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Wissenschaft
Politik muß sich der Wissenschaft mehr öffnen
Tübinger Rektor zur wissenschaftlichen Analyse von Disparität und Armut
Beim Festakt zur Rektoratsübergabe am Dies Universitatis der Universität Tübingen hielt der neue Rektor Prof. Dr. Eberhard Schaich am heutigen 21. Oktober die Rektoratsrede. Mit der Rektoratsrede gibt der neue Rektor traditionsgemäß einen Einblick in sein Forschungsgebiet. Schaich beschäftigte sich mit der Frage "Disparität und Armut: Meßbare Phänomene oder politische Phantome?" Die Begriffe Disparität und Armut seien bei "Politikern aller Couleur als unentbehrliche Waffensysteme im tagespolitischen Schlagabtausch gegen den politischen Gegner im Einsatz". Mit Beispielen aus den politischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte belegte Schaich die parteiübergreifend geltende "eherne Regel": Die jeweiligen Machthaber konstatierten einen Rückgang der Armut, die Machthaber der Zukunft das Gegenteil. Die subtile und vielschichtige wissenschaftliche Analyse der Begriffe werde von der Politik dagegen nicht wahrgenommen, insofern seien "Politik und wissenschaftliche Analyse derzeit noch auf viel zu großer Distanz, obwohl beide Konzepte für unsere wirtschafts- und sozialpolitischen Reformbemühungen von eminenter Bedeutung sind."
Schaich zeigte die methodischen Schwierigkeiten einer wissenschaftlich fundierten Messung von Einkommensungleichheit und Armut auf. Er relativierte die herkömmlichen finanzwissenschaftlichen Aussagen, wonach Umverteilungseffekte durch Steuertarife für das Wirtschaftswachstum schädlich seien. Die Armutsgrenze für eine allein in der Stadt lebende erwachsene Person unter Einfluß auch einiger nicht existenzieller Bedürfnisse veranschlagte Schaich auf etwa 1500 DM pro Monat. Nach der jüngsten Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks verfügten 25% der Studierenden über ein Monatsbudget von weniger als 1070 DM, ein weiteres Viertel liege zwischen 1070 und 1300 DM. Schaich: "Dies bedeutet, daß mehr als die Hälfte der Studierenden unter jener von mir veranschlagten Armutsgrenze leben. Es gibt Standpunkte, für Studierende müßte die Armutsgrenze tiefer angesetzt werden als für Erwachsene. Solches wäre indessen überzeugend zu begründen".
Abschließend plädierte Schaich "für eine Politik, die sich der Wissenschaft mehr öffnet, für eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die ihre Kernfragen mittels sorgfältiger Analyse und Diagnose der unübersichtlich strukturierten Phänomene angeht und aus den erzielten Ergebnissen Maßnahmen ableitet. Disparität und Armut sind Prototypen solcher Phänomene. Der Phantomgebrauch von Begriffen und Konzepten zum Zwecke der Vernebelung der komplexen Wirklichkeit sollte schnell und geräuschlos aus unserer Politik verschwinden."
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Gesellschaft, Politik, Recht, Wirtschaft
überregional
Wissenschaftspolitik
Deutsch
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