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+++FORSCHUNGSTICKER UNI BONN: Forschende des Exzellenzclusters PhenoRob plädieren für ein ambitioniertes, neues Innovationssystem für die Landwirtschaft+++ Die Landwirtschaft produziert so viel Nahrung wie nie zuvor, belastet aber gleichzeitig Klima, Böden und Biodiversität. Ein Forschungsteam des Exzellenzclusters PhenoRob der Universität Bonn stellt in einem nun erschienenen Paper im Journal Agricultural Systems dar, welche entscheidende Rolle technologische Innovationen für eine nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft spielen, und warum diese durch kluge Politiken und neue Geschäftsmodelle begleitet werden müssen.
WORUM GEHT ES?
Noch nie hat die Menschheit mehr Nahrungsmittel produziert als heute. Der landwirtschaftliche Sektor muss allerdings dringend nachhaltiger werden. Denn die Lösungen, die die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrhunderten immer produktiver gemacht haben, bringen gleichzeitig ökologische Probleme mit sich: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Bodendegradierung, Wasserverschmutzung. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass für jedes Problem einzelne Lösungen entwickelt werden, statt den Innovationsprozess zu planen. Das führt dazu, dass sich nie bestimmte neue Systeme im landwirtschaftlichen Sektor aus den einzelnen Innovationen entwickeln – außer durch gezielte Steuerung durch die Politik.
SIE ENTWERFEN EINE VISION EINES NACHHALTIGEREN AGRARSYSTEMS. WIE SIEHT DIESES AUS?
Statt vieler Einzelinnovationen braucht es ein Innovationssystem, das sich an einer gemeinsamen gesellschaftlichen Vision orientiert. Zuerst wird festgelegt, wie eine nachhaltige Landwirtschaft aussehen soll, daraus ergeben sich passende Technologien, Geschäftsmodelle und politische Regeln. Wichtig ist, alle Beteiligten einzubeziehen und Chancen sowie Risiken früh zu bedenken, um Potentiale zu fördern und negative Nebenwirkungen zu vermeiden. In unserem Fachartikel zeigen wir auf, wie solch ein grundlegender Wandel der europäischen Landwirtschaft gelingen kann – diese Ideen bilden auch die Grundlage für die zweite Förderphase von PhenoRob ab 2026.
WAS SIND DIE GRÖSSTEN HERAUSFORDERUNGEN IM BEREICH DER AGRAR-TECHNOLOGIE?
Die mit Abstand größte Herausforderung ist, nachhaltige Agrar-Technologien so attraktiv zu machen, dass Landwirte in sie investieren. Rein technisch ist vieles möglich, aber wenn neue Technologien weniger profitabel als existierenden Techniken und gleichzeitig riskant sind, werden sie nicht in der Breite genutzt. Die Politik muss also die richtigen Rahmenbedingungen schaffen: Stärkung von Umweltregulierungen, die umweltschädliche Technologien weniger profitabel machen, verbesserte Agrarumweltzahlungen, die einen finanziellen Anreiz für grünes Unternehmertum schaffen, sowie breite Koalitionen, insbesondere Industriekooperationen, um neue Märkte aufzubauen und Synergien zu nutzen.
WELCHE VERÄNDERUNGEN BEDARF ES BEZOGEN AUF POLITISCHE RICHTLINIEN?
Die Politik sollte sowohl ambitionierter wie auch simpler werden. Unter Landwirten gibt es große Unzufriedenheit, weil es zu viel Mikromanagement gibt, zu viel Bürokratie. Die Gesellschaft wünscht sich mehr Nachhaltigkeit, aber auch bezahlbare Nahrungsmittel. Die europäischen Staaten müssen gerade in viele Bereiche groß investieren, zum Beispiel Verteidigung und Energiewende. Es bedarf daher Politiken, die extrem effektiv und gleichzeitig kosteneffizient sind. Der Zeitpunkt dafür ist günstig: Die Datengrundlage basierend auf Satellitenmessungen, Drohnen, und Sensoren in Landmaschinen ist sehr gut geworden und wird durch Fortschritte sowohl im Bereich des maschinellen Lernens, wie auch kausaler Inferenz, begleitet. Nie war es einfacher, schneller und großflächiger zu lernen, was funktioniert und was nicht, und zu verstehen warum.
IN DEM PAPER HABEN SIE FÜNF RISIKEN DES SMART FARMING IDENTIFIZIERT. KÖNNEN SIE DIESE BITTE KURZ ERLÄUTERN?
Ein erstes Risiko ist der weit verbreitete Glaube, dass digitale und automatisierte Landwirtschaft automatisch umweltfreundlicher ist. Smart Farming bietet viele Chancen, die Innovationen können aber – je nach Einsatz – der Umwelt auch schaden. Ein zweites Risiko ist, dass sich Macht und Gewinne bei wenigen großen Unternehmen konzentrieren. Neue Technologien könnten dazu führen, dass kleine Betriebe es schwerer haben und der Strukturwandel in der Landwirtschaft schneller voranschreitet. Drittens besteht die Gefahr schlechter oder fehlgeleiteter Politik. Wenn politische Entscheidungen sich vor allem an dem orientieren, was leicht messbar ist, statt an dem, was wirklich wichtig ist, können Maßnahmen ihre Wirkung verfehlen. Ein viertes Risiko ist, dass neue Technologien nicht wie geplant funktionieren. Innovation braucht Erfahrung und Lernen, dabei passieren Fehler. Außerdem können technische Systeme – etwa KI-gesteuerte Roboter – auch falsche Entscheidungen treffen. Das fünfte und besonders wichtige Risiko ist, dass technische Lösungen andere notwendige Veränderungen verdrängen. Neue Technologien allein reichen nicht aus, um die großen Umweltprobleme der Landwirtschaft zu lösen. Es besteht die Gefahr, dass zum Beispiel weniger über bewussten Konsum oder andere Verhaltensänderungen nachgedacht wird, wenn zu große Hoffnungen auf Technik gesetzt werden.
WIE TRÄGT DER EXZELLENZCLSUTER PHENOROB DAZU BEI, DIE VISION WIRKLICHKEIT WERDEN ZU LASSEN?
Das Exzellenzcluster PhenoRob steht für eine Transformation, wie wir sie im Paper beschreiben. Wir entwickeln im Cluster Technologien und Politikempfehlungen – unter Einbeziehung aller Stakeholder. Wir evaluieren fortlaufend Potentiale und Risiken, was wiederum zu Anpassungen der Technologien und Politikempfehlungen führt. In der jetzt gestarteten zweiten Projektphase legen wir den Fokus verstärkt auf die Integrierung aller Komponenten und der Entwicklung holistischer Systemlösungen. PhenoRobs große Stärke ist es, dass es die verschiedenen Disziplinen so integriert, dass die Komponenten wirklich ineinandergreifen. Es werden technologische Fortschritte gemacht in den Bereichen Sensing, Robotik, Pflanzenzüchtung, Maschinellem Lernen und anderen Algorithmen, sowie Umweltmonitoring, es gibt Experiment zu neuen Anbausystemen, und es gibt einen großen Forschungsbereich, welche Rahmenbedingungen es braucht (Geschäftsmodelle, Politiken, etc.), damit all diese Erkenntnisse auch in der Praxis relevant werden und dabei einen möglichst positiven Effekt auf Umwelt und Gesellschaft haben.
Prof. David Wüpper
Land Economics Group
Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik
Universität Bonn
Tel.: +49 228 73 – 3500
E-Mail: wuepper@uni-bonn.de
David Wuepper, Niklas Möhring, Anna F. Cord, Ana Meijide, Hugo Storm, Matin Qaim, Thomas Heckelei, Jan Börner, Hadi Hadi, Heiner Kuhlmann, Cyrill Stachniss, Frank Ewert: From technological fixes to systemic change: Vision-led innovation for Europe's crop farming systems. Agricultural Systems, Volume 233, 2026, https://doi.org/10.1016/j.agsy.2025.104593
Wie ein visionsgeleiteter Wandel von Agrartechnik, Politik und Praxis gelingen kann, diskutiert der ...
Quelle: Volker Lannert
Copyright: Volker Lannert / Universität Bonn
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Tier / Land / Forst
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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