Eine deutsch-schwedische Summer School der Universität Siegen hat soziale Herkunft, Diskriminierung und die Rolle von Schule in den Mittelpunkt gerückt. Studierende und Lehrende aus Siegen und Växjö tauschten sich über Klassismus in Sprache, Literatur und Bildung aus.
Beim Gedanken an Schule in Schweden landet man hierzulande schnell beim Bullerbü-Idyll: gemeinsames Lernen, wenig Leistungsdruck und viel soziale Gleichheit. Aber die Realität bricht das Bild. Auch das schwedische Schulsystem steht heute vor Herausforderungen durch soziale Abgrenzung und Ungleichheit. Genau hier setzte die deutsch-schwedische Summer School „Klassismus: Soziale Diskriminierung in Sprache und Literatur – Theorie und didaktische Praxis“ an. Studierende und Lehrende der Universität Siegen und der Linnaeus University in Växjö diskutierten, wie soziale Herkunft Bildungserfahrungen prägt und brachten dabei unterschiedliche Perspektiven aus Deutschland und Schweden ein.
Die Summer School fand im Rahmen von connect4future statt. Das von 2025 bis 2029 laufende Modellprojekt der Universität Siegen setzt auf die Internationalisierung der Lehramtsausbildung. Es fördert interkulturelle Kompetenzen und sogenannte Future Skills angehender Lehrkräfte, also überfachliche Fähigkeiten für gesellschaftliche Zukunftsthemen wie Digitalisierung und KI-Kompetenz, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Demokratie. Projektkoordinatorin Vanessa Breitkopf: „Wir verstehen Future Skills nicht nur als digitale oder fachliche Kompetenzen. Dazu gehört auch, soziale Ungleichheit im Klassenzimmer zu erkennen und ihr etwas entgegenzusetzen. Klassismussensibilität ist für uns Teil von Demokratiebildung und eine Zukunftskompetenz angehender Lehrkräfte. Wer im internationalen Austausch erlebt, wie unterschiedlich Bildungssysteme mit sozialer Herkunft umgehen, schaut anders auf die eigene Schule.“
Zum Auftakt begrüßten Prorektorin für Lehrkräfte, Weiterbildung und Nachhaltigkeit Dr. Barbara Müller-Naendrup und die Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrkräftebildung und Bildungsforschung, Dr. Nadja Ratzka, die Teilnehmer*innen. Müller-Naendrup betonte, dass sich die Universität Siegen auch in der Lehrkräftebildung international stärker vernetzen und den Blick auf andere Schul- und Bildungssysteme richten wolle.
Wie wertvoll ein solcher Perspektivwechsel sein kann, weiß Müller-Naendrup aus eigener Erfahrung. Während ihres Studiums verbrachte sie Zeit an einer Primary School in England. Dafür habe sie als angehende Grundschullehrerin damals auch Unverständnis erlebt. „Aber es war eine sehr wertvolle Erfahrung“, erinnert sie sich. Der Blick über den Tellerrand könne helfen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und neue Perspektiven auf Schule und Unterricht zu gewinnen.
Im Mittelpunkt der Summer School stand der Klassismus, also die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft. „Wir sprechen über Rassismus und Antisemitismus an Schulen und das ist sehr wichtig. Klassismus ist oft leiser“, sagte Ratzka. Gerade deshalb sei es wichtig, genauer hinzuschauen. Denn in Schulen treffen Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen aufeinander. „Das ist aber auch der Ort, an dem diese Grenzen durchbrochen werden können.“
Prof. Dr. Friedemann Vogel (Germanistische Sprachwissenschaft) zeigte in seinem Auftaktvortrag, dass soziale Klassenverhältnisse keineswegs verschwunden sind, auch wenn Begriffe wie „Oberschicht“ und „Unterschicht“ heute weniger gebräuchlich sind. Die Teilnehmer*innen beschäftigten sich damit, wie Klassismus in Sprache, Literatur, Politik, Bildung und im Alltag sichtbar wird und welche Möglichkeiten Schule hat, solche Mechanismen zu erkennen und im Unterricht aufzugreifen.
Neben theoretischen Grundlagen war die praktische Auseinandersetzung wichtig. Die Teilnehmer*innen arbeiteten in Seminaren und Kleingruppen, nahmen an einem theaterpädagogischen Workshop teil und diskutierten mit der Autorin Eva Müller über ihr Werk „Scheiblettenkind“. Zum Abschluss präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse.
Der Blick nach Schweden eröffnete dabei neue Perspektiven. Der direkte Austausch machte deutlich, dass sich ähnliche Fragen in beiden Ländern stellen, und dass unterschiedliche Erfahrungen dabei helfen können, den eigenen Blick auf Schule zu schärfen.
Für Dr. Nadja Ratzka ist die Verbindung zur Praxis entscheidend: „Der Austausch mit den Studierenden und Lehrenden der Linnaeus University ist kein akademischer Selbstzweck, sondern hilfreich für die Arbeit in der Schule.“
Vanessa Breitkopf
breitkopf@zlb.uni-siegen.de
Tel.: 0271/740-2078
Deutsch-Schwedische Summer School an der Universität Siegen.
Copyright: Univeristät Siegen
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, jedermann
Gesellschaft, Pädagogik / Bildung
überregional
Wissenschaftliche Tagungen, wissenschaftliche Weiterbildung
Deutsch

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