Eine Studie der FernUniversität in Hagen zeigt, dass Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes deutlich seltener kulturelle Angebote nutzen. Die Teilnahme an kulturellen Aktivitäten sinkt um 13 bis 54 Prozent und erreicht auch zehn Jahre nach der Geburt nicht wieder das Ausgangsniveau. Die Ergebnisse basieren auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).
Mit der Geburt des ersten Kindes verändern sich nicht nur Alltagsroutinen, sondern auch Freizeit- und Kulturaktivitäten von Eltern. „Dass kulturelle Aktivitäten nach der Geburt eines Kindes zurückgehen, würden viele erwarten. Das Ausmaß und die Dauer dieses Rückgangs haben uns jedoch überrascht“, sagt PD Dr. Hendrik Sonnabend von der FernUniversität in Hagen.
Gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Westphal (Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik) hat Sonnabend (Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Internationale Ökonomie) untersucht, wie sich die Geburt von Kindern auf die kulturelle Teilhabe von Eltern auswirkt. Grundlage der Studie sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), eines der umfangreichsten Langzeit-Datensätze Deutschlands. Seit 1984 werden im Rahmen des SOEP jährlich Privathaushalte unter anderem zu Einkommen, Bildung, Gesundheit, Lebenszufriedenheit sowie gesellschaftlichen Einstellungen befragt.
Deutlicher und langfristiger Rückgang kultureller Aktivitäten
Die Analyse zeigt: Mit der Geburt des ersten Kindes sinkt die Teilnahme an kulturellen Aktivitäten je nach Art der Aktivität um 13 bis 54 Prozent. Der Rückgang betrifft sowohl den Besuch kultureller Veranstaltungen wie Kino, Konzerte oder Theater als auch Museumsbesuche, sportliche Aktivitäten und andere Formen kultureller Teilhabe.
Besonders bemerkenswert ist aus Sicht der Forschenden, dass sich die Teilnahme auch langfristig nicht wieder vollständig erholt. Selbst zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes erreichen Eltern nicht wieder das Niveau kultureller Aktivitäten, das sie vor der Elternschaft aufwiesen.
„Das war eines der überraschendsten Ergebnisse der Studie“, sagt Sonnabend. „Selbst wenn das jüngste Kind bereits die Schule besucht, wird der Rückgang kultureller Aktivitäten nicht vollständig aufgeholt.“
Kurzfristig lassen sich die Veränderungen vor allem durch einen erhöhten Zeitaufwand für Betreuung und Haushalt sowie durch geringere zeitliche Flexibilität erklären. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Elternschaft darüber hinaus einen langfristigen Einfluss auf den Lebensrhythmus und das Freizeitverhalten hat.
Unterschiede zwischen Müttern und Vätern
Der Rückgang kultureller Aktivitäten betrifft sowohl Mütter als auch Väter, allerdings in unterschiedlicher Weise. Mütter reduzieren ihre kulturellen Aktivitäten unmittelbar nach der Geburt stärker und übernehmen häufiger zusätzliche Betreuungs- und Hausarbeit. Bei Vätern sinkt dagegen insbesondere die Wahrscheinlichkeit, überhaupt kulturell aktiv zu sein.
„Viele kulturelle Aktivitäten werden gemeinsam als Paar wahrgenommen. Wenn ein Elternteil nicht teilnehmen kann, verzichtet häufig auch der andere auf den Besuch“, erläutert Sonnabend.
Finanzielle Unterschiede spielen nach den Ergebnissen der Studie hingegen eine geringere Rolle als erwartet. Auch Eltern mit höherem Einkommen verzeichnen vergleichbare Rückgänge bei der kulturellen Teilhabe.
Zusätzliche Kinder verändern die Effekte nur geringfügig
Um zu untersuchen, ob weitere Kinder die kulturelle Teilhabe zusätzlich beeinflussen, nutzte das Forschungsteam Zwillingsgeburten als natürliches Experiment. Eltern, die bei der ersten Geburt ungeplant Zwillinge bekommen, unterscheiden sich hinsichtlich ihres ursprünglichen Kinderwunsches nicht von Eltern mit nur einem Kind. Dadurch lässt sich der Effekt eines zusätzlichen Kindes besonders präzise bestimmen.
Die Analyse zeigt, dass ein weiteres Kind lediglich geringe oder keine zusätzlichen Auswirkungen auf die kulturelle Teilhabe hat. Der entscheidende Einschnitt erfolgt demnach bereits mit dem Übergang zur Elternschaft.
Ansatzpunkte für Kultur- und Familienpolitik
Kulturelle Teilhabe wird in der Forschung mit Wohlbefinden, sozialer Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt in Verbindung gebracht. Die Studienergebnisse legen daher nahe, dass insbesondere Familien mit kleinen Kindern stärker in den Blick genommen werden sollten.
„Die Studie zeigt, dass der entscheidende Einschnitt bei der Geburt des ersten Kindes stattfindet. Hier könnten kultur- und familienpolitische Maßnahmen ansetzen“, sagt Sonnabend. Mögliche Ansatzpunkte seien familienfreundliche Veranstaltungsformate mit flexiblen Zeiten, Betreuungsangebote in Kulturinstitutionen oder niedrigschwellige, wohnortnahe Kulturangebote.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass Elternschaft die kulturelle Teilhabe langfristig prägt. Zugleich zeigen sie Potenziale auf, wie Eltern beim Zugang zu kulturellen Angeboten unterstützt werden können.
hendrik.sonnabend@fernuni-hagen.de
Sonnabend, H., Westphal, M. (2026): Parenthood and cultural participation: Evidence from the SOEP and twin births. Journal of Family and Economic Issues. https://doi.org/10.1007/s10824-026-09597-x
Die korrekte Zitation lautet: Sonnabend, H., Westphal, M. Family first: the causal effect of family size on cultural participation. J Cult Econ (2026). https://doi.org/10.1007/s10824-026-09597-x
Merkmale dieser Pressemitteilung:
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Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Musik / Theater, Wirtschaft
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Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
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