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13.04.2026 12:47

Vertrieben, vergessen, wiederentdeckt

Sabine Nitz Stabsstelle für Presse, Kommunikation und Marketing
Universität Siegen

    Charlotte Leubuscher war eine Pionierin der Ökonomik. Sie ist die erste habilitierte Nationalökonomin Deutschlands und doch kaum bekannt. Die Universität Siegen benannte ein Gebäude nach ihr und rückt die außergewöhnliche Wissenschaftlerin wieder ins Licht.

    Viele nennen es noch immer „das alte Gesundheitsamt“. Doch wer heute am Campus Unteres Schloss der Universität Siegen unterwegs ist, kommt am Charlotte-Leubuscher-Haus vorbei. Dort ist unter anderem die Plurale Ökonomik zu Hause und der Name eine bewusste Entscheidung. Angestoßen hat die Benennung 2018 ein Arbeitskreis, zu dem auch Dr. Svenja Flechtner, Juniorprofessorin für Plurale Ökonomik, gehörte. „Wir suchten eine Persönlichkeit, mit der wir uns identifizieren können“, sagt sie. Und es sei klar gewesen: Dieses Gebäude soll nach einer Frau benannt werden. „Leider gibt es in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften nicht so viele Frauen“, so Svenja Flechtner.

    Die Recherche führte zu Charlotte Leubuscher (1888–1961). Sie war die erste Frau in Deutschland, die sich im Fach Nationalökonomie habilitierte. Sie studierte Staatswissenschaften, als Frauen gerade erst zugelassen wurden, und promovierte 1913 in Berlin. Sie hätte, so Flechtner, wohl eine der ersten ordentlichen Professorinnen werden können, wenn ihr die Nationalsozialisten nicht aufgrund ihres „jüdisch-stämmigen“ Großvaters 1933 die Lehrbefugnis entzogen hätten.

    Leubuscher dachte Wirtschaft anders. Schon ihre Dissertation über den Streik der englischen Eisenbahner verband präzise empirische Analyse mit sozialpolitischer Einordnung. In der Weimarer Republik diagnostizierte sie eine „Krise der Sozialpolitik“ und forderte, soziale Fragen als Teil der gesamten Wirtschaftsordnung zu begreifen. Später weitete sie ihren Blick auf internationale Handelsbeziehungen und koloniale Strukturen aus. Eine Forschungsreise nach Südafrika Anfang der 1930er Jahre führte zu einer Studie über die Industrialisierung und die Lage der schwarzen Bevölkerung. Für die damalige deutsche Ökonomik ein ungewöhnlich globaler Blick.

    „Sie hat sehr kontextual gearbeitet“, sagt Svenja Flechtner. „Sie beschreibt nicht nur, sondern reflektiert auch die normativen Auswirkungen von Wirtschaftspolitik.“ Genau das mache
    sie anschlussfähig für die Plurale Ökonomik in Siegen. „Wenn man ihre Texte liest, ist man von ihrer Detailkenntnis beeindruckt. Da kann man auch heute noch viel lernen.“

    1933 emigrierte Leubuscher nach England. Sie arbeitete unter anderem an der London School of Economics und wirkte am „African Survey“ zur britischen Kolonialpolitik mit. Doch eine dauerhafte Professur blieb ihr verwehrt. „Ihre Geschichte in England liest sich wie die Geschichte des Prekariats in der Wissenschaft“, so Svenja Flechtner. Zeitverträge, Auftragsarbeiten, geringe Sichtbarkeit. „Das ging so bis zu ihrem Tod 1961 in London.“
    Leubuscher war, so legen Briefe nahe, sachlich, nüchtern, wenig interessiert an akademischem Smalltalk. Netzwerken fiel ihr schwer. Eine kantige Persönlichkeit. Ohne Ehe, ohne Kinder, ganz auf ihre Themen konzentriert. „Diese Forschungsreise nach Südafrika, ganz allein, das war ihr Ding“, meint Svenja Flechtner. Dass Leubuscher keinen biografischen Bezug zu Siegen hatte, war und ist für sie kein Problem. „Wer sollte sie sonst sichtbar machen? Wir stellen den Bezug her, indem wir uns mit ihr beschäftigen.“

    So veröffentlichte Dr. Svenja Flechtner vor Kurzem gemeinsam mit Dr. Reinhard Schumacher und Dr. Matthias Storring den Aufsatz „Charlotte Leubuscher – Von der Sozialen Frage
    zur Pionierin der Entwicklungsökonomik“ im Buch „Ökonominnen. Frauen in der Geschichte
    der Wirtschaftswissenschaften“. „Wenn ich eine Zeitreise machen könnte, würde ich sie gern treffen“, sagt die Siegener Wissenschaftlerin über Charlotte Leubuscher. Noch hängt kein Porträt im Foyer, kein erklärendes Schild an der Wand. Aber der Name ist Teil der Uni-Struktur und rückt damit eine Ökonomin ins Bewusstsein, die es verdient hat, vorm Vergessen bewahrt zu werden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Jun.-Prof. Dr. Svenja Flechtner
    Tel.: 0271/740-2414
    svenja.flechtner@uni-siegen.de


    Originalpublikation:

    Rainer Klump (Hrsg.)
    Ökonominnen. Frauen in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften
    Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XLIII
    Schriften des Vereins für Socialpolitik (SVS), Band 115/XLIII, Duncker&Humblot, Berlin
    2025.


    Bilder

    Jun.-Prof. Dr. Svenja Flechtner forschte zur Ökonomin Charlotte Leubuscher, nach der ein Gebäude am Campus Unteres Schloss benannt ist.
    Jun.-Prof. Dr. Svenja Flechtner forschte zur Ökonomin Charlotte Leubuscher, nach der ein Gebäude am ...
    Quelle: Carsten Schmale
    Copyright: Universität Siegen


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Jun.-Prof. Dr. Svenja Flechtner forschte zur Ökonomin Charlotte Leubuscher, nach der ein Gebäude am Campus Unteres Schloss benannt ist.


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