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02.07.2026 11:02

Lärm, Luft und die soziale Frage

Gabriele Kammerer Abteilung Kommunikation
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

    WZB-Studie analysiert für deutsche Großstädte den Zusammenhang zwischen Umweltbelastungen und Bevölkerungsstruktur

    Eine Deutschlandkarte der besonderen Art: Auf einer neuen interaktiven Website lässt sich für die 69 größten deutschen Städte nachvollziehen, wie Luftverschmutzung, Lärm und Grünflächen über das Stadtgebiet verteilt sind – und wie diese Verteilung mit der Sozialstruktur einzelner Wohngebiete zusammenhängt. Die Karte begleitet eine kürzlich in der Fachzeitschrift Urban Studies erschienene Studie von Christian König (WZB), Katja Salomo (Universität Kassel) und Marcel Helbig (Leibniz-Institut für Bildungsverläufe/WZB) und veranschaulicht ihre Befunde für jede Stadt einzeln.

    Die Forschenden legten ein Raster aus 1×1 km großen Feldern über die deutschen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohner*innen. Sie kombinierten Daten der Bundesagentur für Arbeit zur Sozialstruktur – Anteile armer Haushalte und Bewohner*innen ohne deutsche Staatsangehörigkeit – mit Daten des Umweltbundesamtes zu Luftverschmutzung und Lärm und Daten der Europäischen Umweltagentur zur Verfügbarkeit von Grünflächen. Nutzer*innen der interaktiven Karte können die räumliche Verteilung dieser Indikatoren für ihre eigene Stadt nachvollziehen und einzelne Wohngebiete miteinander vergleichen.

    Neu am methodischen Vorgehen der Studie ist die gemeinsame Betrachtung verschiedener Umweltbelastungen auf dieser kleinräumigen Ebene: Bisherige Studien haben einzelne Umweltfaktoren wie Feinstaub oder Lärm meist getrennt voneinander und oft nur für einzelne Städte oder Regionen analysiert.

    Es zeigt sich, dass Wohngebiete mit höheren Anteilen ausländischer Wohnbevölkerung im Durchschnitt höhere Luft- und Lärmbelastungen aufweisen und über weniger Grünflächen verfügen. Diese Benachteiligung lässt sich nicht allein durch sozioökonomische Faktoren erklären: Für ärmere Haushalte allgemein zeigen die Daten kein vergleichbares Muster.

    Eine entscheidende Rolle spielt die Lage des Wohngebiets innerhalb einer Stadt: In zentralen, dicht bebauten Stadtteilen ist die Umweltqualität tendenziell schlechter. Wenn Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit vor allem in solchen zentralen Lagen wohnen, wie das traditionell in vielen Städten der Fall ist, sind sie auch stärker von Umweltbelastungen betroffen.

    Die Daten der Studie bilden keine zeitlichen Verläufe ab, sie sind also eine Momentaufnahme. Doch der Vergleich zwischen Großstädten legt den Schluss nahe, dass Dynamiken der Stadtentwicklung Muster der Umweltungleichheit verändern können. Die ausländische Wohnbevölkerung ist besonders in jenen Städten höheren Umweltbelastungen ausgesetzt, in denen sie vorwiegend im Stadtzentrum lebt. Deutlich geringer fällt diese Umweltungleichheit in Städten aus, in denen die zentralen Stadtteile von Besserverdienenden und akademisch Gebildeten geprägt sind. Eindrücklich ist es, wenn man Städte wie Hamburg oder Köln vergleicht mit Essen, Solingen oder Ludwigshafen: Hier leben weiterhin viele Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in den Zentren, und hier ist die Umweltungleichheit deutlich höher. Prozesse der Gentrifizierung scheinen also Ungleichheit in Bezug auf die Umweltqualität teilweise zu verringern – bei allen Nachteilen, die eine mögliche Verdrängung aus den Stadtzentren für andere Lebensbereiche mit sich bringen kann.

    Zur interaktiven Website gelangen Sie hier: https://shiny2.wzb.eu/ckoenig/Urban_Environmental_Inequalities/

    Die Studie „Understanding variation in neighbourhood environmental inequalities“ ist abrufbar unter: https://doi.org/10.1177/00420980251412793

    König, Christian/Salomo, Katja/ Helbig, Marcel: „Understanding variation in neighbourhood environmental inequalities: The influence of residential segregation, gentrification, and other city-level factors“. In: Urban Studies, 2026.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Christian König
    Tel. 030/25491-516
    christian.koenig@wzb.eu

    Gabriele Kammerer
    Medienreferentin
    Tel. 030/25491-517
    gabriele.kammerer@wzb.eu


    Originalpublikation:

    https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00420980251412793


    Weitere Informationen:

    https://shiny2.wzb.eu/ckoenig/Urban_Environmental_Inequalities/


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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