idw - Informationsdienst
Wissenschaft
Nr. 110
RUBIN: Langjährige Studie umfasst türkischstämmige und deutsche Familien
Väter sind im Alltag kleiner Kinder weniger präsent als Mütter. Dafür ist ihr Einfluss auf die kognitive Entwicklung und damit auf den Schulerfolg der Kinder überraschend groß, stellen Entwicklungspsychologen um PD Dr. Birgit Leyendecker im aktuellen RUBIN fest. Vor allem aber sprechen die Ergebnisse langjähriger Untersuchungen bei Kindern im Vorschulalter türkischstämmiger und deutscher Familien für neue Initiativen, mit denen gerade zugewanderte Mütter einen besseren Zugang zur deutschen Sprache und Kultur erhalten sollen.
Beitrag mit Bildern im Netz
Den vollständigen Beitrag mit Bildern zum Herunterladen finden Sie im Internet unter http://www.rub.de/rubin
"Ressource Familie" bislang kaum erforscht
Der Einfluss der Familie auf die schulische Entwicklung der Kinder ist bislang kaum erforscht. Alle Fördermaßnahmen hinsichtlich Sprache und Bildung finden außerhalb der Familien in Kindergärten und Schulen statt. Eine Forschergruppe am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie der Ruhr-Universität (Prof. Dr. Axel Schölmerich) untersucht seit Herbst 2000 den Entwicklungsverlauf von Kindern vor dem Hintergrund der "Ressource Familie". In RUBIN stellen die Forscher insbesondere heraus, wie sich hinsichtlich der Einwanderergeneration unterschiedliche Elternkonstellationen auf die kulturelle Verbundenheit der Familien auswirken und welchen Einfluss die Bildung auf die psychosozialen Belastungen (alltäglicher Stress) bei türkischstämmigen und deutschen Familien hat. Dabei werden Mütter und Väter erstmals auch getrennt betrachtet.
Ehepartner beeinflusst Zugang zur deutschen Kultur
In Deutschland haben die meisten Kinder mit Migrationshintergrund mindestens einen Elternteil, der erst als Jugendlicher oder Erwachsener nach Deutschland kam. Daher unterscheiden die Forscher in ihren Untersuchungen junge Familien, bei denen beide Eltern schon in Deutschland aufgewachsen sind (2. Generation), beide Eltern erst nach der Schulzeit zuwanderten (1. Generation) oder ein Elternteil der ersten und ein Elternteil der zweiten Generation angehört. Es zeigte sich erwartungsgemäß, dass Mütter, die in Deutschland aufwachsen sind, einen leichteren Zugang zu Sprache und Kultur haben und stärker mit der deutschen Kultur verbunden sind (Akkulturation). Offensichtlich können aber Partner der 2. Generation den Zugang zur deutschen Kultur deutlich erleichtern.
Einfluss von Bildung und Bildungsjahren
In einer weiteren Studie untersuchten die Psychologen bei 100 deutschen und 100 türkischstämmigen Kindern und deren Familien, welche Faktoren die psychosoziale Belastung, d.h. den alltäglich erlebten Stress, der Mütter beeinflussen und wie sich diese Belastung auf den Erziehungsalltag auswirkt. Während sich bei den deutschen Müttern mit zunehmender Bildung bei mehr finanzieller Sicherheit sowie Wissen und Zugriff um/auf Ressourcen (soziale Netzwerke) die alltägliche Stressbelastung verringerte, zeigte sich dieser Effekt bei den türkischstämmigen Müttern nicht durch Bildung allein, wohl aber bei zunehmender Anzahl an Bildungsjahren in Deutschland. Eine geringere psychosoziale Belastung hatte bei den Müttern ein positiveres Erziehungsverhalten zur Folge, sie neigten weniger dazu, die Vermittlung von Disziplin an Kindergarten und Schule zu delegieren und ihre Bereitschaft, den Kindern mehr Eigenständigkeit zuzugestehen, war größer.
Mütter und Väter einzeln betrachtet
In vielen Studien wird die Bildung der Eltern entweder über den Vater erfasst oder für beide Eltern gemittelt, da meist eine Bildungsnähe von Vätern und Müttern vorhanden ist. Hier aber stellten die Forscher den Spracherwerb und die kognitive Entwicklung der Kinder der Bildung von Vätern und Müttern gegenüber. Die Ergebnisse: Während sich bei deutschen Kindern das erwartete Muster bestätigte (je höher die Bildung der Mutter, desto besser die Sprachfähigkeiten der Kinder), hatte die Bildung der türkischstämmigen Mütter keinen Einfluss auf die deutschen Sprachkenntnisse der Kinder im zweiten Kindergartenjahr. Noch überraschender waren die Ergebnisse bei den Vätern: Obwohl sie weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen, üben sie einen großen Einfluss auf deren sprachliche Entwicklung in deutschen, aber besonders in türkischstämmigen Familien aus. Dies war bei Letzteren sogar der Fall, obwohl ein höherer Prozentsatz der Väter als der Mütter erst als Erwachsene aus der Türkei einwanderte.
Wenn Bücher zum Alltag gehören
Diese Ergebnisse beruhen bei den deutschen Familien vor allem aus der Bildungsnähe von Müttern und Vätern, die bei türkischstämmigen Familien nicht gegeben ist. Hier sehen die Psychologen aber einen Zusammenhang mit dem so genannten Literacy Environment: Darunter wird eine Umgebung bzw. ein familiärer Alltag verstanden, in dem einem Kind vorgelesen wird, ihm Bücher zur Verfügung stehen und lesende Erwachsene für das Kind selbstverständlich sind. Viele Studien stellen die Bedeutung des Literacy Environment für die kognitive Entwicklung der Kinder und den späteren Schriftspracherwerb heraus. In den untersuchten türkischstämmigen Familien sind mehr als dreiviertel aller Mütter Hausfrauen, die Väter tragen überproportional zur sozioökonomischen Situation der Familie bei. So hatten Kinder von Vätern der 2. Generation besonders viele Bücher zu Hause und profitieren davon, dass ihre Väter ihnen deutsch vorlesen. Der begrenzte Zugang zu türkischen Kinderbüchern wir durch einen größeren deutschen Kinderbuchmarkt ausgeglichen.
Ergebnisse unterstützen neue Initiativen
Der Zugang zur deutschen Sprache und Alltagskultur stellte sich als eine wichtige Voraussetzung für die gesellschaftliche Partizipation und Integration heraus. Damit bestärken die Forschungen zugleich neuere Initiativen einiger Kindergärten und Grundschulen, die in ihren Räumlichkeiten Sprachkurse ("Mama lernt deutsch") oder kombinierte Kurse zu Sprache und Elternbildung anbieten (z.B. "Rucksackprojekte" in NRW), während die Kinder betreut sind. Diese Investitionen in die Weiterbildung der Mütter kommen der ganzen Familie zugute und lassen vor allem auch zunehmende Bildungserfolge bei den Kinder erwarten.
Weitere Informationen
PD Dr. Birgit Leyendecker, Entwicklungspsychologie, Fakultät für Psychologie, Tel.: 0234/32-28364, 0178/1875593, E-Mail: Birgit.Leyendecker@rub.de
http://www.rub.de/rubin - RUBIN mit Bildern im Netz
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Psychologie
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.
Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).
Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.
Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).
Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).