idw - Informationsdienst
Wissenschaft
Intensive Schneefälle haben in den vergangenen zwei Wochen Teile Norddeutschlands beeinträchtigt. Gesperrte Straßen, stockender Verkehr und kurzfristige Schulschließungen sorgten für mediale Aufmerksamkeit. Der Organisations- und Sozialforscher Prof. Dr. Marcel Schütz von der Northern Business School (NBS) ordnet den Wintereinbruch aus gesellschaftlicher Perspektive ein: Schnee und Eis, die nur noch vereinzelt massiv in Erscheinung treten, wirkten heute zuweilen wie ein Testfall für die hochorganisierte, auf Verfügbarkeit und Tempo ausgerichtete Gesellschaft.
„Schnee ist im Norden nicht verschwunden“, sagt Schütz. „Aber er bleibt heute selten länger liegen. Unsere Winter sind insgesamt viel milder geworden, zugleich treten weiterhin einzelne, kurze, aber hin und wieder intensive Frost- und Schneeereignisse auf.“ Der Winter sei nicht weg, sondern unverlässlicher – vor allem durch den Klimawandel.
Gerade in dicht organisierten Städten wie Hamburg, wo es zuletzt einmal besonders viel schneite, wirkten Eis und Schnee als Störung der Routinen, Infrastrukturen und Erwartungen, so Schütz. Verkehr und Versorgung seien auf reibungslose Abläufe getaktet. Richtiges Winterwetter mache sichtbar, wie abhängig das gesellschaftliche Leben von stabilen Normalbedingungen sei. Der schwere Stromausfall in Berlin zu Jahresanfang bei starkem Frost könne das erst recht vor Augen führen.
Technisch seien Städte und Verwaltungen grundsätzlich auf Wintereinbrüche vorbereitet, erklärt der Organisationsforscher. Herausfordernder sei jedoch der gesellschaftliche Umgang mit solchen Situationen. Viele Unfälle seien weniger dem Wetter selbst als unangepasstem Verhalten geschuldet. Überhaupt entstehe aus einem Winterevent schnell ein Spektakel und es komme zu Dramatisierung. Von „Schneewalzen“ und „Jahrhundertwintern“ könne keine Rede sein.
Schütz verweist aber auch auf die kulturelle und soziale Dimension des Schnees. Als selten gewordenes Wetterereignis übe er eine besondere Faszination aus, verändere Wahrnehmung, Geräuschkulissen und Bewegungen im Stadtraum. Bei wirklich eisigen Wetterlagen werde Schnee in Städten zum festen Untergrund, der Mobilität und Alltag spürbar beeinflusse.
Historisch betrachtet sei diese Ambivalenz nicht neu. Schnee und Kälte bedeuteten über Jahrhunderte existenzielle Bedrohung, zugleich entwickelten sich früh ästhetische und kulturelle Deutungen des Winters. „Je existenzieller die Belastung, desto größer war offenbar das Bedürfnis nach Sinn und auch Schönheit“, so Schütz, der sich bereits mit der sogenannten „Schneekatastrophe“ von 1978/1979 befasst hat.
Der Forscher plädiert insgesamt für mehr Geduld in derartigen Lagen. Die moderne Gesellschaft habe eine geringe Toleranz für Verzögerungen. Wintereinbrüche erinnerten daran, dass nicht alles planbar und jederzeit verfügbar sei. „Wir sind von Winterwetter alter Schule etwas entwöhnt – und nehmen solche Unterbrechungen deshalb besonders stark wahr.“
Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Marcel Schütz zu den gesellschaftlichen Dimensionen des Wintereinbruchs ist auf der Website der Northern Business School veröffentlicht. Schütz beschäftigt sich mit Störungs- und Abweichungsphänomenen aus organisatorischer Sicht. Kürzlich referierte er zur soziologischen Betrachtung von Extremwetter an der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege.
Prof. Dr. Marcel Schütz
Professur Organisation und Management
Northern Business School, Hamburg
schuetz@nbs.de
Das ganze Interview verfügbar unter: https://www.nbs.de/die-nbs/aktuelles/news/details/news/schnee-als-stresstest
Befasst sich auch mit organisatorischen und sozialen Aspekten besonderer Wetterereignisse: NBS-Profe ...
Copyright: Privat/NBS
Schneeverwehungen durch den Sturm am Freitag schaffen reizvolle Formationen, beeinträchtigten aber a ...
Copyright: Privat
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
Gesellschaft, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie, Verkehr / Transport
überregional
Buntes aus der Wissenschaft
Deutsch

Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.
Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).
Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.
Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).
Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).