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Wissenschaft
Seit einem Jahr gehört sie zu den Besten in Deutschland: Am 19. Oktober 2007 wurde die Universität Konstanz zur Exzellenzuniversität gekürt. Bereits ein Jahr zuvor konnte sie das Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" einrichten. "Im Gespräch" hat Professor Dr. Rudolf Schlögl, den Sprecher des Exzellenzclusters, nach seiner Zwischenbilanz gefragt.
Herr Professor Schlögl, welchen Wunsch hätten Sie gerne erfüllt?
Meine Wünsche, die die wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen an der Universität Konstanz betreffen, sind erfüllt. Ich bin ein Jahr für das Kulturwissenschaftliche Kolleg des Clusters freigestellt und kann mich meiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmen. Auch künftig werde ich eine Teilfreistellung genießen und kann daher von einer für mich idealen Verbindung zwischen Organisationstätigkeit, Wissenschaft und Lehre sprechen. Die interdisziplinäre Kooperation und die Kooperation mit interessanten Fachkollegen sind für mich sehr wichtig. Insgesamt gesehen bin ich über das Cluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" sehr froh: Im Vergleich zu Sonderforschungsbereichen ist es größer dimensioniert, beweglicher, weniger reglementiert, komplexer und deswegen, soweit man das jetzt sehen kann, wissenschaftlich auch produktiver.
Am 19. Oktober ist es ein Jahr her, dass die Universität Konstanz Exzellenzuniversität wurde. Werden bei Ihnen die Sektkorken knallen?
Nein, knallende Sektkorken brauchen wir nicht - auch wenn wir erfolgreich und sehr zufrieden sind mit dem, was die Universität, der Vorstand, die Koordinatoren, und das Plenum erreicht haben. Wir haben das Cluster ja auch bereits ein Jahr vorher eingerichtet. Von einigen kleineren "Baustellen" abgesehen, haben wir es in diesen zwei Jahren so weit installiert, dass es anfängt, als ein komplexer wissenschaftlicher Verbund von unterschiedlichen Elementen zu funktionieren. Allerdings hätten wir tatsächlich einen weiteren Grund zum Feiern. Am 22. Oktober wird der Neubau für das Exzellenzcluster eingeweiht, ein weiterer Neubau für die anderen Elemente der Excellenzuniversität ist geplant.
Sind Sie dann Ihre Raumsorgen los?
Mit dem Neubau werden nicht nur drängende Raumprobleme gelöst. Wenn die Wissenschaftler des Clusters jetzt in einem Gebäude zusammen arbeiten, wird dies zu einer weiteren Intensivierung der Kooperation und des Austausches führen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, das Cluster in der verbleibenden Förderzeit zu einer stabilen und produktiven wissenschaftlichen Einheit zu integrieren. In den maßgeblichen Gremien wird gerade diskutiert, wie die Exzellenzinitiative weitergeführt wird. Ich denke, bis Ende des Jahres ist entschieden, wie die Rahmenbedingungen aussehen werden. Natürlich hoffen wir, dass die Exzellenzinitiative fortgeführt wird und werden dafür arbeiten, dass es eine weitere Bewilligung gibt.
Würden Sie das Cluster gerne mit einem anderen Thema weiterführen?
Abhängig von den Vorgaben gehe ich davon aus, dass wir nicht ein komplett neues Thema aufgreifen - nicht alles wird nach fünf Jahren erforscht und abgearbeitet sein. Vielmehr werden wir eine Bilanz der wissenschaftlichen Fragestellung ziehen und gemeinsam über eine Neuinterpretation beziehungsweise Neuakzentuierung des generellen Themas beraten.
Ist es für Sie schwierig, die Experten aus den verschiedenen Bereichen beziehungsweise Fächern unter einen Hut zu bringen?
Nein, überhaupt nicht. In der interdisziplinären Kooperation haben wir im Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg eine lange Tradition und damit auch viel Erfahrung gesammelt. Das wirkt sich im Cluster positiv aus. Dort ist die Zusammenarbeit Teil des Konzepts der interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Forschung. Von großer Bedeutung ist, dass die Fragen über die Fächer wechselseitig verständlich gemacht werden. Das macht die Sache interessant. Anders kann ein Cluster auch gar nicht funktionieren. Dass fachspezifische Antworten formuliert werden, ist normal.
Wie genau organisieren Sie die wissenschaftliche Zusammenarbeit?
Ich habe Sonderforschungsbereiche einmal als "Irritationszusammenhänge" bezeichnet. Cluster verdienen diese Bezeichnung noch viel mehr. Wir alle können nicht an verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Deshalb mussten wir einen Mittelweg finden zwischen institutionalisierten Formen der Kooperation, dem wissenschaftlichen Austausch im größeren Kreis und der Tatsache, dass sich wissenschaftliche Arbeit auch manchmal im stillen Kämmerlein abspielt, sowie schließlich auch der Lehre, für die wir zuständig sind. Wir haben uns für eine Lösung möglichst weit weg von zentralistischen Elementen und Vorgaben entschieden. Wir organisieren das Cluster eher wie ein Netzwerk. Es gibt "Verknotungen", die der Einzelne ansteuern kann, um sich einzubringen. Aber jedem ist auch freigestellt, selbst solche Verknotungen zu organisieren und andere zur Kooperation einzuladen. Wir nutzen dabei auch die Vorzüge er elektronischen Vernetzung.
Wie sichern Sie den Austausch?
Jedes Semester veranstalten wir ein Kolloquium zusammen mit dem Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg mit Vorträgen auswärtiger Referenten. Diese Reihe wird öffentlich angekündigt. Zudem haben wir aus den Forschungsprojekten heraus Arbeitsgruppen zu Querschnittsthemen gebildet. In ihnen werden Texte gelesen, Konzepte diskutiert und Arbeitsgespräche mit auswärtigen Gästen organisiert. Wir werden diese Arbeitsgruppen dann bitten, ihre Ergebnisse dem Cluster in seiner Gesamtheit vorzustellen. Möglicherweise erwachsen daraus dann auch Veröffentlichungen. Außerdem gehen von den einzelnen Elementen des Clusters, zum Beispiel den Nachwuchsgruppen, eine Vielzahl von Initiativen aus, die dann wieder für einen Teil der Mitglieder von Interesse sind. Ein weiterer wichtiger Punkt: Wir bereiten einen Berichtsworkshop für den Wissenschaftlichen Beirat vor. Darüber hinaus beraten Vorstand und Plenum regelmäßig über unser gemeinsames Arbeitsprogramm und Themen, die für ein breiteres Publikum von Interesse sind. Mit solchen Themen gehen wir dann wenigstens einmal im Jahr an die Öffentlichkeit.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Im Vorstand entstand der Vorschlag, das Thema Bürgerkriege aufzugreifen. Für die Vorbereitung haben wir Werkverträge an zwei Nachwuchswissenschaftler vergeben. Im Cluster geht es uns ja um die kulturellen Grundlagen von Integration, aber auch darum, Prozesse der Desintegration besser zu verstehen. Daraus ist dann eine Veranstaltung entstanden, die wir auch für Bürgerinnen und Bürger der Stadt Konstanz geöffnet haben.
Welches sind Ihre Cluster-Lieblingsthemen?
"Religion und Gesellschaft" ist eines der zentralen Themen. Ich bin Frühneuzeitler, kümmere mich um die Geschichte zwischen dem 16. und dem beginnenden 19. Jahrhundert. Uns interessiert unter anderem, unter welcher Bedingung militärische, soziale oder herrschaftliche Konflikte entstanden sind und unter welchen Bedingungen sie dann als religiöse Konflikte ausgetragen wurden. Wir haben also die Frage umgedreht. Normalerweise fragt die Forschung einfach nach dem Gewaltpotential von Religionen, aber so einfach ist das nicht. Ein weiteres Thema in diesem Zusammenhang ist die medienwissenschaftliche Frage nach der Bedeutung des Körpers in der Frömmigkeit und für die Stabilisierung konfessioneller Unterschiede. Angesichts der Probleme unserer Gegenwart markiert Religion eines der wichtigen Forschungsfelder unserer Arbeit. Aber nicht minder wichtig sind dann andere Themen, wie zum Beispiel "Transkulturelle Hierarchien", das sich auf die Folgen von Globalisierungsprozessen wie beispielsweise Bürgerkriege und internationale Friedensmissionen richtet. Aber in diesem Bereich bin ich selbst eher interessierter Laie.
Eine Exzellenzuniversität zu sein, ist eine besondere Auszeichnung. Besteht die Gefahr, dass die Universität Konstanz, die mit den Attributen klein und fein wirbt, bald aus allen Nähten platzt?
Wir bleiben klein und werden immer feiner. Was die Statistiken anbelangt, ist unsere Universität mit etwas weniger als 10000 Studierenden weiterhin die kleinste, auch wenn sie mittlerweile durch den Erfolg bei der Exzellenzinitiative bei den Drittmitteln den Sprung in eine andere Liga geschafft und mit den großen deutschen Traditionsuniversitäten gleichgezogen hat. Unsere spezielle Kultur der Selbstverwaltung und die kurzen Wege zwischen Verwaltung und Wissenschaft und sind nicht verschwunden. Die entscheidenden Strukturmerkmale unserer Universität werden durch den Erfolg eher gestärkt.
Wo sehen Sie die Universität in fünf Jahren?
Ich denke, dass sich die Prozesse der Veränderung, die durch die Exzellenzinitiative auf den unterschiedlichsten Gebieten angestoßen wurden, positiv auswirken werden, und wir an der Universität sind alle willens, diese Chancen zu nutzen. Die wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen werden sich auf Dauer verbessern. Unsere Universität ist sichtbarer geworden, und international gesehen wird sich das weiter verstärken. Ich bekomme mittlerweile Anfragen von Studenten aus den USA und aus China, die sich überlegen, an die Universität Konstanz zum Studieren zu kommen. Und: Wir entwickeln interessante neue Studiengänge.
Im Cluster?
Ja, einer ist bei uns im Cluster entstanden: Im Studiengang "Kulturelle Grundlagen Europas" wird ein Schwerpunkt die Literaturwissenschaft sein, es sind aber auch Historiker und Sozialwissenschaftler beteiligt. Wesentlich ist, dass die Studierenden ein Semester an einer nicht europäischen Universität, beispielsweise in Kairo, studieren, um einen Blick von außen auf Europa zu werfen. So etwas ist mit den Finanzen des Clusters und einer Exzellenzuniversität im Rücken sehr viel leichter zu organisieren als sonst.
Wie reagieren die großen Universitäten auf die kleine in Konstanz?
Als Sprecher des Clusters hatte ich schon Anfragen von anderen Universitäten, und bei verschiedenen Veranstaltungen habe ich auch über die mutmaßlichen Gründe für unseren Erfolg gesprochen. Selbstverständlich richten sich solche Anfragen auch an andere Mitglieder der Universität und hauptsächlich an das Rektorat. Wir können sicher Hinweise geben und Ideen liefern, aber jede Universität muss mit ihren personellen und strukturellen Gegebenheiten umgehen. Wir haben völlig andere Strukturen als die großen Universitäten: Es gibt bei uns keine großen Departments oder Institute, unsere Professuren sind nicht besonders umfangreich ausgestattet. Unser Konzept lässt sich deshalb nicht 1:1 übertragen oder gar kopieren. Zudem weiß man ja auch, dass man irgendwann in Konkurrenz zueinander steht...
Das heißt, die Antragspapiere sind geheim?
(Lacht) Nicht geheim, aber schon vertraulich.
Zur Person:
Prof. Dr. Rudolf Schlögl hat seit 1996 den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Konstanz inne. Seit 2006 ist er Sprecher des Exzellenzclusters "Kulturelle Grundlagen von Integration", das in der ersten Runde der Exzellenzinitiative als einziges geisteswissenschaftliches Verbundprojekt erfolgreich war. Seit 2000 fungiert er auch als Sprecher des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs/SFB 485 "Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration". Rudolf Schlögls Forschungen konzentrieren sich auf eine kommunikations- und medientheoretisch fundierte Geschichte des Sozialen in der Frühen Neuzeit. Seine aktuellen Forschungsprojekte zum Zeitraum zwischen dem ausgehenden 15. und dem beginnenden 19. Jahrhundert befassen sich mit der politischen Kultur der frühneuzeitlichen Stadt, mit den medialen Bedingungen gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung im 17. Jahrhundert und der Religion der frühneuzeitlichen Gesellschaft.
Prof. Dr. Rudolf Schlögl
Quelle: Bild: Universität Konstanz / Pressestelle
Merkmale dieser Pressemitteilung:
fachunabhängig
überregional
Wissenschaftspolitik
Deutsch

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