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24.04.2026 15:16

Potenzial statt Defizit: Neue Studie beleuchtet die synergetische Verbindung von ADHS und Kreativität

Adrian Chalifour Corporate Communications
Constructor University

    Wie kann ADHS gleichzeitig eine tägliche Herausforderung für Millionen von Menschen und ein gemeinsames Merkmal erfolgreicher Künstler*innen und Innovator*innen wie Justin Timberlake oder Simone Biles sein? Die Wissenschaft hinter diesem Paradoxon steht im Mittelpunkt einer neuen Forschungsarbeit der Neurowissenschaftlerin Dr. Radwa Khalil von der Constructor University, die in iScience veröffentlicht wurde.

    Die Studie untersucht die gemeinsamen neurologischen Mechanismen, die Kreativität und Aufmerksamkeit verbinden. Sie zeigt auf, wie bestimmte mit ADHS assoziierte kognitive Prozesse – wie etwa eine „defokussierte Aufmerksamkeit“ – kraftvolle Quellen kreativen Denkens sein können, wenn sie richtig genutzt werden.

    Die Ergebnisse bieten vielversprechende Perspektiven für Kreativtherapien, die Kunst, Musik und Tanz als wirksame, nicht-pharmazeutische Interventionen für die fast acht Prozent der Kinder weltweit nutzen, die von ADHS betroffen sind.

    Die Studie, die gemeinsam mit Wissenschaftler*innen mehrerer renommierter französischer Forschungseinrichtungen verfasst wurde, signalisiert einen Paradigmenwechsel im Verständnis von ADHS. „Es gibt eine Tendenz, aufmerksamkeitsbezogene Zustände wie ADHS rein durch die Brille des Defizits zu betrachten: Was ist falsch, was fehlt oder was muss repariert werden?“, sagt Dr. Khalil. Sie erklärt, dass ADHS zwar oft als Defizit gesehen wird, neue Erkenntnisse jedoch zeigen, dass Aufmerksamkeit und Kreativität dieselben neuronalen Netzwerke nutzen. „Neurodivergente Aufmerksamkeitsmuster sind daher nicht bloß Probleme. Sie können Wege zu kraftvollem kreativem Denken ebnen, wenn sie entsprechend gelenkt werden“, sagt sie.

    Die Arbeit unter dem Titel „Attention Unleashed: creative therapy for thoughtful transformation” führt Forschungsergebnisse verschiedener Disziplinen zusammen, um zu verdeutlichen, wie Kreativität und Aufmerksamkeitsverarbeitung in überlappenden neuronalen Netzwerken stattfinden. Sie erläutert weiter, dass frei-assoziative Denkmuster, die kreative Ideen hervorbringen, auch mit Ablenkbarkeit, Tagträumerei und anderen Verhaltensweisen in Verbindung stehen, die häufig bei ADHS beobachtet werden.

    Dr. Khalil nutzt eine Analogie, um die Verbindung zu verdeutlichen: „Stellen Sie sich Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer vor. Die meisten Menschen können ihren Strahl auf eine einzige Sache bündeln. Gehirne mit ADHS haben einen breiteren Lichtkegel und nehmen mehr Informationen auf einmal wahr. Dieser Zustand kann Routineaufgaben, die Konzentration erfordern, erschweren. Doch dieser weitere Blickwinkel oder die ‚defokussierte Aufmerksamkeit‘ fördert exploratives Denken und neue Ideenkombinationen, die die Kreativität befeuern.“

    Dr. Khalil und ihre Kolleg*innen sehen vielversprechende und praktische therapeutische Implikationen für Betroffene von ADHS und verwandten Störungen. Methoden, die kreative Aktivitäten wie Kunst, Musik, Tanz, Schreiben, Gaming und mehr einbeziehen, können strukturierte Möglichkeiten für Personen mit ADHS bieten, ihre defokussierte Aufmerksamkeit zu kanalisieren und zu erforschen. Kreative Aktivität kann zudem helfen, die an der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligten neuronalen Netzwerke zu stärken und Muster neu zu vernetzen, die zu Merkmalen wie Impulsivität und Hyperaktivität beitragen.

    „Authentischer kreativer Ausdruck ist so viel mehr als eine angenehme Ablenkung“, fährt Dr. Khalil fort. „Er spricht dieselben neuronalen Schaltkreise an, die an der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt sind, und stellt im Grunde ein Training für das Gehirn dar. Für ein Kind mit ADHS kann die Erfahrung, sich beim Erschaffen von Kunst oder beim Musizieren ‚im Moment zu verlieren‘, tatsächlich die Fähigkeit zur Konzentration stärken, indem mit dem natürlichen kognitiven Stil gearbeitet wird, anstatt gegen ihn.“

    Obwohl die Aussichten vielversprechend sind, merken Dr. Khalil und ihre Kolleg*innen an, dass die Verbindung zwischen Aufmerksamkeit und Kreativität bisher nur teilweise verstanden wird. Um diese Herausforderung anzugehen, schlägt der Artikel einen Rahmen mit detaillierten Empfehlungen für die weitere Forschung vor, wobei der Fokus auf interdisziplinärer Zusammenarbeit, methodischer Innovation und Längsschnittstudien liegt. Dr. Khalil betont, dass eine grundlegende Veränderung der ADHS-Behandlung zunächst den Aufbau einer umfassenden, interdisziplinären Forschungsagenda erfordert, die Neurowissenschaftler*innen, Kunsttherapeut*innen, Kliniker*innen und andere Fachkräfte vereint.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Radwa Khalil
    rkhalil@constructor.university


    Originalpublikation:

    https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.115387


    Weitere Informationen:

    http://idwf.de/-DUNwBA - Weitere Forschung von Dr. Khalil zu Kreativität und Schmerz.


    Bilder

    Dr. Radwa Khalil, Neurowissenschaftlerin an der Constructor University
    Dr. Radwa Khalil, Neurowissenschaftlerin an der Constructor University
    Quelle: die Zeit


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Medizin, Musik / Theater, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Dr. Radwa Khalil, Neurowissenschaftlerin an der Constructor University


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