idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo


Instanz:
Teilen: 
13.08.2026 12:53

Die Jahrtausendflut, die keine einzelne Flut war

Dr. Florian Aigner PR und Marketing
Technische Universität Wien

    Überraschende Ergebnisse aus historischen Daten: Die Flut von 1342 war kein Einzelereignis, sondern eine Serie von Ereignissen – das liefert Erkenntnisse für Klimaforschung und Risikobewertung.

    Als „Magdalenenflut“ ging sie in die Geschichte ein – eine gewaltige Hochwasserkatastrophe, die im Jahr 1342 weite Teile Europas erfasste. Nun wurden in aufwändiger, jahrelanger Arbeit historische Quellen analysiert und mit modernem hydrologischem Wissen verknüpft, um ein verlässliches Bild dieser Naturkatastrophe zu erhalten.

    Dabei stieß man auf Überraschungen: Die große Flut von 1342 war kein Einzelereignis, sondern ein besonders verheerender Teil einer fast zwei Jahre andauernden Serie von 16 Hochwasserereignissen. Daraus kann man auch für die Zukunft eine Lehre ziehen: Hochwasserschutz darf nicht nur einzelne Extremereignisse betrachten. Man muss auch damit rechnen, dass mehrere große Überschwemmungen knapp nacheinander auftreten.

    Tausende Tote, mehrjährige Ernteausfälle
    Mehr als tausend Einträge aus zeitgenössischen Quellen wurden analysiert, um die Auswirkungen der Hochwasserkatastrophen dieser Zeit zu studieren. Geleitet wurde das Projekt an der TU Wien, beteiligt waren Universitäten aus ganz Europa. Die historischen Berichte sind dramatisch: „Viele tausend Menschen starben in den Fluten, dazu kommen zahlreiche Todesfälle durch Hunger und Krankheiten“, sagt Andrea Kiss, Historikerin/Mediävistin und Geographin an der TU Wien, Erstautorin der Studie.

    Die Wirtschaft des ganzen Kontinents wurde beeinträchtigt: Handelswege wurden unterbrochen, wichtige Infrastruktur wurde zerstört – beispielsweise die Steinbrücke in Prag, die vor dem Bau der heute berühmten Karlsbrücke über die Moldau führte.

    „Diese historischen Daten zeigen: Es war nicht bloß ein Hochwasserereignis, sondern eine ganze Serie von Ereignissen“, sagt Günter Blöschl. Wo historische Aufzeichnungen lückenhaft sind, wurden moderne Hochwasser mit ähnlichen Bedingungen ausgewählt, um Analogieschlüsse zu ziehen. So ergab sich Schritt für Schritt ein umfassendes Bild der Hochwassergeschichte in Raum und Zeit. „Wir können Monat für Monat rekonstruieren, wann welche Gegenden Europas betroffen waren“, sagt Andrea Kiss. „So sieht man ganz klar: Wie eine Perlenkette zieht sich eine Serie von Hochwasserereignissen durch die Jahre 1341 bis 1343. Nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber doch alle in einem klar erkennbaren Zusammenhang.“

    Mögliche Ursachen der ungewöhnlichen Häufung
    1342 war in den letzten 700 Jahren das Jahr mit der größten Zahl extremer Hochwasserereignisse, und das Jahr 1343 liegt nur knapp dahinter, auf Platz drei. Diese Häufung war kein Zufall: Das Team fand mehrere mögliche Faktoren, die diese außergewöhnliche Hochwasserserie begünstigt haben könnten. Um 1340 und 1341 ereigneten sich ungewöhnlich viele Vulkanausbrüche, darunter der Hekla-Ausbruch auf Island. Schwefelhaltige Aerosole in der Atmosphäre können zu einer Abkühlung führen und großräumige Zirkulationsmuster verändern.

    Gleichzeitig war das arktische Meereis bereits seit Mitte der 1330er-Jahre deutlich zurückgegangen, während die Sonnenaktivität in den 1330ern und 1340ern noch relativ gering war. „Das Zusammenspiel dieser Faktoren könnte intensive Tiefdruckgebiete, langanhaltende Niederschläge und damit die ungewöhnliche Flutserie begünstigt haben“, sagt Andrea Kiss. „Für uns heute ist das äußerst interessant: Wir können aus Ereignissen, die fast sieben Jahrhunderte zurückliegen, wichtige Lehren über das Zusammenspiel von Klima und Niederschlag ziehen“, sagt Günter Blöschl.

    Außerdem bestätigt die Magdalenenflut eine Erkenntnis, zu der das Team der TU Wien schon in anderem Zusammenhang gelangt war: Hochwasserereignisse sind nicht statistisch unabhängig voneinander. Sie treten nicht einfach zufällig auf wie Lottogewinne, sie können statistisch und kausal miteinander verbunden sein. Das bedeutet: Auch bei der modernen Risikoplanung muss man mitbedenken, dass Hochwasserkatastrophen nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern immer wieder auch in rascher Abfolge gebündelt auftreten können.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Andrea Kiss
    Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie
    Technische Universität Wien
    +43 1 58801 22314
    andrea.kiss@tuwien.ac.at

    Prof. Günter Blöschl
    Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie
    Technische Universität Wien
    +43 1 58801 22315
    guenter.bloeschl@tuwien.ac.at


    Originalpublikation:

    A. Kiss et al., Cascading continental-scale floods across Europe in 1342–1343, Nature (2026).
    https://www.nature.com/articles/s41586-026-10888-8


    Bilder

    Eine Serie von Hochwasserereignissen im 14.Jhdt.
    Eine Serie von Hochwasserereignissen im 14.Jhdt.
    Quelle: TU Wien
    Copyright: TU Wien


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Geowissenschaften, Geschichte / Archäologie, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Eine Serie von Hochwasserereignissen im 14.Jhdt.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).