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05.06.2026 07:35

Klimazölle: Design entscheidet über Wirkung

Bastian Thüne Presse und Redaktion
ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH Mannheim

    Grenzausgleichsmaßnahmen für CO₂ (Border Carbon Adjustments, BCA) sollen Emissionen senken und zugleich heimische Industrien vor Wettbewerbsnachteilen schützen. Eine aktuelle Studie des ZEW Mannheim zeigt jedoch am Beispiel der globalen Stahlindustrie: Die konkrete Ausgestaltung dieser Instrumente ist entscheidend für ihre Wirksamkeit. Insbesondere benchmarkbasierte Modelle, also solche, die sich an Emissionsintensitäten orientieren, schwächen das Preissignal deutlich. Im Vergleich zu einem mengenbasierten Ansatz übertragen sie nur rund 36 Prozent des notwendigen CO₂-Preises, um die gleiche globale Emissionsreduktion zu erreichen, und führen zu höheren Wohlstandsverlusten.

    „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Wahl des BCA-Designs kein technisches Detail ist, sondern grundlegende Auswirkungen auf Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit hat“, erklärt Eunseong Park, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Umwelt- und Klimaökonomik“. „Ein intensitätsbasierter Ansatz wirkt daher wie eine Kombination aus CO₂-Preis und impliziter Subvention für Produktion und verwässert so die Lenkungswirkung.“ Prof. Dr. Sebastian Rausch, Leiter des Forschungsbereichs, ergänzt: „Ohne einen klaren CO₂-Preisanreiz im Inland verfehlen solche Instrumente ihr Ziel und verschieben vor allem wirtschaftliche Vorteile zugunsten heimischer Industrien, anstatt Emissionen zu reduzieren.“

    Stahlindustrie als zentraler Testfall

    Die Studie fokussiert auf die globale Stahlindustrie, weil diese für einen erheblichen Anteil industrieller Treibhausgasemissionen verantwortlich ist und dort intensiv gehandelt wird. Zugleich ist die Stahlproduktion durch sehr unterschiedliche Technologien geprägt: Während integrierte Hochofenrouten besonders emissionsintensiv sind, können Elektrostahlrouten bei hohem Schrottanteil und sauberem Strom deutlich emissionsärmer produzieren. Diese Unterschiede machen die Branche besonders geeignet, um zu analysieren, wie stark verschiedene BCA-Designs CO₂-Preissignale tatsächlich entlang globaler Märkte weitergeben.

    Schwaches Preissignal mindert Klimawirkung

    Die Analyse zeigt, dass benchmarkbasierte Grenzausgleichsmechanismen das CO₂-Preissignal systematisch abschwächen. Dadurch bleiben Handelsvolumen höher, während Emissionsreduktionen stärker über technologische Anpassungen oder Produktionsverlagerungen erfolgen. Gleichzeitig steigt das Risiko von „Carbon Leakage“. Emissionsintensive Produktionsschritte werden ins Ausland verlagert oder innerhalb globaler Lieferketten umgeschichtet. In einem EU-nahen Szenario erhöht sich die Leakage-Rate von 16 auf 36 Prozent, wenn ein intensitätsbasierter statt eines mengenbasierten Ansatzes gewählt wird.

    Lieferketten verstärken Fehlanreize

    Besonders problematisch sind laut Studie die Effekte entlang globaler Wertschöpfungsketten, etwa in der Stahlindustrie. Werden Vorprodukte wie Roheisen nur unzureichend mit CO₂-Kosten belegt, steigt deren Import deutlich an. So verdoppeln sich im Modell die Roheisenimporte in die EU unter einem benchmarkbasierten System, während deren Preise künstlich niedrig bleiben. Dies führt dazu, dass emissionsintensive Produktionsstufen ins Ausland verlagert werden, was zu negativen Folgen für die globale Klimabilanz führt.

    Über die Methodik

    Basis ist ein theoretisches Gleichgewichtsmodell, das die grundlegenden Wirkmechanismen unterschiedlicher CO₂-Grenzausgleichsdesigns sichtbar macht. Dieses Modell unterscheidet zwischen vorgelagerten und nachgelagerten Produktionsstufen, zwischen heimischen und ausländischen Produzenten sowie zwischen einem CO₂-Preis im Inland und einer CO₂-Bepreisung an der Grenze.

    In einem zweiten Schritt wird ein empirisch kalibriertes, allgemeines Gleichgewichtsmodell der globalen Stahlindustrie genutzt. Dieses bildet rund 350 Stahlwerke weltweit ab und berücksichtigt technologische Unterschiede, Handelsströme sowie Lieferketten. Die Datengrundlage umfasst Mikrodaten, Handelsstatistiken und technische Produktionsinformationen, um realistische Effekte auf Emissionen, Wohlfahrt und Produktionsverlagerungen zu analysieren.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Eunseong Park
    Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Umwelt- und Klimaökonomik“
    Tel.: +49 (0)621 1235-201
    E-Mail: eunseong.park@zew.de

    Prof. Dr. Sebastian Rausch
    Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Umwelt- und Klimaökonomik“
    Tel.: +49 (0)621 1235-200
    E-Mail: sebastian.rausch@zew.de


    Originalpublikation:

    https://www.zew.de/fileadmin/FTP/policybrief/de/pb10-26.pdf


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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