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03.03.1999 15:13

Von Spinnenangst kuriert am besten hartes Training

Dr. Wolfgang Hirsch Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Psychologen der Universität Jena befreien Patienten sehr wirkungsvoll von Spinnenphobien, indem sie die Konfrontationstherapie einsetzen. Zugleich erforschen die Wissenschaftler, welche neurophysiologischen Abläufe den - irrationalen - Tierphobien zugrundeliegen.

    Klein, zierlich, schwarzhaarig und mit bezaubernd langen Beinen, ist Karla eigentlich eine herb-romantische Schönheit. Ihr Anblick löst dennoch bei vielen nur Angst und Entsetzen aus. Dabei gilt sie im Institut für Psychologie der Uni Jena als zutiefst friedfertige "Kollegin". Das Vogelspinnen-Fräulein "arbeitet" im Team von Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner daran mit, Patienten und Patientinnen von ihrer Spinnenphobie zu befreien.

    Die Aussichten, von solchen Tierphobien kuriert zu werden, sind überraschend gut. Bei der Behandlung kommt der Psychologe völlig ohne Medikamente aus; stattdessen bringt er seine Patienten über viele kleine Zwischenschritte dazu, vor der Spinne nicht mehr auszureißen. - Solange, bis sie Karla sogar auf die Hand nehmen können. "Schon nach ein bis drei Tagen intensiver Konfrontationstherapie ertragen sie mühelos eine Spinne in ihrer unmittelbaren Umgebung", schildert Prof. Miltner den üblichen Therapieverlauf. Dasselbe Prinzip wenden er und sein Team auch gegen Schlangenphobien an.

    Aber den Jenaer Psychologen reicht es nicht aus, nur Patienten zu heilen. Wolfgang Miltner und seine Mitarbeiter wollen wissen, welche neurophysiologischen Vorgänge im Gehirn vor, während und nach der Behandlung ablaufen. Dazu setzen sie elektroenzephalographische Messungen (EEG) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), ein modernes bildgebendes Verfahren, ein. "Ein Spinnenphobiker ist deshalb in seinen Verhaltensmöglichkeiten beschränkt, weil das Spinnenbild, das über den sogenannten Thalamus aufgenommen wird, sofort ein ,Neuronengewitter' der Amygdala auslöst, noch bevor die Information das Großhirn erreicht", erklärt Miltner den ,Kurzschluß' im Kopf seiner Patienten.

    Und ist die Amygdala, ein relativ urtümliches, mandelförmiges Organ erst einmal aktiviert, läuft das typische Angst-Flucht-Schema ab, das Menschen und höherentwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet - und dieses oft genug rettet: Die Hormone Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet und versetzen den ganzen Körper in Alarmbereitschaft, der Puls wird schneller, die Muskeln spannen sich, Panik macht sich breit.

    Woher solche Tierphobien stammen, die sich in erster Linie gegen Spinnen, Schlangen, Ratten und andere Nager, aber auch gegen Katzen und Hunde richten, ist nicht bekannt. Schließlich geht von den hierzulande heimischen Spinnen und Schlangen keine Bedrohung aus, und Phobien sind in Regionen mit giftigen Artvertretern keineswegs häufiger als in unseren Breiten. Psychologen vermuten folglich, daß sie es mit einem archaischen Überbleibsel im menschlichen Gehirn zu tun haben; möglicherweise sicherte in grauer Vorzeit ein rasches Erkennen und Reagieren auf - damals vielleicht bedrohliche - Kleintiere höhere Überlebenschancen.

    Zumindest ist bei Tierphobikern schon die ganze Wahrnehmung auf ihr ,Ekeltier' dressiert. Miltners Team hat Patienten in isolierten Räumen Dias gezeigt, die neben ,harmlosen' Objekten ab und zu auch eine Spinne enthielten. "Die neuronale Reaktion auf diese Spinnenbilder war irrsinnig schnell", fanden die Psychologen heraus, "schon 100 Millisekunden nach der Reizdarbietung konnten wir erheblich gesteigerte hirnelektrische Aktivitäten messen."

    Die Therapie muß also erreichen, den Anblick einer Spinne als etwas Normales erscheinen zu lassen, und vor allem die Reaktionsschwelle für die Amygdala heraufsetzen. Darauf werden die Patienten während der Konfrontationstherapie durch beständige Reizdarbietung solange trainiert, bis sie sich in Karlas Gegenwart kontrolliert verhalten können.

    Zwar sind sie ihr und ihren Artverwandten nun nicht mehr spinnefeind, doch empfinden sie sie noch jahrelang als besondere Objekte. Im Gehirn des kurierten Spinnenphobikers tickt eine ,Zeitbombe': Wenn späterhin jegliche Konfrontation mit den einstigen Angstobjekten fehlt, sinkt die Reaktionsschwelle der Amygdala wieder, und es droht ein Rückfall. Nur eine einzige "Mitarbeiterin" in Wolfgang Miltners Team ficht das nicht an... Welche Gefühle die Vogelspinne Karla ,ihren' Patienten entgegenbringt, ist nicht bekannt.

    Ansprechpartner:
    Prof. Dr. Wolfgang H. R. Miltner
    Tel.: 03641/945140, Fax: 945142
    e-mail: miltner@biopsy.uni-jena.de

    Friedrich-Schiller-Universität
    Referat Öffentlichkeitsarbeit
    Dr. Wolfgang Hirsch
    Fürstengraben 1
    07743 Jena
    Tel.: 03641/931031
    Fax: 03641/931032
    e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Recht friedfertig ist die Jenaer Vogelspinne Karla. Noch nie hat sie einem Menschen etwas zuleide getan; trotzdem haben viele Patienten Angst vor ihr - zumindest anfangs.


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