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Wissenschaft
Prof. Heidrun Richter verabschiedet sich mit Vortrag zur Ringvorlesung
Mit ihrem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung am Dienstag (13. Januar 2009) um 18 Uhr im Rathausfestsaal will sich die Kunstprofessorin Heidrun Richter zugleich von Freunden und langjährigen Mitstreitern an der Universität Erfurt verabschieden. Am Beispiel des Bauhauskünstlers Lyonel Feininger will sie versuchen, die Frage "Was ist Glück in künstlerischen Schaffensprozessen?" zu beantworten.
"...ich bin so unsagbar glücklich", schreibt Lyonel Feininger im Mai 1919 jubelnd an seine Frau Julia nach Berlin. Er hat erreicht, was er sich kaum zu träumen gewagt hatte: In der Stadt seines "Lebenswunders", seinem und ihrem "Weimarlein" soll er künftig arbeiten und mit gleichgesinnten Künstlern wie Klee, Kandinsky oder Schlemmer schaffen und kommunizieren können, als Meister der Form die druckgraphische Werkstatt am Staatlichen Bauhaus leiten, ein eigenes Atelier haben und mit einem monatlichen Saleir finanziell unabhängig sein. So viel Glück hatte sich der bereits 48 jährige deutschamerikanische Künstler nicht mehr erhofft. Vor allem aber konnte er mit seiner Berufung an das gerade gegründete Staatliche Bauhaus seinen kleinen thüringischen Dörfern im Weimarer Land mit ihrer bäuerlichen Architektur und den alten Kirchen immer nahe sein. Mit dieser Region war Feininger seit 1906 durch seine Liebe zu Julia Berg, seiner späteren Frau, emotional tief verbunden und hier ist er seinen schwierigen Weg vom erfolgreichen Karikaturisten zum noch unbekannten Maler gegangen.
Es war zufälliges Glück, dass Feininger als Kind mit außergewöhnlichen Genen geboren wurde, seine Doppelbegabung frühe Förderung erhalten hat und die notwendigen Bedingungen dafür vorhanden waren. Aber das entscheidende Merkmal in dieser Konstellation waren seine intrinsische Motivation und Entschlossenheit, seine innere Haltung und sein persönlich starker Wille, schon als Jugendlicher selbst über das eigene Schicksal mitzubestimmen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und alle Kräfte in der Tätigkeit so zu konzentrieren, dass die Gestaltung des eigenen Lebens günstig verlaufen ist. Durch diese ausgebildeten Charakterzüge und Wesenseigenschaften war Feininger immer offen für glückliche Zufälle, die er zu nutzen wusste.
Der künstlerische Weg Feiningers war nicht geradlinig, sondern von Brüchen, Krisen und wechselnden Seelenzuständen gekennzeichnet, aber gerade daraus schöpfte er immer wieder Kraft und aus der Enttäuschung, Unzufriedenheit und Verunsicherung ist ihm immer wieder ein Hochgefühl an Freude (flow) und Glück erwachsen. Jede seiner künstlerischen Wegstrecken hin zur "letzten Form" begründet Sinn für ihn - ein Sinn ideeller, nicht materieller Art.
Aus dem Prozess beharrlichen Ringens um die individuelle Form, die er aus dem Kubismus für sich entdeckt und die er "Prisma-ismus" genannt hat, sind Feininger vielfältige Situationen von Glück und Zufriedenheit erwachsen. An der Mystik seines Motivs, der Kirche von Gelmeroda, wird die innere Vision Feiningers anschaulich, mit der kristallinen Übersetzung der Architektur die "unbeeinflusste letzte Form" für seine Kunst zu finden. Mit seinem Werk wollte er "den Menschen eine neue Weltperspektive" schenken.
Am 13. Januar 1956 ist Lyonel Feininger in seiner Geburtsstadt New York gestorben - als ein glücklicher Mensch, der aber darüber nicht nachgedacht hat. Sein Leben war sinnerfüllt, leidenschaftlich und von Visionen geleitet, es war in Liebe und sozialen Bindungen gut aufgehoben und durch schöpferische Kreativität geprägt - in einem so intensiv gelebten und sinnvollem Leben war das Glück lediglich ein "Abfallsprodukt".
Seit 1989 gibt es ein bundesweit einmaliges künstlerisches Schülerpleinair "Auf Feiningers Spuren", das in dem kleinen thüringischen Dorf Mellingen seinen Anfang genommen hat und nun bereits sein 20. Jubiläum in diesem Jahr begeht. Mit seinen Bildern hat Feininger auch dieses Dorf weltberühmt gemacht. Jedes Jahr kommen 375 Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 20 Jahre in diesen Ort, um in eigener bildnerischer Tätigkeit, beim Malen und Zeichnen in der Natur und vor den Objekten sich wie einst der Künstler die Besonderheit der Landschaft und den Reiz der Architektur zu erschließen. Sie erwerben Wissen über Feininger und das Weimarer Bauhaus und haben Freude und Genuss an kreativer Tätigkeit und sind zufrieden und glücklich über die erreichten Ergebnisse. Die künstlerischen Konzepte wurden von der Referentin seit 1993 entwickelt und mit Studierenden der Kunst der Pädagogischen Hochschule und später der Universität Erfurt über all die Jahre erfolgreich realisiert.
Geboren 1942, absolvierte Heidrun Richter ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt für Kunsterziehung und Deutsch. Nach sieben Jahren Unterrichtstätigkeit an Polytechnischen Oberschulen kehrte sie 1971 an die PH zurück, wo sie bis 1989 an der Seite von Professor Dr. Hammer als wissenschaftliche Assistentin, später Oberassistentin tätig war. Sie promovierte 1980 mit "magna cum laude" und schloss 1988 die Habilitation mit einer Untersuchung zur Methodik und Geschichte des Kunstunterrichts ab. Seit 1993 war sie als Universitätsprofessorin und Lehrstuhlinhaberin für Kunstdidaktik, zuerst in der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen und dann in der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Erfurter Universität. Richter war und ist in zahlreichen Gremien und Funktionen tätig. Unter anderem war sie lange Jahre Institutsdirektorin des Fachgebietes Kunst, später Sprecherin, Gleichstellungsbeauftragte und Vertreterin aller Gleichstellungsbeauftragten der Thüringer Hochschulen (Lakof) bis 2000, Mitglied des Kuratoriums der FH Erfurt seit 1998 und Mitglied des Kuratoriums der Sparkassenstiftung Erfurt. Mit Lehrauftrag wirkt sie auch nach ihrer offiziellen Pensionierung noch an der Studierendenausbildung im Bereich Kunst mit.
Die gemeinsame Ringvorlesung von Universität und Fachhochschule Erfurt im Wintersemester 2008/2009 steht unter dem Titel "Über das Glück". Die mit Unterstützung der Stadtverwaltung Erfurt und der Universitätsgesellschaft Erfurt e.V. veranstaltete und von der Thüringer Allgemeine präsentierte populäre Reihe bietet jeweils dienstags (Beginn 18.00 Uhr) in insgesamt 15 Veranstaltungen Vorträge von Professoren und weiteren Experten aus unterschiedlichen Bereichen.
Nächster Termin der Reihe:
20. Januar 2009, 18 Uhr: Rathausfestsaal, Fischmarkt 1; "Glück - nein danke?! Jugendliche und ihre Vorstellungen über das Glück"
Prof. Dr. Andrea Schulte, Universität Erfurt
http://
http://www.uni-erfurt.de/presse/veranstaltungen/ringvorlesung/
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Gesellschaft, Kunst / Design
regional
Buntes aus der Wissenschaft, Studium und Lehre
Deutsch

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