Ob Schlaganfall, Demenz oder Parkinson: Prävention kann das Erkrankungsrisiko senken und auch nach einer Diagnose viel bewirken. Doch obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse immer deutlicher werden, bleibt ihre Umsetzung in Deutschland weit hinter den Möglichkeiten zurück. Im aktuellen Public Health Index landete Deutschland auf dem vorletzten Platz. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie zeigt anhand aktueller Studiendaten, was Prävention leisten kann – und warum sie endlich einen höheren Stellenwert erhalten muss.
Prävention beginnt lange vor einer Erkrankung – und endet nicht mit der Diagnose. Während die Primärprävention das erstmalige Auftreten einer Krankheit verhindern soll, zielt die Sekundärprävention auf Früherkennung und die Vermeidung erneuter Ereignisse. Die Tertiärprävention soll bei bereits Erkrankten Komplikationen begrenzen, Fähigkeiten erhalten und die Lebensqualität verbessern.
Prävention ist allerdings nicht allein Sache der Betroffenen. Ob Menschen gesund leben können, hängt wesentlich von ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen ab: von Bildung, Ernährung, Bewegungsmöglichkeiten, Umweltbelastungen und dem Zugang zur Gesundheitsversorgung. Damit ist Prävention auch eine gesellschafts- und wirtschaftspolitische Aufgabe.
„Wer neurologische Erkrankungen verhindert oder ihre Folgen begrenzt, kann Pflegebedürftigkeit hinauszögern, Arbeitsfähigkeit erhalten, Angehörige entlasten und Gesundheits- und Sozialausgaben senken“, erklärt DGN-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg, vom UKSH in Kiel. International wird auch der Begriff „Brain Capital“ verwendet. Er beschreibt den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert von Gehirngesundheit als Voraussetzung für Lernen, Kreativität, Produktivität und soziale Teilhabe. „Die Hirngesundheit in den Vordergrund zu rücken, sollte daher auch ein gesellschaftliches Anliegen sein – auch wenn uns Ärztinnen und Ärzten in erster Linie das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen antreibt, Präventionsmaßnahmen zu bewerben.“
Welches Potenzial die Prävention bietet, zeigen beispielhaft die wissenschaftlichen Daten zu den drei neurologischen Erkrankungen Schlaganfall, Demenz und Parkinson.
Schlaganfall: 80 Prozent des Risikos ist mit beeinflussbaren Faktoren verbunden
Kaum eine neurologische Erkrankung bietet so gut belegte Präventionsmöglichkeiten wie der Schlaganfall. In der internationalen INTERSTROKE-Studie [1] mit rund 27.000 Teilnehmenden aus 32 Ländern waren zehn beeinflussbare Risikofaktoren mit etwa 90 Prozent des bevölkerungsbezogenen Schlaganfallrisikos assoziiert. In neueren Studien [2, 3] lag der Einfluss von Risikofaktoren auf die Schlaganfall-Krankheitslast bei gut 80 %.
„Die Studienergebnisse beschreiben allerdings das Präventionspotenzial auf Bevölkerungsebene – nicht die Wahrscheinlichkeit, mit der sich ein Schlaganfall im Einzelfall verhindern lässt“, betont die DGN-Präsidentin. „Das macht es mitunter schwierig, den Nutzen von Prävention zu vermitteln. Denn selbst wer alles ‚richtig‘ macht, kann eine Erkrankung nicht mit letzter Sicherheit verhindern.“
Zu den Risikofaktoren für Schlaganfall zählen insbesondere Bluthochdruck, Bewegungsmangel, ungünstige Blutfettwerte, Rauchen, Diabetes mellitus, ungesunde Ernährung, übermäßiger Alkoholkonsum und Vorhofflimmern. Auch nach einem ersten Schlaganfall ist die (Sekundär-) Prävention entscheidend. Wie eine deutsche Krankenkassendatenanalyse [4] zeigt, erleiden 7,4 Prozent der Betroffenen innerhalb eines Jahres einen weiteren Schlaganfall, innerhalb von fünf Jahren sind es 19,4 Prozent.
Durch eine konsequente Behandlung der Risikofaktoren und eine auf die Ursache abgestimmte Therapie lässt sich das Wiederholungsrisiko deutlich senken. Besonders eindrucksvoll ist der Nutzen einer oralen Antikoagulation bei Vorhofflimmern: In einer randomisierten Studie von 1993 [5] sank die jährliche Schlaganfallrate von 12 auf 4 Prozent – eine relative Risikoreduktion um 66 Prozent.
Demenz: Bis zu 45 Prozent der Fälle könnten verhindert oder verzögert werden
Auch bei Demenzkrankheiten ist das Präventionspotenzial erheblich. Die internationale „Lancet Commission“ [6] identifizierte 2024 insgesamt 14 beeinflussbare Risikofaktoren, darunter Bluthochdruck, erhöhte LDL-Cholesterinwerte, Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel, Depressionen, soziale Isolation sowie unbehandelte Hör- und Sehbeeinträchtigungen. Würden diese Risiken über den gesamten Lebensverlauf konsequent reduziert, könnten nach Modellrechnungen weltweit bis zu 45 Prozent der Demenzfälle verhindert oder hinausgezögert werden. Die WHO hat in diesem Jahr noch weitere Einflussfaktoren, darunter Ernährung und Schlaf, in ihre Leitlinie aufgenommen [7].
Auch hier gilt: Die Korrektur eines einzigen Risikofaktors bewirkt keine Wunder, wohl aber eine Lebensstilumstellung, die möglichst viele Faktoren umfasst. Dass kombinierte Maßnahmen die geistige Leistungsfähigkeit verbessern können, zeigte die randomisierte finnische FINGER-Studie [8]. Über zwei Jahre nahmen 1.260 ältere Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko entweder an einem strukturierten Programm aus Bewegung, Ernährungsberatung, kognitivem Training und Kontrolle vaskulärer Risikofaktoren teil oder erhielten eine allgemeine Gesundheitsberatung. Die intensiv betreute Gruppe erzielte bessere Ergebnisse in Tests der kognitiven Leistungsfähigkeit.
Auch bei ersten kognitiven Einschränkungen und nach einer Demenzdiagnose bleiben präventive Maßnahmen sinnvoll. Körperliche Aktivität, geistige und soziale Anregung sowie die Behandlung von Begleiterkrankungen können dazu beitragen, vorhandene Fähigkeiten und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten [6, 9].
Parkinson: Bewegung als wichtiger Präventionsansatz
Parkinson ist die weltweit am schnellsten zunehmende neurologische Erkrankung [10, 11]. Grundlagenwissenschaftliche Untersuchungen und epidemiologische Langzeitstudien liefern Hinweise darauf, dass regelmäßige körperliche Aktivität und eine ausgewogene, bezüglich der Zusammensetzung z. B. mediterrane Ernährung das Erkrankungsrisiko senken und den Krankheitsbeginn hinauszögern können.
In einer Beobachtungsstudie [12] war Bewegung mittlerer bis hoher Intensität mit einem um bis zu 60 % geringeren Parkinson-Risiko verbunden. Eine Metaanalyse [13] mit mehr als 540.000 Teilnehmenden zeigte für körperlich besonders aktive Menschen ein um 29 Prozent niedrigeres Erkrankungsrisiko. Auch für eine mediterrane Ernährungsweise wurden günstige Zusammenhänge beobachtet [14].
Gut belegt ist auch der Nutzen von Bewegung nach der Diagnose. Regelmäßiges Ausdauer-, Kraft- und Gleichgewichtstraining kann Beweglichkeit, Gangbild und motorische Leistungsfähigkeit verbessern [15, 16]. Auch über längere Zeiträume kann intensives Training die Bewegungsfunktionen positiv beeinflussen [17, 18].
Deutschland: Zwischen Wissen und Handeln klafft eine große Lücke
„Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass sich zahlreiche neurologische Erkrankungsrisiken und Krankheitsfolgen beeinflussen lassen. Doch in Deutschland werden diese Möglichkeiten bislang nicht konsequent genutzt“, bedauert Prof. Berg.
Wie der im Dezember 2025 publizierte Public Health Index [19] zeigte, besteht im europäischen Vergleich ein erheblicher Nachholbedarf. In diesem umfassenden Ranking zum Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen der vier Handlungsfelder Alkoholkonsum, Bewegung, Ernährung und Tabakkonsum belegte Deutschland Rang 17 von 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa.
„Wir wissen längst, dass Prävention wirkt. Trotzdem investiert unser Gesundheitssystem noch immer vor allem in die Behandlung von Krankheiten, statt deren Entstehung und Folgen konsequent zu verhindern. Das ist medizinisch nicht nachvollziehbar und angesichts der steigenden Krankheitslast auch gesellschaftlich nicht länger hinnehmbar“, erklärt Prof. Berg.
Mit ihrer gemeinsamen Kampagne „Prävention wirkt.“ wollen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Hirnstiftung das Potenzial von Prävention stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken – und dazu beitragen, dass aus wissenschaftlichen Erkenntnissen gelebte Präventionspraxis wird.
Literatur
[1] O'Donnell MJ, Chin SL, Rangarajan S et al.; INTERSTROKE investigators. Global and regional effects of potentially modifiable risk factors associated with acute stroke in 32 countries (INTERSTROKE): a case-control study. Lancet. 2016 Aug 20;388(10046):761-75. doi: 10.1016/S0140-6736(16)30506-2. Epub 2016 Jul 16. PMID: 27431356.
[2] Feigin VL, Volovici V, Brainin M et al. The Latest Global Stroke Fact Sheet 1990-2023: Global Burden of Disease Study. Neuroepidemiology. 2026 May 7:1-18. doi: 10.1159/000552065. Epub ahead of print. PMID: 42096361; PMCID: PMC13327665.
[3] GBD 2021 Nervous System Disorders Collaborators. Global, regional, and national burden of disorders affecting the nervous system, 1990-2021: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet Neurol. 2024 Apr;23(4):344-381. doi: 10.1016/S1474-4422(24)00038-3. Epub 2024 Mar 14. Erratum in: Lancet Neurol. 2024 May;23(5):e9. doi: 10.1016/S1474-4422(24)00114-5. Erratum in: Lancet Neurol. 2024 Jul;23(7):e11. doi: 10.1016/S1474-4422(24)00231-X. PMID: 38493795; PMCID: PMC10949203.
[4] Stahmeyer JT, Stubenrauch S, Geyer S, Weissenborn K et al. The Frequency and Timing of Recurrent Stroke: An Analysis of Routine Health Insurance Data. Dtsch Arztebl Int. 2019 Oct 18;116(42):711-717. doi: 10.3238/arztebl.2019.0711. PMID: 31711561; PMCID: PMC6891883.
[5] Secondary prevention in non-rheumatic atrial fibrillation after transient ischaemic attack or minor stroke. EAFT (European Atrial Fibrillation Trial) Study Group. Lancet. 1993 Nov 20;342(8882):1255-62. PMID: 7901582.
[6] Livingston G, Huntley J, Liu KY et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet. 2024 Aug 10;404(10452):572-628. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0. Epub 2024 Jul 31. PMID: 39096926.
[7] World Health Organization. Risk reduction of cognitive decline and dementia: WHO guidelines, second edition. 15 July 2026, Guideline. https://www.who.int/publications/i/item/9789240123557
[8] Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A et al. A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. Lancet. 2015 Jun 6;385(9984):2255-63. doi: 10.1016/S0140-6736(15)60461-5. Epub 2015 Mar 12. PMID: 25771249.
[9] Reetz K, Liepelt-Scarfone I, Häger A et al.; Dementia Commission of the German Society for Neurology (DGN). The best treatment is prevention: prevention of cognitive decline and dementia - current state, gaps and next steps. Neurol Res Pract. 2026 Apr 21;8(1):30. doi: 10.1186/s42466-026-00494-4. PMID: 42015253; PMCID: PMC13101104.
[10] Dorsey ER, Sherer T, Okun MS, Bloem BR. The Emerging Evidence of the Parkinson Pandemic. J Parkinsons Dis. 2018;8(s1):S3-S8. doi: 10.3233/JPD-181474. PMID: 30584159; PMCID: PMC6311367.
[11] Dorsey ER, Sherer T, Okun MS, Bloem BR. The Emerging Evidence of the Parkinson Pandemic. J Parkinsons Dis. 2018;8(s1):S3-S8. doi: 10.3233/JPD-181474. PMID: 30584159; PMCID: PMC6311367.
[12] Chen H, Zhang SM, Schwarzschild MA et al. Physical activity and the risk of Parkinson disease. Neurology. 2005 Feb 22;64(4):664-9. doi: 10.1212/01.WNL.0000151960.28687.93. PMID: 15728289.
[13] Fang X, Han D, Cheng Q et al. Association of Levels of Physical Activity With Risk of Parkinson Disease: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Netw Open. 2018 Sep 7;1(5):e182421. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2018.2421. PMID: 30646166; PMCID: PMC6324511.
[14] Joyce EE, Yin W, Löf M et al. Mediterranean dietary pattern and risk of neurodegenerative diseases in a cohort of Swedish women. NPJ Parkinsons Dis. 2025 Apr 11;11(1):71. doi: 10.1038/s41531-025-00932-1. PMID: 40210846; PMCID: PMC11986014.
[15] Shulman LM, Katzel LI, Ivey FM et al. Randomized clinical trial of 3 types of physical exercise for patients with Parkinson disease. JAMA Neurol. 2013 Feb;70(2):183-90. doi: 10.1001/jamaneurol.2013.646. PMID: 23128427; PMCID: PMC4574905.
[16] van der Kolk NM, de Vries NM, Kessels RPC et al. Effectiveness of home-based and remotely supervised aerobic exercise in Parkinson's disease: a double-blind, randomised controlled trial. Lancet Neurol. 2019 Nov;18(11):998-1008. doi: 10.1016/S1474-4422(19)30285-6. Epub 2019 Sep 11. PMID: 31521532.
[17] Prodoehl J, Rafferty MR, David FJ et al. Two-year exercise program improves physical function in Parkinson's disease: the PRET-PD randomized clinical trial. Neurorehabil Neural Repair. 2015 Feb;29(2):112-22. doi: 10.1177/1545968314539732. Epub 2014 Jun 24. PMID: 24961994; PMCID: PMC4276552.
[18] Rafferty MR, Prodoehl J, Robichaud JA et al. Effects of 2 Years of Exercise on Gait Impairment in People With Parkinson Disease: The PRET-PD Randomized Trial. J Neurol Phys Ther. 2017 Jan;41(1):21-30. doi: 10.1097/NPT.0000000000000163. PMID: 27977518; PMCID: PMC5161103.
[19] AOK-Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Public Health Index (PHI). https://www.praeventionstag.de/nano.cms/news/details/10470
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftliche Tagungen
Deutsch

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