln und Mitglied des Forschungsteams. Die theoretische Vorarbeit dazu stammt von 2015. Im Jahr 2022 folgte der erste experimentellen Nachweis einer Pariser Forschungsgruppe – allerdings für ein eindimensionales System. „Der experimentelle Nachweis der KPZ-Universalitätsklasse in zweidimensionalen Materialsystemen zeigt, wie fundamental die Gleichung für reale Nicht-Gleichgewichtssysteme ist“, kommentiert Diehl den Forschungserfolg des Würzburger Teams.
Gezieltes Materialdesign ermöglicht Einschleusen der Polaritonen:
Um die Polaritonen ins Material zu schleusen, musste das Forschungsteam eine hochkomplexe Materialprobe designen: Spiegelschichten halten die Lichtteilchen (Photonen) in einer mittleren Materialschicht, dem sogenannten Quantenfilm. Hier können sie sich mit den Materieteilchen der Galliumarsenid-Probe (Exzitonen) zu Polaritonen verbinden, wachsen und gemessen werden.
„Durch die präzise Kontrolle der Schichtdicke einzelner Materiallagen mittels Molekularstrahlepitaxie konnten wir ihre optischen Eigenschaften gezielt einstellen und die entscheidenden Spiegelschichten im Ultrahochvakuum herstellen“, erklärt Simon Widmann, Doktorand am Lehrstuhl für Technische Physik und gemeinsam mit Siddhartha Dam verantwortlich für die Durchführung der Experimente. „Wir kontrollieren, wie die Materialien Atomlage um Atomlage entstehen – und beeinflussen alle Randbedingungen, zum Beispiel den Laser, der die Probe mikrometergenau bestrahlen muss. Nur so konnte der Nachweis der KPZ-Universalität gelingen.“
ctd.qmat:
Das Exzellenzcluster ctd.qmat – Complexity, Topology and Dynamics in Quantum Matter (Komplexität, Topologie und Dynamik in Quantenmaterialien) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Technischen Universität Dresden erforscht und entwickelt neuartige Quantenmaterialien mit maßgeschneiderten Eigenschaften. Etwa 300 Wissenschaftler:innen aus mehr als 30 Ländern entwerfen an der Schnittstelle von Physik, Chemie und Materialwissenschaften die Grundlagen für die Technologien der Zukunft. 2026 ist das Cluster in die 2. Förderperiode der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gestartet – mit erweitertem Fokus auf die Dynamik von Quantenprozessen.
Prof. Sven Höfling
Lehrstuhl für Technische Physik
Universität Würzburg
Email: sven.hoefling@uni-wuerzburg.de
Tel: +49 (0)931 3183613
Observation of Kardar–Parisi–Zhang universal scaling in two dimensions; Simon Widmann, Siddhartha Dam, Johannes Düreth, Christian G. Mayer, Romain Daviet, Carl Philipp Zelle, David Laibacher, Monika Emmerling, Martin Kamp, Sebastian Diehl, Simon Betzold, Sebastian Klembt, Sven Höfling; Science, Vol 392 Issue 6794, 2026, pp. 221-224, DOI: 10.1126/science.aeb4154.
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Illustration: So wachsen Oberflächen! Forschungsteam gelingt Nachweis für universelles 2D-Wachstum
Copyright: © think-design | Jochen Thamm
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
Biologie, Informationstechnik, Mathematik, Physik / Astronomie, Werkstoffwissenschaften
überregional
Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
Deutsch

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