In einer neuen Studie zeigen Wissenschaftler*innen der Europa-Universität Flensburg: Klimawandelskeptizismus in Deutschland ist kein Randphänomen mehr. Die skeptische Haltung gegenüber dem Klimawandel und damit verbundenen Prozessen und Maßnahmen nahm zwischen 2022 und 2023 erstmals seit Jahren wieder deutlich zu. In der Untersuchung wird klar: Besonders stark ist der Anstieg unter Personen mit rechter politischer Orientierung, geringem Vertrauen in die Bundesregierung und hierarchischen Weltbildern.
Hinterfragen des Klimawandels in mehreren Dimensionen
Die Einstellungen von 3.074 Personen wurden auf Basis repräsentativer Befragungsdaten aus den Jahren 2014 bis 2023 untersucht. Die Befragten hatten unter anderem auf 14 verschiedene Fragen zu Einstellungen zum Klimawandel, den Folgen sowie klimapolitischen Instrumenten geantwortet. Die Soziolog*innen Katharina Gies und Prof. Dr. Emanuel Deutschmann haben diese Fragen fünf Dimensionen des Klimawandelskeptizismus zugeordnet:
1. Zweifeln die Befragten grundsätzlich an der Klimakrise?
2. Hinterfragen Personen, ob die Klimakrise menschengemacht ist?
3. Werden Folgen des Klimawandels nicht als solche anerkannt?
4. Werden Prozesse zur Bekämpfung des Klimawandels, wie eine Energiewende oder die Dekarbonisierung, hinterfragt?
5. Wie werden klimapolitische Maßnahmen wie Umwelt-Steuern bewertet?
Starker Anstieg zwischen 2022 und 2023
Im Fokus steht der starke Anstieg von 2022 auf 2023: 59 Prozent der Befragten hatten im Jahr 2023 insgesamt stärkere klimawandelskeptische Einstellungen als im Vorjahr. Bei 93 Prozent der Befragten werden in mindestens einem der 14 Fragebereiche die Zweifel stärker. Vor allem in der Gruppe mit zuvor niedrigen skeptischen Einstellungen nahm die Zahl der Skeptiker*innen stark zu. „Unsere Ergebnisse machen deutlich, dass Skeptizismus ein komplexes und inzwischen weit verbreitetes Phänomen ist, das nicht einfach übergangen werden kann. Skeptische Einstellungen beziehen sich auf unterschiedliche Dimensionen im Umgang mit der ökologischen Krise und sind eng mit subjektiven, politischen Einstellungsdimensionen verknüpft“, erklärt Katharina Gies.
Nicht nur die skeptische Haltung gegenüber bestimmten klimapolitischen Instrumenten, wie etwa einer Umwelt‑Steuer, hat zugenommen. Auch Zweifel am Bestehen einer ökologischen Krise sowie an der Notwendigkeit und Wirksamkeit von Dekarbonisierungsprozessen sind gestiegen.
Zusammenhang zwischen institutionellem Misstrauen und Klimawandelskeptizismus
Im Gegensatz zu früheren Studien richten die Forschenden den Blick gezielt auf sozial-strukturelle Faktoren, die mit Veränderungen im Skeptizismus zusammenhängen. Besonders deutlich wird: Der starke Anstieg des Skeptizismus lässt sich weniger durch die individuelle ökonomische Lage erklären. Ausschlaggebend sind vielmehr subjektive Einstellungsfaktoren – etwa rechte politische Orientierungen, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, individualistische, hierarchische Orientierungen und Unzufriedenheit mit der Demokratie.
Die Autor*innen betonen neben der wissenschaftlichen Relevanz auch die politischen Konsequenzen: „Wer Klimaschutz und Transformationsprozesse gesellschaftlich breit verankern und zugänglich machen will, muss diese Einstellungen ernst nehmen und Klimaschutz sozial gerecht gestalten. Wenn der Vertrauensverlust und die Unzufriedenheit mit politischen Institutionen weiter zunehmen, können sich nicht nur Zweifel gegenüber Umweltschutzmaßnahmen, sondern auch gegenüber der Ernsthaftigkeit der ökologischen Krise selbst weiter verstärken“, so Prof. Dr. Emanuel Deutschmann.
Datenbasis GESIS Panel
Das GESIS Panel ist eine seit 2013 mehrmals jährlich durchgeführte Längsschnittstudie des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften. Es basiert auf einer zufallsbasierten Stichprobe von in Deutschland gemeldeten Personen ab 18 Jahren und umfasst rund 5.400 Teilnehmende. Der Datensatz ist thematisch sehr vielseitig und erfasst sowohl zentrale sozial-strukturelle Merkmale als auch Einstellungen zum Klimawandel.
Katharina Gies
Seminar für Soziologie, Europa-Universität Flensburg
Mail: katharina.gies@uni-flensburg.de
Prof. Dr. Emanuel Deutschmann
Seminar für Soziologie, Europa-Universität Flensburg
Mail: emanuel.deutschmann@uni-flensburg.de
Die Studie „As the Planet Heats, Public Doubt Grows: The Social Structure behind Rising Climate Change Scepticism in Germany“ ist gerade in der begutachteten Fachzeitschrift Global Environmental Change erschienen: https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2026.103202
Katharina Gies (Studienautorin)
Prof. Dr. Emanuel Deutschmann (Studienautor)
Quelle: Sophia Segler
Copyright: Sophia Segler
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Gesellschaft, Meer / Klima
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

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