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03.11.2026 16:30

WHO definierte als neue Demenz-Risikofaktoren: Ernährung, Schlaf, Schlaganfälle, HIV – und womöglich auch Wechseljahre

Dr. Bettina Albers Pressestelle der DGN
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

    Kann gesunder Schlaf vor Demenz schützen? Welche Rolle spielen HIV-Infektionen, Schlaganfälle oder die Wechseljahre? Können Nahrungsergänzungsmittel positiv auf die Hirngesundheit Einfluss nehmen? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Sommer ihre Leitlinie zur Demenzprävention grundlegend aktualisiert und nimmt darin weitere mögliche Risikofaktoren in den Blick. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) erläutert, welche Maßnahmen wissenschaftlich belegt sind, wo noch Forschungsbedarf besteht und warum eine frühzeitige, individuell zugeschnittene Prävention immer wichtiger wird.

    Demenz ist nicht zwangsläufig eine unvermeidbare Folge des Alterns. Viele Faktoren, die das Risiko einer Erkrankung beeinflussen, lassen sich verändern. Mit ihrer 2026 aktualisierten Leitlinie zur Demenzprävention [1] erweitert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nun den wissenschaftlichen Blick: Neben bekannten Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel und Rauchen beleuchtet sie weitere gesundheitliche Einflüsse, darunter HIV-Infektionen, Schlafstörungen, Schlaganfälle und hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren.

    „Wir verstehen immer besser, wie eng die Gesundheit unseres Gehirns mit anderen körperlichen und psychischen Prozessen zusammenhängt. Entscheidend ist, dass wir Demenzprävention nicht erst im hohen Alter beginnen, sondern über die gesamte Lebensspanne hinweg denken“, erklärt Prof. Dr. Özgür Onur, Köln, Sprecher der DGN-Kommission „Demenzen“.

    Ernährung: Gesund essen statt Nahrungsergänzungsmittel einnehmen

    Die WHO bekräftigt in ihrer neuen Leitlinie die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung und empfiehlt eine gesunde Ernährungsweise zur Verringerung des Risikos für kognitive Beeinträchtigungen. Die wissenschaftliche Evidenz dafür bewertet die WHO als moderat. „Das sollte niemanden entmutigen. Es ist schwierig randomisierte kontrollierte Langzeitstudien dazu aufzulegen, letztlich auch im Hinblick auf die Dauer solcher Studien und deren Finanzierung, so dass am Ende häufig nur Observationsstudien oder kleine randomisierte Studien vorliegen“ so Onur. Dennoch mehre sich die Evidenz, dass wir mit einer frischen, gemüse- und ballaststoffreichen Diät viel erreichen könnten.

    Diese ließe sich auch nicht durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel ersetzen. Auch das WHO-Paper spricht sich ausdrücklich dagegen aus, Vitamin B, Vitamin E, Omega-3-Fettsäuren oder Multivitaminpräparate zur Demenzprävention einzunehmen, sofern kein entsprechender Nährstoffmangel vorliegt. Damit unterstreicht die WHO einen wichtigen Grundsatz: Nicht einzelne vermeintliche Wundermittel, sondern langfristige Lebensgewohnheiten stehen im Mittelpunkt der Prävention.

    Gesunder Schlaf: Ein weiterer Baustein der Gehirngesundheit

    Auch der Schlaf rückt in der aktualisierten WHO-Leitlinie stärker in den Fokus. Studien zeigen, dass sowohl zu kurzer als auch zu langer Schlaf, häufige Schlafunterbrechungen und Schlafstörungen mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz verbunden sein können. Die WHO betont deshalb die Bedeutung eines ausreichenden, möglichst ungestörten und erholsamen Schlafs über die gesamte Lebensspanne. Eine allgemeingültige optimale Schlafdauer zur Demenzprävention lässt sich aus den bisherigen Erkenntnissen jedoch nicht ableiten. Ebenso ist bislang nicht ausreichend nachgewiesen, dass eine gezielte Verbesserung der Schlafqualität oder die Behandlung von Schlafstörungen das Demenzrisiko tatsächlich senkt. Hier sieht die WHO weiteren Forschungsbedarf.

    Vorerkrankungen: HIV und Schlaganfälle neu im Fokus der Demenzprävention

    Nicht nur der Lebensstil, auch bestehende Erkrankungen können das Demenzrisiko beeinflussen. Schon länger ist bekannt, dass insbesondere Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte und starkes Übergewicht mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz verbunden sind. Die aktualisierte WHO-Leitlinie nimmt nun weitere Erkrankungen verstärkt in den Blick. Dazu gehören insbesondere HIV-Infektionen und Schlaganfälle. So können HIV-Infektionen mit kognitiven Beeinträchtigungen einhergehen, während insbesondere wiederholte Schlaganfälle das Risiko einer späteren Demenz erhöhen. Auch Depressionen, Schädel-Hirn-Verletzungen sowie unbehandelte Hör- und Sehbeeinträchtigungen werden in der Leitlinie berücksichtigt. Die WHO betont, wie wichtig die frühzeitige Erkennung und konsequente Behandlung solcher Erkrankungen für die allgemeine Gesundheit ist. Zugleich weist sie darauf hin, dass noch nicht für alle Behandlungen nachgewiesen ist, ob sie auch das Demenzrisiko gezielt senken können. Besonders bei HIV und Schlaganfällen besteht weiterer Forschungsbedarf.

    „Diese Zusammenhänge beobachten wir bereits sehr lange in der Praxis, doch erst seit kurzem ist bekannt, dass Schlaganfälle zu immunologischen Veränderungen führen, die ganz unterschiedliche Erkrankungen nach sich ziehen können. Auf der Neurowoche 2026 wird Prof. Arthur Liesz, München, dieses Thema im ‚Presidential Symposium‘ am 05.11. präsentieren“, so Onur. „Für die Versorgung ist es wichtig, dass Menschen mit stattgehabtem Schlaganfall oder einer HIV-Infektion um ihr erhöhtes Demenz-Risiko wissen und die Möglichkeiten der Prävention besonders ernst nehmen.“

    Welche Rolle spielen die Wechseljahre für die Hirngesundheit von Frauen?

    Forschende untersuchen auch zunehmend, ob auch hormonelle Veränderungen rund um die Wechseljahre das Demenzrisiko beeinflussen. Denn Frauen sind häufiger von Demenzerkrankungen betroffen als Männer. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) [2] lag die Häufigkeit diagnostizierter Demenzerkrankungen im Jahr 2022 bei Frauen ab 40 Jahren bei 3,3 Prozent, bei Männern dagegen bei 2,4 Prozent. „Bisher wurde die höhere Lebenserwartung von Frauen dafür verantwortlich gemacht, denn natürlich ist das Alter ein besonders gewichtiger Risikofaktor für Demenzen“, so Onur. Die WHO hat nun erstmals die menopausale Hormontherapie im Zusammenhang mit Demenzprävention bewertet. Ihr Ergebnis: Für Frauen ab 65 Jahren wird eine Hormontherapie ausdrücklich nicht zur gezielten Verringerung des Demenzrisikos empfohlen. Für jüngere Frauen, einschließlich Frauen mit vorzeitiger Menopause, reicht die wissenschaftliche Evidenz derzeit nicht aus, um eine Empfehlung dafür oder dagegen auszusprechen. „Die Wechseljahre rücken damit zwar stärker in den Fokus der Demenzforschung, doch noch ist unklar, wie stark sie das Risiko tatsächlich erhöhen. Es gibt erste Hinweise darauf, dass in den Wechseljahren insbesondere die Tau-Pathologie zunimmt [3]. Eine vorbeugende Wirkung der Hormontherapie ist bislang jedoch nicht nachgewiesen“, fasst Prof. Onur den aktuellen Wissensstand zusammen.

    Der Demenz-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie weist in diesem Zusammenhang auf die Vielzahl möglicher Risikofaktoren hin, eine Liste, die aus seiner Sicht auch noch nicht zu Ende geschrieben ist. Die für ihn wichtigste Botschaft lautet: „Demenzprävention beginnt nicht erst im Alter. Viele Risikofaktoren wirken über Jahrzehnte auf die Gesundheit unseres Gehirns ein. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig gegenzusteuern und dabei die persönliche Lebenssituation und bestehende Erkrankungen zu berücksichtigen. Wer beispielsweise unter Bluthochdruck oder Diabetes mellitus leidet, braucht andere Präventionsmaßnahmen als jemand, bei dem Bewegungsmangel oder soziale Isolation im Vordergrund stehen.“ Die neue WHO-Leitlinie zeigt für ihn: „Wir müssen weg von pauschalen Empfehlungen und hin zu einer Prävention, die auf das individuelle Risikoprofil zugeschnitten ist.“

    [1] World Health Organization. Risk reduction of cognitive decline and dementia: WHO guidelines, second edition. 15 July 2026, Guideline. https://www.who.int/publications/i/item/9789240123557
    [2] Robert Koch-Institut. Dementia – Prevalence, trends and regional patterns in Germany. An analysis based on routine data from the statutory health insurance. Date: 31/03/2025 https://www.rki.de/EN/News/Publications/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownload...
    [3] Coughlan GT, Betthauser TJ, Boyle R et al. Association of Age at Menopause and Hormone Therapy Use With Tau and β-Amyloid Positron Emission Tomography. JAMA Neurol. 2023 May 1;80(5):462-473. doi: 10.1001/jamaneurol.2023.0455. PMID: 37010830; PMCID: PMC10071399.

    Weitere Informationen zur Prävention neurologischer Krankheiten: www.praevention-wirkt.de

     
    Pressekontakt
    Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
    Pressesprecher: Prof. Dr. Peter Berlit
    Leiterin der DGN-Pressestelle: Dr. Bettina Albers
    Tel.: +49(0)174 2165629
    E-Mail: presse@dgn.org

    Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
    ist mit ihren über 14.000 Mitgliedern die Stimme der Neurologie in medizinischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung und steht für beste neurologische Versorgung und Hirngesundheit in Deutschland. Sie fördert als offene, praxisnahe, digital vernetzte, interprofessionell und interdisziplinär arbeitende Fachgesellschaft neurologischen Fortschritt, bildet kulturelle Vielfalt ab und ist sowohl wissenschaftlich als auch gesundheitspolitisch wirksam. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

    Präsidentin: Prof. Dr. Daniela Berg
    Stellvertretender Präsident: Prof. Dr. Dr. Sven Meuth
    Past-Präsident: Prof. Dr. Lars Timmermann
    Generalsekretär: Prof. Dr. Peter Berlit
    Geschäftsführer: David Friedrich-Schmidt
    Geschäftsstelle: Budapester Str. 7/9, 10787 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: info@dgn.org


    Weitere Informationen:

    https://www.dgn.org


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    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungs- / Wissenstransfer
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