idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
24.06.2026 11:24

Mobilitätswende braucht mehr Spielräume statt Verzichtsdebatten

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart Wissenskommunikation und Wissenstransfer
Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)

    Die öffentliche Debatte über die Mobilitätswende wird häufig von Hindernissen, Verzichtsforderungen oder technologischen Heilsversprechen geprägt. Aus Sicht der Mobilitätsforschenden Jutta Deffner und Luca Nitschke vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) greift diese Perspektive jedoch zu kurz. In ihrem Impuls zeigen sie auf Basis aktueller Ergebnisse aus der Mobilitätsforschung, dass Veränderungen im Mobilitätsverhalten vor allem dann gelingen, wenn Menschen neue Mobilitätsangebote im Alltag selbst ausprobieren und erfahren können.

    Ob fehlende Radwege, lückenhafter öffentlicher Nahverkehr oder weite Wege zwischen Wohnort, Arbeitsplatz und Kinderbetreuung – für viele Menschen sind nachhaltige Mobilitätsformen bislang nur eingeschränkt alltagstauglich. Gleichzeitig unterstützen bestehende politische Anreize und eingespielte Routinen weiterhin die Nutzung des Autos. Dadurch wird eine nachhaltige Mobilitätswende häufig als zusätzliche Belastung wahrgenommen. „Die Mobilitätswende scheitert nicht in erster Linie an mangelnder Bereitschaft der Menschen. Sie scheitert häufig daran, dass nachhaltige Alternativen im Alltag gar nicht oder nur schwer erfahrbar sind. Wer aber neue Mobilitätsformen unter realen Bedingungen ausprobieren kann, bewertet sie oft völlig anders als in der abstrakten politischen Debatte“, sagt Jutta Deffner.

    Mobilitätsexperimente machen Veränderungen erfahrbar

    Seit vielen Jahren untersucht das ISOE in transdisziplinären Forschungsprojekten, wie nachhaltige Mobilität im Alltag gelingen kann. Ein zentrales Ergebnis zahlreicher Mobilitätsexperimente: Erhalten Menschen die Möglichkeit, auf ihrem Arbeitsweg E-Bikes, Lastenräder oder den öffentlichen Nahverkehr über einen längeren Zeitraum unverbindlich zu testen, verändert sich ihre Wahrnehmung häufig grundlegend: Aus anfänglicher Skepsis werden persönliche Erfahrungen – und nicht selten neue Gewohnheiten.

    Die Forschenden beobachten, dass sich die positiven Effekte nicht allein auf den Arbeitsweg beschränken. Neue Mobilitätsroutinen wirken häufig auch auf andere Lebensbereiche: Sie fördern Bewegung, verändern die Gestaltung der Freizeit oder führen dazu, dass familiäre Wege und Aufgaben neu organisiert werden. Gleichzeitig zeigen die Experimente auf, wo strukturelle Defizite bestehen und welche Investitionen in Infrastruktur und Angebote notwendig sind, damit nachhaltige Mobilität dauerhaft praktikabel wird. „Veränderungen entstehen selten durch Appelle oder Verbote. Sie entstehen, wenn Menschen erleben, dass eine neue Mobilitätsroutine ihren Alltag tatsächlich verbessern kann. Unsere Forschung zeigt: Ausprobieren schafft Vertrauen – und genau dafür braucht es mehr Spielräume“, sagt Luca Nitschke.

    Forschungsergebnisse als Impuls für die Mobilitätspolitik

    Vor dem Hintergrund geopolitischer Krisen, steigender Energiekosten und anhaltender Unsicherheiten plädieren die Forschenden dafür, Mobilitätspolitik stärker als gemeinsamen Lern- und Gestaltungsprozess zu verstehen. Kommunen, Unternehmen und Verkehrsunternehmen sollten Möglichkeiten schaffen, neue Mobilitätsangebote niedrigschwellig zu testen und Veränderungsprozesse durch Beratung, Austausch und geeignete Rahmenbedingungen zu begleiten.

    Nach Einschätzung der Forschenden entsteht nachhaltige Mobilität nicht allein durch neue Technologien oder politische Vorgaben. Entscheidend sind positive Alltagserfahrungen, die Menschen befähigen, neue Routinen dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren.

    Die zentralen Aussagen des ISOE-Impulses:
    • Die Mobilitätswende wird in der öffentlichen Debatte häufig als Verzicht diskutiert.
    • Neue Mobilitätsroutinen entstehen vor allem durch eigene positive Erfahrungen.
    • Mobilitätsexperimente helfen Menschen, Alternativen unter realen Alltagsbedingungen zu erproben.
    • Infrastrukturen und politische Rahmenbedingungen für nachhaltige Mobilität müssen verbessert werden.
    • Politik, Kommunen und Unternehmen sollten mehr Räume zum Ausprobieren schaffen, um Veränderungen zu unterstützen.

    Der Beitrag „Mobilitätswende erfahrbar machen: Warum wir mehr ‚Spiel-Räume‘ brauchen“ ist auf der Website des ISOE veröffentlicht: https://www.isoe.de/blog/mobilitaetswende-erfahrbar-machen-warum-wir-mehr-spielr...

    Aktuelle Forschungsprojekte des ISOE zum Thema Mobilität: https://www.isoe.de/thema/mobilitaet

    Über das ISOE

    Das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) gehört zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Es entwickelt wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsweisende Konzepte für sozial-ökologische Transformationen. Hierfür forscht das ISOE transdisziplinär zu globalen Problemen wie Wasserknappheit, Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Landdegradation und findet tragfähige Lösungen, die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen berücksichtigen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Jutta Deffner
    Leiterin des Forschungsfeldes Nachhaltige Gesellschaft
    Tel. +49 69 707 6919-38
    jutta.deffner@isoe.de

    Dr. Luca Nitschke
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter
    Tel. +49 69 707 6919-20
    luca.nitschke@isoe.de


    Weitere Informationen:

    https://www.isoe.de/aktuelles/mobilitaetswende-braucht-mehr-spielraeume-statt-ve...
    https://www.isoe.de/blog/mobilitaetswende-erfahrbar-machen-warum-wir-mehr-spielr...


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, jedermann
    Umwelt / Ökologie, Verkehr / Transport
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).