Studie zeigt erstmals direkten Zusammenhang zwischen politischer Gewalt und Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch Familienangehörige, Bekannte und Peer-Groups. Grundlage sind Befragungen von über 35.000 jungen Menschen in neun Ländern Afrikas.
Im Jahr 2022 wuchs etwa jedes sechste Kind weltweit – das sind fast 470 Millionen Kinder – in Regionen auf, die von gewaltsamen Konflikten betroffen waren. Die unmittelbaren Auswirkungen bewaffneter Konflikte für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, darunter Krankheit, Vertreibung und Tod, sind umfassend erforscht. Vergleichsweise unklar ist dagegen, welche Rolle politische Gewalt für verschiedene Formen von Gewalt spielt, denen junge Menschen in ihrem häuslichen Umfeld und in ihrer Gemeinschaft ausgesetzt sind.
Emotionale, körperliche sowie sexuelle Gewalt in der Folge politischer Gewalt
Ein internationales Forschungsteam der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), des ISDC − International Security and Development Centers in Berlin, der London School of Hygiene and Tropical Medicine und des Natural Resources Institute (NRI) der University of Greenwich hat nun für neun afrikanische Länder untersucht, inwiefern die Konfrontation mit politischer Gewalt in Zusammenhang steht mit späteren Gewalttaten gegen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Dabei hat das Team verschiedene Formen von Gewalt gegen junge Menschen untersucht, insbesondere körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt und emotionale Gewalt, die von Familienangehörigen, Lehrkräften oder von Personen aus dem Freundeskreis und der Nachbarschaft ausgeübt wird.
Für die Untersuchung wurden Daten von Befragungen von über 35.000 jungen Menschen im Alter von 13 bis 24 Jahren in der Elfenbeinküste, in Kenia, Malawi, Mosambik, Namibia, Nigeria, Uganda, Sambia und Simbabwe ausgewertet. In diesen Ländern leben etwa 30 Prozent der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Afrikas. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 18 Jahren.
Statistisch signifikanter Zusammenhang bei langjährigen Messperioden
Die Analyse der Daten zeigt, dass politische Gewalt, die sich während eines Zeitraums von 15 Jahren vor den Befragungen ereignete, in einem statistisch signifikanten Zusammenhang mit emotionaler Gewalt steht, die kürzlich von Familienangehörigen ausgeübt wurde, mit körperlicher Gewalt durch Intimpartner*innen sowie mit sexueller Gewalt gegen Jugendliche in ärmeren Haushalten. Dieser statistische Zusammenhang zeigt sich sogar in Ländern wie der Elfenbeinküste, Namibia und Uganda, in denen politische Gewalt weniger ausgeprägt ist. Bei der Messung von politischen Gewaltereignissen über nur wenige Jahre vor den Befragungen zeigte sich dagegen kein statistisch bedeutsamer Zusammenhang zwischen politischer Gewalt und Gewalt gegen junge Menschen. Die Ergebnisse der Studie sind kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications erschienen.
„Gewalt erzeugt neue Gewalt und zwar in mehrerlei Hinsicht, als bisher bekannt war“
„Es ist das erste Mal, dass diese Form der Gewaltkette empirisch nachgewiesen wurde. Und sie ist ganz entscheidend dafür, zukünftig Maßnahmen zu finden, die junge Menschen effektiv vor Gewalt schützen. Dabei umfasst Gewalt gegen junge Menschen nicht nur physische Gewalt, sondern auch sexuelle und emotionale Gewalt“, sagt Dr. Tilman Brück, Professor für Wirtschaftliche Entwicklung und Ernährungssicherheit am Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der HU und Ko-Autor der Studie.
Dr. Olusegun Fadare, Entwicklungsökonom am Natural Resources Institute der University of Greenwich und ebenfalls Ko-Autor der Studie, ergänzt: „Unsere Studie zeigt, dass die Auswirkungen politischer Gewalt tiefgreifender sind als die Schlagzeilen vermuten lassen; sie prägen Einstellungen und Verhaltensweisen über große Zeiträume hinweg, lange nachdem die politische Gewalt ein Ende gefunden hat.“
Quantitative Belege für einen schon länger vermuteten Zusammenhang
„Mit dieser Studie liefern wir erstmals solide, quantitative Belege für einen Zusammenhang, den die unabhängige Kinderrechtsorganisation Save the Children schon lange vermutet, bisher aber nicht in großem Maßstab belegen konnte: Politische Gewalt endet nicht, wenn die Waffen schweigen, sondern sie prägt langfristig den Umgang mit jungen Menschen in ihren Familien, Schulen und Gemeinschaften“, sagt Entwicklungsökonomin Dr. Marcella Vigneri von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und Erstautorin der Studie.
Die Grundlage der Datenanalyse waren Umfragedaten zu Gewalterfahrungen junger Menschen im Alter von 13 bis 24 Jahren in der Elfenbeinküste, Kenia, Malawi, Mosambik, Namibia, Nigeria, Uganda, Sambia und Simbabwe, die im Rahmen der Violence Against Children Surveys (VACS) erhoben worden sind. Die Befragungen erfassten die Erfahrungen junger Menschen mit Gewalt in den zwölf Monaten vor der jeweiligen Umfrage. Die Umfrageergebnisse haben die Forschenden mit detaillierten Daten zu politischen Gewaltereignissen in den entsprechenden Ländern zusammengeführt – erhoben durch die Nichtregierungsorganisation Armed Conflict Location & Event Data (ACLED).
Prof. Dr. Tilman Brück
Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: tilman.brueck@hu-berlin.de
Tel: 0151 1117 5462
Vigneri, M., O. Fadare, K. Devries, V. Iversen and T. Brück (2026). “Past political violence and interpersonal violence against children and youth in Africa.” Nature Communications, vol. 17, no. 3044.
https://doi.org/10.1038/s41467-026-71075-x
Nach politischen Unruhen leiden junge Menschen in Afrika unter Gewalt im familiären und weiteren pri ...
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