idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
10.06.2026 08:30

Fraunhofer ISC und IPPM Technologies entwickeln biologisch abbaubaren Haarfestiger

Dipl.-Geophys. Marie-Luise Righi PR und Kommunikation
Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC

    Haarsprays und Haarfestiger gehören zu den meistgenutzten Kosmetikprodukten weltweit – und leider auch zu den umweltproblematischen. Die darin enthaltenen synthetischen Polymere sind biologisch nicht abbaubar, passieren Kläranlagen nahezu ungehindert und reichern sich als Mikroplastik in Gewässern, Böden und letztlich auch in der menschlichen Nahrungskette an. Eine echte, vollständig bioabbaubare Alternative für den Bereich Hairstyling fehlte bislang auf dem Markt – eine Herausforderung für die Materialforschung, der sich das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC und der Industriepartner IPPM Technologies GmbH gestellt haben.

    Gemeinsam haben Fraunhofer ISC und IPPM eine innovative Lösung mit umweltfreundlichen Materialien entwickelt: ein festigendes Haarspray auf Basis von Kieselsäure, das vollständig biologisch abbaubar ist und in seiner Festigungsleistung mit etablierten Marktprodukten mithalten kann.

    Konsumenten fordern nachhaltige Alternativen

    Politische Maßnahmen wie das seit 2023 EU-weite Verbot von synthetischen Kunststoff-Mikropartikeln in Kosmetikprodukten und ein wachsendes Umweltbewusstsein erhöhen den Druck auf die Kosmetikindustrie, Produkte ohne problematische Inhaltsstoffe zu entwickeln. Während Haarpflegeprodukte wie Shampoos inzwischen oft ohne Silikone oder synthetische Emulgatoren auskommen, fehlen bei Haarstyling-Produkten bisher noch vollständig biologisch abbaubare Lösungen. Die marktführenden Haarfestiger setzen weiterhin auf umwelt-belastende Kunststoffe wie Polyvinylpyrrolidonderivate oder Polyacrylate kombiniert mit Tensiden, Filmverbesserern und UV-Schutz. Diese bilden nach dem Aufsprühen einen wasserunlöslichen Film auf dem Haar, der sich beim Duschen nur teilweise ablöst. Die Folge: beschwertes Haar mit weniger Volumen – und Mikroplastik im Abwasser.

    Die Lösung: natürlicher Wirkstoff, neuartiger Mechanismus

    Der Schlüssel der Entwicklung liegt in der gezielten Nutzung von Kieselsäure – einem in der Natur allgegenwärtigen, für Mensch und Umwelt unbedenklichen Stoff. Kieselsäure ist natürlicher Bestandteil unserer Umwelt. Sie kommt in Meeren und Böden vor und gelangt über Plankton und Pflanzen auch in unsere Nahrung. Sie ist weder toxisch noch schädlich, sondern wird sogar mit positiven Effekten wie Knochen- und Hautregeneration in Verbindung gebracht.

    Technologischer Durchbruch: Kieselsäurevorstufen vernetzen direkt auf dem Haar

    Anders als herkömmliche Produkte, die gelöste Kunststoffe enthalten, setzt die Neuentwicklung auf molekulare Vorstufen. Mithilfe eines speziell entwickelten Mikrowellenverfahrens synthetisierte das Projektteam sogenannte Silica-Cluster: chemisch vernetzte Kieselsäurevorstufen, die in einer auf natürlichen Inhaltsstoffen basierenden Formulierung lagerstabil in einer Sprühdose konfektioniert werden können.
    Besonders innovativ ist der zugrunde liegende Wirkmechanismus: Anders als bei herkömmlichen Produkten, bei denen die gelösten synthetischen Kunststoffe als Film auf dem Haar abgelagert werden, sorgen die molekularen Vorstufen erst beim Aufsprühen für eine augenblickliche Vernetzungsreaktion. So entsteht ein dünner, geschmeidiger Kieselsäurefilm direkt auf der Haaroberfläche und festigt das Haar.

    Leistungsstark und rückstandsfrei

    In normierten Vergleichstests erzielt das neue Produkt eine konkurrenzfähige, teils sogar überlegene Festigungswirkung gegenüber etablierten Marktprodukten. Die äußere Schuppenschicht des Haares wird geglättet, die Haaroberfläche wird gleichmäßiger und weniger Reibung entsteht. Dadurch fühlt sich das Haar gleichzeitig kräftig und geschmeidig an und gibt der Frisur den gewünschten Halt. Beim Waschen löst sich der Kieselsäurefilm vollständig auf und bildet natürliche, wasserlösliche Monokieselsäure, die das Trinkwasser nicht belastet und unbedenklich für die Umwelt ist. Da sich keine Rückstände auf dem Haar bilden, bleibt das natürliche Haarvolumen erhalten. Die Silica-Cluster könnten also in Zukunft die in der Umwelt problematischen Kunststoffe wie Polyvinylpyrrolidon, Polyvinylacetat, Polyurethane, Polyacrylate oder Silikone in Haarsprays und anderen Stylingprodukten ersetzen.

    Nachhaltige Entwicklung dank Forschungsförderung

    Die Entwicklung markiert einen wichtigen Schritt hin zu nachhaltigem Haarstyling ohne Umweltkompromisse. Sie wurde im Rahmen eines ZIM-Kooperationsprojekts (Zentrales In-novationsprogramm Mittelstand) öffentlich gefördert. Die Kombination von anwendungs-orientiertem Material-Knowhow des Fraunhofer ISC und industrieller Expertise von IPPM Technologies bildete die Grundlage für diese nachhaltige Kosmetikentwicklung. Das Projektteam denkt bereits über weitere Anwendungen der speziell formulierten Kieselsäure nach.

    Das umweltfreundliche Haarspray wird derzeit für die Abfüllung vorbereitet. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, kommt das Produkt bis Ende des Jahres 2026 auch auf dem Markt erhältlich sein.

    Infokasten

    Materialwissen ist entscheidend für nachhaltige Produktinnovationen. Das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC in Würzburg setzt seinen Fokus auf die chemische Materialforschung und bietet Lösungen rund um nachhaltige Materialien, Herstell- und Verarbeitungsprozesse. Forschung und Entwicklung in den Bereichen Biomedizin, Pharmazeutik und Kosmetik wird am Fraunhofer ISC am Translationszentrum für Regenerative Therapien TLZ-RT durchgeführt, zum Beispiel zellbasierte Gewebemodelle, Biomaterialien und tierversuchsfreie Verfahren zum Testen von Wirkstoffen. Damit unterstützt das TLZ-RT nicht nur die schnelle und kosteneffiziente Entwicklung von Medikamenten, sondern trägt auch zur Vermeidung von Tierversuchen bei.

    IPPM Technologies GmbH bietet intelligente Lösungen für die mikrowellengestützte Verarbeitung. IPPM Technologies entwickelt sichere und energieeffiziente Prozesse im kontinuierlichen Fluss, beispielsweise für die Herstellung chemischer Verbindungen und Produkte wie Polymere, Nanomaterialien und Zwischenprodukte für die Agrar- und Pharmaindustrie.

    Das Projekt: Niedermolekulares Silica zur Substitution von nichtabbaubaren Polymeren für nachhaltige Naturkosmetika am Beispiel eines in situ polymerisierbaren versprühbaren Haarfestigers, Förderkennzeichen: KK5454202FF2, gefördert im Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
    Eingeladen zum "Innovationstag Mittelstand 2026" des BMWE am 11. Juni 2026.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Bastian Christ, Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC, bastian.christ@isc.fraunhofer.de


    Bilder

    Mikroplastikfreies Haarspray für umweltfreundliches Styling
    Mikroplastikfreies Haarspray für umweltfreundliches Styling
    Quelle: K. Selsam
    Copyright: © Fraunhofer ISC


    Anhang
    attachment icon Die Presseinformation als pdf

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Umwelt / Ökologie, Werkstoffwissenschaften
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Kooperationen
    Deutsch


     

    Mikroplastikfreies Haarspray für umweltfreundliches Styling


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).