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30.10.2026 13:08

Gehirn steuert Tastsinn in Echtzeit

Lisa Dittrich Presse, Kommunikation und Marketing
Justus-Liebig-Universität Gießen

    JLU-Studie macht die Anpassung des Tastsinns an Bewegungsphasen sichtbar

    Menschen nehmen Berührungen an ihrer Hand anders wahr, während sie sich bewegen. Dass sich die Empfindlichkeit über die Dauer der Bewegung verändert, ist bekannt; die neuronalen Mechanismen, die diese Modulation steuern, waren bislang jedoch ungeklärt. Einem Team um die Wahrnehmungspsychologin Prof. Dr. Katja Fiehler von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist es nun gelungen, diese Prozesse mit Hilfe der Elektroenzephalographie (EEG) in ihrer zeitlichen Dynamik sichtbar zu machen. Die Ergebnisse, die im Rahmen des Exzellenzclusters TAM – The Adaptive Mind der Universitäten Gießen, Marburg und Darmstadt entstanden sind, wurden jetzt in der Zeitschrift „Journal of Neuroscience“ veröffentlicht.

    In der Studie führten 34 Teilnehmende ihre rechte Hand zu ihrer linken Hand, während sie ihre Hände nicht sehen konnten. Während der Bewegung wurde am bewegten Zeigefinger eine kurze Vibration konstanter Stärke appliziert. Nach Abschluss der Bewegung erhielten die Probandinnen und Probanden eine Vergleichsvibration variierender Intensität am Brustbein und mussten urteilen, welcher der beiden Reize stärker empfunden wurde. Derselbe Test wurde durchgeführt, während die Hände ruhig auf dem Tisch lagen, um individuelle Unterschiede in der taktilen Empfindlichkeit auszuschließen.

    Die psychophysikalischen Ergebnisse bestätigten das bekannte Phänomen der taktilen Unterdrückung: Während der Handbewegung war die taktile Empfindlichkeit insgesamt vermindert. Bemerkenswert war jedoch ihre zeitliche Dynamik – um die maximale Bewegungsgeschwindigkeit herum, also genau dann, wenn die Feinjustierung der Bewegung der Hand auf ihr Ziel erfolgt, erholt sich die Empfindlichkeit vorübergehend gegenüber der späten Bewegungsphase.

    Das EEG zeigte, dass die Wahrnehmungsänderung bereits 45 Millisekunden nach der Vibration im primären somatosensorischen Kortex entsteht – also in dem Hirnareal, wo taktile Reize verarbeitet werden. So hat die Feinsteuerung offenbar nichts mit höheren Gehirnprozessen zu tun: Ein späteres Hirnsignal, das bei Bewertung und Entscheidung mitarbeitet, war zwar ebenfalls gedämpft – aber gleichmäßig über die gesamte Bewegung, ohne Auf- und Ab. Es folgte dem Muster der Wahrnehmung also nicht. Die Anpassung des Tastsinns findet demnach ganz am Anfang der Berührungsverarbeitung statt, lange bevor der Reiz bewertet wird. Und je stärker die Gehirnantwort bei einer Person gedämpft war, desto schwächer empfand sie die Vibration – ein direkter Zusammenhang zwischen frühem Hirnsignal und Erleben.

    „Unser Gehirn schaltet den Tastsinn also nicht einfach ab, während wir uns bewegen“, erklärt die Studienleiterin Prof. Dr. Katja Fiehler. „Es passt die Verarbeitung von Berührungen gezielt an die Phase der Bewegung an und lässt genau dann wieder sensorische Informationen durch, wenn sie für die Steuerung entscheidend sind." So bleibe das taktile System auf die jeweilige Situation abgestimmt und unterstütze präzise Handlungen, die ohne visuelle Kontrolle allein auf das eigene Tasten angewiesen sind. „Ob dieselbe Feinsteuerung auch bei Bewegungen stattfindet, die mit dem Auge verfolgt werden, müssen weitere Untersuchungen zeigen“, ergänzt Prof. Fiehler.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Katja Fiehler
    Allgemeine Psychologie
    E-Mail: katja.fiehler@psychol.uni-giessen.de


    Originalpublikation:

    Elena Fuehrer, Dimitris Voudouris, Lisa K. Maurer, Katja Fiehler: Temporal dynamics of early somatosensory processing in goal-directed actions. Journal of Neuroscience 6 October 2026
    https://www.jneurosci.org/content/early/2026/10/05/JNEUROSCI.0349-26.2026


    Bilder

    Studie aus der Wahrnehmungspsychologie beschäftigt sich mit der Steuerung des Tastsinns. Grafik
    Studie aus der Wahrnehmungspsychologie beschäftigt sich mit der Steuerung des Tastsinns. Grafik
    Quelle: Elisa Monte (Sketchfab/CC BY4.0)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Studie aus der Wahrnehmungspsychologie beschäftigt sich mit der Steuerung des Tastsinns. Grafik


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