Tiefenanalyse einer IU-Studie offenbart Wahrnehmungs-Pessimismus: Viele Menschen in Deutschland fühlen sich ärmer, als sie tatsächlich sind
Wie gut kommen Menschen in Deutschland finanziell zurecht? Und warum fühlen sich viele unsicherer, als ihre objektive Lage nahelegt? Nachdem die IU Internationale Hochschule im November 2025 erste Ergebnisse ihrer repräsentativen Studie „Finanzielles Wohlbefinden: Stimmungslage in Deutschland” veröffentlicht hatte, liegt nun eine wissenschaftliche Tiefenanalyse zum in der Studie verwendeten OECD-Toolkit1 vor.
Diese zeigt: Das finanzielle Wohlbefinden liegt im Durchschnitt nur knapp über der Mitte, ist aber stark ungleich verteilt. Gleichzeitig bewerten viele ihre Situation subjektiv schlechter als sie objektiv ist. Dabei wurden nicht nur harte Faktoren wie das Einkommen, sondern auch Faktoren wie Sorgen über die wirtschaftliche Lage und das Gefühl, die eigenen Finanzen im Griff zu haben, berücksichtigt.
Repräsentative Befragung mit 2.000 Teilnehmenden
Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Onlinebefragung von 2.000 Personen im Alter von 16 bis 65 Jahren in Deutschland (Juni 2025). Gemessen wurde mit einem international etablierten OECD-Instrument, das einen Gesamtwert von 0 bis 100 Punkten sowie getrennte Werte für subjektives und objektives finanzielles Wohlbefinden erfasst.
Nur moderates Niveau – aber große Unterschiede
Die erste Auswertung im November hatte bereits gezeigt, dass das finanzielle Wohlbefinden in Deutschland mit durchschnittlich 52,6 von 100 möglichen Punkten (OECD-Index) nur moderat ausgeprägt ist.
„Damals haben wir vor allem beschrieben, wer sich wie fühlt", erklärt Dr. Johannes Treu, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre an der IU Internationalen Hochschule. „Mit der nun vorliegenden statistischen Detailanalyse können wir zeigen, warum Menschen sich finanziell unsicher fühlen – und dass die Antwort weit über das Einkommen hinausgeht“, so Treu weiter.
Auffällig ist die sehr breite Streuung: In der Bevölkerung gibt es stark unterschiedliche finanzielle Lebenslagen. Die Daten zeigen große Unterschiede – von finanziell gut abgesicherten Menschen bis hin zu stark belasteten.
Wahrnehmungspessimismus: Menschen fühlen sich ärmer, als sie sind
Ein zentrales Ergebnis der Tiefenanalyse ist jedoch: Das subjektive finanzielle Wohlbefinden fällt im Schnitt deutlich niedriger aus als das objektive. Anders gesagt: Viele Menschen fühlen sich finanziell weniger sicher, als es ihre messbare Lage nahelegt. Diese Lücke zwischen „gefühlter“ und „gemessener“ Situation nimmt mit dem Alter zu. Jüngere (16 – 20 Jahre) liegen bei subjektiven und objektiven Werten noch fast gleichauf; bei älteren Gruppen wächst die Diskrepanz.
Sorgen und Selbstwirksamkeit schlagen Einkommen
Die Detailanalyse offenbart zudem, welche Faktoren das finanzielle Wohlbefinden wirklich beeinflussen: Mit höherem Einkommen steigt das finanzielle Wohlbefinden deutlich. Doch ab etwa 5.000 Euro netto monatlich flacht dieser Effekt merklich ab – mehr Einkommen bringt dann deutlich weniger Zuwachs an finanziellem Wohlbefinden.
Noch wichtiger wird das Bild, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig betrachtet werden. In statistischen Modellen erweisen sich zwei psychologische Faktoren als stärkste Prädiktoren – stärker als das Einkommen selbst:
1. Ökonomische Sorgen und Unsicherheit (z. B. Inflation, Zukunft, Altersabsicherung)
2. Finanzielle Selbstwirksamkeit (z. B. Überblick, Kompetenzgefühl, Vermeidung von Finanzthemen)
Wenn man die Kontrolle über bestimmte Faktoren hat, verlieren viele soziodemografische Merkmale – wie Geschlecht, Familienstand oder große Teile der Bildungseffekte – ihre eigenständige Bedeutung für das finanzielle Wohlbefinden.
Unterschiedliche Hebel für „Gefühl“ und „Fakten“
Die Studie zeigt außerdem: Sorgen wirken vor allem auf das subjektive Wohlbefinden – sie beeinflussen also stark, wie Menschen ihre Lage bewerten. Eine geringe finanzielle Selbstwirksamkeit hingegen schlägt sich besonders in der objektiven finanziellen Situation nieder – etwa durch Vermeidungsverhalten, fehlende Vorsorge oder suboptimale Finanzentscheidungen.
„Diese Unterscheidung ist wichtig", erklärt Treu. „Wer sich sorgt, braucht vor allem Sicherheit und Perspektive. Wer sich überfordert fühlt, braucht konkrete Unterstützung und Kompetenzaufbau. Beides erfordert unterschiedliche Ansätze – politisch wie gesellschaftlich."
Über die Studie
Die Studie „Finanzielles Wohlbefinden: Stimmungslage in Deutschland” der IU Internationalen Hochschule untersucht, welche finanziellen Sorgen und Herausforderungen die Menschen belasten und welche Ziele sie antreiben.
Für die IU-Studie wurden 2.000 Menschen in Deutschland im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt, repräsentativ nach Alter und Geschlecht. Die Befragung fand vom 12. Juni bis 23. Juni 2025 statt.
Die vollständige Studie ist unter folgendem Link abrufbar: https://www.iu.de/forschung/studien/finanzielles-wohlbefinden/
¹ Das OECD-Toolkit for Financial Literacy and Financial Inclusion ist ein Instrument, das von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) entwickelt wurde, um unter anderem das finanzielle Wohlbefinden in verschiedenen Ländern zu bewerten und zu vergleichen.
Der in der IU-Studie ermittelte Gesamtwert von ø 53 Punkten (max. 100) ergibt sich aus zwei Dimensionen:
• Objektives finanzielles Wohlbefinden: ø 30 Punkte (von 50)
• Subjektives finanzielles Wohlbefinden: ø 23 Punkte (von 50)
johannes.treu@iu.org
https://www.iu.de/forschung/studien/finanzielles-wohlbefinden/
https://www.iu.de/news/iu-studie-finanzielles-wohlbefinden/
Merkmale dieser Pressemitteilung:
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