In einer aktuellen Studie untersuchte das Center für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft (CEWS), angesiedelt bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Beschäftigungsbedingungen sowie Arbeits- und Organisationskultur an acht technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten mit Blick auf Geschlechterungleichheiten. Die intersektionale Perspektive machte deutlich, dass neben dem Geschlecht auch andere Ungleichheiten, insbesondere die erlebte Fremdzuschreibung, beeinflussen, wie das wissenschaftliche Personal das Arbeitsklima wahrnimmt.
Eine aktuelle Studie des CEWS untersucht Geschlechterungleichheiten in Organisations- und Beschäftigungsbedingungen an technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Fokus auf intersektionale Ungleichheitsverhältnisse. Geschlecht wird in der Studie nicht als isolierte Kategorie betrachtet, sondern mit anderen Ungleichheitsdimensionen wie rassistischen Zuschreibungen, Behinderungen oder Sorgeverpflichtungen verschränkt. Indem die Studie nach erlebter Fremdwahrnehmung fragt, werden stereotype Zuordnungen vermieden und unterschiedliche Ungleichheitserfahrungen sichtbar gemacht. Darüber hinaus basiert die Studie auf einem nichtbinären Geschlechterverständnis und kann für einige Themen Aussagen zur Situation nichtbinärer Wissenschaftler*innen machen.
Ergebnisse der Studie:
Die Studie bearbeitet ein breites Spektrum an Themen. Zu wissenschaftlichen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen fand die Studie u.a. heraus:
• Geschlechterunterschiede zulasten von Frauen und nichtbinären Personen im Hinblick auf Befristungen treten vor allem in der Phase zwischen Promotion und Professur – also der Rush Hour aus Qualifikation und ggf. Sorgeverpflichtungen – auf.
• Auffällig ist die hohe Belastung, die Juniorprofessor*innen erleben, beispielsweise durch hohe Sorgeverpflichtungen, Beeinträchtigung des Privatlebens durch entgrenztes Arbeiten oder fehlende Anerkennung von Leistungen.
In Bezug auf Organisationskultur an den untersuchten Hochschulen sind folgende Ergebnisse herauszustellen:
• Die untersuchten technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten stellten sich der Herausforderung, sich hinsichtlich Gleichstellung und Antidiskriminierung zu verändern und zeigten gleichstellungspolitisches Engagement, wie sich auch an dem insgesamt hohen Zuspruch zu Antidiskriminierung und Gleichstellung an den Universitäten erkennen lässt, wenngleich in unterschiedlicher Qualität, Reichweite und Tempo.
• Während die Beratungsangebote zur Geschlechtergleichstellung an den Hochschulen etabliert und bekannt sind, wissen Betroffene von Rassismus bisher nur wenig von den für sie bestehenden Angeboten.
Zum Nachdenken regen auch die Erkenntnisse zur akademischen Arbeitskultur an, aus denen folgende Aspekte herausgestellt werden:
• Unterstützung und Anerkennung im unmittelbaren Arbeitsumfeld sind wichtig für die wissenschaftliche Karriere. Frauen und nichtbinäre Personen fühlen sich im Vergleich zu Männern seltener anerkannt und unterstützt. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn die Personen weitere Fremdzuschreibungen erfahren. Auch Männer, die Fremdzuschreibungen ausgesetzt sind oder eine chronische Erkrankung bzw. Behinderung haben, erhalten weniger Anerkennung und Unterstützung.
• Besonders auffällig sind die Erkenntnisse zur Wahrnehmung von Benachteiligung. Ein knappes Drittel der Befragten erlebte nach eigenen Angaben in den letzten 12 Monaten Benachteiligung. Besonders betroffen sind Personen, die Fremdzuschreibung erleben (66%), nichtbinäre Personen (50%) und Frauen (40%).
Methodische Umsetzung der Studie:
Das Mixed-Method-Studiendesign umfasste zum einen eine Online-Befragung von 5.428 wissenschaftlich Beschäftigten – von wissenschaftlichen Mitarbeitenden bis hin zu Professor*innen. Parallel dazu analysierte das Projektteam Hochschulwebseiten (die über einen Web-Crawl gesammelt wurden) und interviewte 19 Personen aus der Hochschulleitung und der Gleichstellungsarbeit. Punktuell ergänzten Hochschulstatistiken und Dokumentenanalysen die untersuchten Daten.
Der Gesamtbericht zur Studie ist online zugänglich unter:
https://www.gesis.org/cews/cews-publikationen/cewspublik.
Bibliographische Angaben:
Abraham, Christine; Braunisch, Lena; Lipinsky, Anke; Löther, Andrea; Schellhammer, Sebastian; Schmitz, Lara; Steinweg, Nina; Weber, Lena (2026): Studie zu intersektionalen Geschlechterungleichheiten in strukturellen und kulturell-normativen Organisations- und Arbeitsbedingungen an Hochschulen (SIGIS). Gesamtbericht. Hg. v. GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften: Köln (CEWS/publik no. 36). Köln. https://doi.org/10.21241/ssoar.112719
Die Studie wurde vom 1. Januar 2025 bis zum 30. Juni 2026 durchgeführt. Beteiligt waren die Leibniz Universität Hannover, RWTH Aachen, Technische Universität Berlin, Technische Universität Braunschweig, Technische Universität Darmstadt, Technische Universität Dresden, Universität Stuttgart sowie naturwissenschaftlich-technisch und medizinisch orientierte Fakultäten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Das CEWS entwickelte die Studie als partizipativen Forschungsprozess und setzte sie in enger Abstimmung mit den beteiligten Universitäten um.
Ansprechpartnerinnen bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften:
Dr. Andrea Löther
CEWS
sigis[@]gesis[.]org
Dr. Sophie Zervos
Kommunikation & Transfer
sophie.zervos@gesis.org
Unter Sachsenhausen 6-8
D-50667 Köln
Tel.: +49(0)221 / 47694 – 136
www.cews.org
www.gesis.org
Das CEWS ist das Center für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft von GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften und der Knotenpunkt zur Verwirklichung der Geschlechtergerechtigkeit in Wissenschaft und Forschung in Deutschland. Es unterstützt eine evidenzbasierte Wissenschafts- und Gleichstellungspolitik sowie sozialwissenschaftliche Forschung im Themenfeld.
Als eine der weltweit führenden Infrastruktureinrichtungen für die Sozialwissenschaften steht das GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Forscher*innen mit seiner Expertise und seinen Dienstleistungen auf allen Ebenen ihrer Forschungsvorhaben beratend zur Seite, sodass gesellschaftlich relevante Fragen auf der Basis neuester wissenschaftlicher Methoden, qualitativ hochwertiger Daten und Forschungsinformationen beantwortet werden können. Um diesen Service heute und in Zukunft zu gewährleisten, verknüpft GESIS seine integrierte Erhebungs- und Dateninfrastruktur mit Methoden, Modellen und Algorithmen der Informatik im sozialwissenschaftlichen Anwendungsfeld und erweitert kontinuierlich sein Angebotsportfolio im Bereich digitaler Verhaltensdaten. GESIS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, Konsortialführerin von KonsortSWD in der NFDI und unterhält institutionelle und projektbezogene Kooperationen
Dr. Andrea Löther
CEWS
sigis[@]gesis[.]org
Abraham, Christine; Braunisch, Lena; Lipinsky, Anke; Löther, Andrea; Schellhammer, Sebastian; Schmitz, Lara; Steinweg, Nina; Weber, Lena (2026): Studie zu intersektionalen Geschlechterungleichheiten in strukturellen und kulturell-normativen Organisations- und Arbeitsbedingungen an Hochschulen (SIGIS). Gesamtbericht. Hg. v. GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften: Köln (CEWS/publik no. 36). Köln. https://doi.org/10.21241/ssoar.112719
https://www.gesis.org/cews/cews-publikationen/cewspublik.
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
fachunabhängig
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftspolitik
Deutsch

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