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17.09.2026 15:55

Heidelberger Forschungsprojekt gibt NS-Opfern Namen und Geschichte zurück

Anja Facius Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Heidelberg

    983 Einträge, 84 bislang recherchierte Lebensgeschichten: Die neue Internetseite „Erinnerte Opfer“ macht die Schicksale von Menschen sichtbar, deren Körper während der Zeit des Nationalsozialismus in die Heidelberger Anatomie eingeliefert wurden. Das Forschungsprojekt der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg verbindet historische Forschung, digitale Dokumentation und Gedenkarbeit. Die als digitaler Erinnerungsort und Forschungsplattform konzipierte Internetseite soll kontinuierlich um weitere Biografien ergänzt werden.

    Auf der neuen Internetseite www.erinnerte-opfer.de können Interessierte erstmals das digitalisierte Leichenjournal des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg sowie Biografien der dort verzeichneten Personen einsehen. Ziel des zugrundliegenden Forschungsprojekts ist es, die individuelle Geschichte der Betroffenen zu erforschen und ihnen ihre Namen und Biografien zurückzugeben. Das Projektteam um Sammlungskuratorin Dr. Sara Doll leistet damit einen Beitrag zur historischen Aufarbeitung dieses Teils der Institutsgeschichte.

    Im sogenannten Leichenjournal wurden seit 1816 die Einlieferungen von Verstorbenen verzeichnet, deren Körper für Lehre und Forschung verwendet wurden. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Lebenswege der Menschen, deren Körper – häufig nach Hinrichtung und ohne Wissen und Zustimmung der Angehörigen – den Medizinern während der NS-Zeit zur Verfügung gestellt wurden.

    „Mit der Internetseite schaffen wir einen Ort des Erinnerns und der historischen Aufklärung“, sagt Dr. Doll vom Institut für Anatomie und Zellbiologie. „Die Aufarbeitung ist auch heute noch relevant. Obwohl sich keine Präparate aus dieser Zeit mehr im Institut nachweisen lassen, erreichen uns weiterhin Anfragen von Angehörigen, Forschenden oder Initiativen. Wir möchten dazu beitragen, die Schicksale dieser Menschen sichtbar zu machen und offene Fragen zu beantworten.“

    Leichen spielten über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Rolle für die anatomische Ausbildung von Medizinstudierenden. Ihre Herkunft war dabei häufig eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden. Während der NS-Zeit stieg die Zahl der Hinrichtungen stark an; Anatomische Institute im Deutschen Reich erhielten dadurch mehr Leichen als jemals zuvor.

    Die Datenbank umfasst sämtliche Personen, die in der Zeit zwischen 1933 und 1944 zur Anatomie Heidelberg gebracht wurden; 1945 gab es keine Einlieferungen. Insgesamt sind es 983 Einträge, die nun durch Forschende und Angehörige offen recherchiert werden können. Für 84 Personen recherchierte und veröffentlichte das Projektteam bereits Biografien. Die Internetseite, an deren Inhalten die Forschenden seit etwa einem Jahr arbeiten, soll kontinuierlich erweitert werden. Interessierte können in der digitalen Datenbank nach verschiedenen Kriterien recherchieren, etwa nach bereits vorhandenen Biografien, nach Eingangsdatum, Namen, Beruf, Alter oder Todesursache.

    Historische Verantwortung wahrnehmen

    Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird von einem Team des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Historischen Seminars der Universität Heidelberg konzipiert und durchgeführt. Es verfolgt einen bewusst personenbezogenen Ansatz.

    „Lange standen in der Erforschung der NS-Medizin vor allem Tätergruppen oder Opferkollektive im Mittelpunkt“, sagt Prof. Dr. Frank Engehausen vom Historischen Seminar der Universität Heidelberg. „Mit diesem Projekt rücken die Menschen hinter den Einträgen in den Fokus. Ihre Biografien machen das individuelle Unrecht sichtbar, das ihnen im NS-Regime widerfuhr. Diese Re-Personalisierung ist wissenschaftlich und ethisch von großer Bedeutung.“

    Zu den dokumentierten Personen zählen unter anderem politisch Verfolgte, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Bewohner von Anstalten und Pflegeheimen sowie weitere Opfer der NS-Justiz. In einzelnen Fällen konnten Forschende die Identität von Menschen rekonstruieren, die bislang nur als Nummern im Anatomiejournal erschienen. Darunter befinden sich auch zahlreiche Mitglieder der regional bedeutsamen Lechleiter-Widerstandsgruppe, die sich aktiv dem NS-Regime entgegenstellte.

    Wissenschaftlich fundiert und rechtlich geprüft

    Vor der Veröffentlichung wurden rechtliche und ethische Fragen sorgfältig geprüft. Die auf der Internetseite verwendeten Informationen stammen aus öffentlich zugänglichen historischen Quellen und Archiven. Das Projektteam sieht die Website als einen digitalen Gedenkort, der die Namen, persönlichen Geschichten und Fotos der Opfer vereint. Darüber hinaus liefert sie zahlreiche weitere Informationen, etwa zur Zuteilung der Leichen, ihren Herkunftsorten sowie geschichtliches Hintergrundwissen.

    „Sich der eigenen Geschichte zu stellen, gehört zur Verantwortung wissenschaftlicher Institutionen“, sagt Prof. Dr. Thomas Kuner, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie, das die Projektfinanzierung übernahm. „Mit ‚Erinnerte Opfer‘ leisten wir einen Beitrag dazu, Erinnerung zu bewahren, historische Zusammenhänge verständlich zu machen und den Betroffenen ihre Namen und ihre Geschichte zurückzugeben.“

    Weitere Informationen im Internet:
    Internetseite: www.erinnerte-opfer.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Die Expertinnen und Experten stehen auf Anfrage an presse@med.uni-heidelberg.de gern für Interviews zur Verfügung:
    Dr. Sara Doll, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg
    Prof. Dr. Frank Engehausen, Historisches Seminar der Universität Heidelberg
    Prof. Dr. Thomas Kuner, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg


    Weitere Informationen:

    https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/heidelberger-forschungsprojekt-g...


    Bilder

    Im sogenannten Leichenjournal wurden seit 1816 die Einlieferungen von Verstorbenen in die Heidelberger Anatomie verzeichnet. Ihre Körper wurden für Lehre und Forschung verwendet.
    Im sogenannten Leichenjournal wurden seit 1816 die Einlieferungen von Verstorbenen in die Heidelberg ...

    Copyright: Fotos: Anatomie Heidelberg, Universität Heidelberg


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


     

    Im sogenannten Leichenjournal wurden seit 1816 die Einlieferungen von Verstorbenen in die Heidelberger Anatomie verzeichnet. Ihre Körper wurden für Lehre und Forschung verwendet.


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