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Wissenschaft
Umweltphänomene und ihre Folgen können gesellschaftliche Strukturen aufmischen und politische Systeme destabilisieren. Das zeigt ein interdisziplinäres Forschungsteam am Beispiel der späten Tang-Dynastie im mittelalterlichen China.
Migration und Mobilität aufgrund von klimatischen Veränderungen ist nicht neu. Das legt eine interdisziplinäre Studie nahe, an der auch Forschende der Universität Basel beteiligt waren. Sie untersuchten, wie sich insbesondere hydrologische Extreme wie Dürren und Überschwemmungen zwischen 800 und 907 n. Chr. auf Gesellschaft und Politik in China auswirkten. Über ihre Erkenntnisse berichten sie in «Nature Communications Earth and Environment».
Der Zeitraum ist deshalb interessant, weil er den Niedergang der Tang-Dynastie bedeutete. Diese dauerte seit 618 n. Chr. und gilt als ein kultureller Höhepunkt in Chinas Geschichte mit einem ausgeklügelten Verwaltungssystem und einer blühenden Kultur. Im Fokus der Untersuchung steht die Region des Huang He («Gelber Fluss») im Norden Chinas. Anhand von sogenannten Klimaproxydaten stellten sie Tendenzen fest, wie sich das dortige Klima im 9. Jahrhundert n. Chr. veränderte.
Baumringe als Zeitzeugen
Hinweise zum Klima liefern zum Beispiel Baumringe: Ihre Beschaffenheit zeigt an, ob ein Jahr eher trocken oder regenreich war: In niederschlagreichen Jahren wachsen Bäume schneller und die Baumringe liegen weiter auseinander als in trockenen Jahren. Je älter ein Baum, desto weiter reicht dieses Datenarchiv zurück.
Die Forschenden nutzten bestehende Langzeitreihen von Baumringdaten aus dem Einzugsgebiet des «Gelben Flusses». Das daraus rekonstruierte Abflussverhalten diente als Indikator für hydroklimatische Modelle, insbesondere für dessen obere Flussläufe. «Die Abflussmengen kommen irgendwann weiter flussabwärts an und beeinflussen die verfügbaren Wassermengen, etwa um die Felder zu bewässern», sagt Studienerstautor Michael Kempf, der inzwischen von der Universität Basel an die Universität Cambridge gewechselt hat.
Fatale Änderungen in der Landwirtschaft
Aus ihren Analysen schliessen die Forschenden, dass klimatische Veränderungen und eine Zunahme von Klimaextremen entscheidend dazu beigetragen haben, dass es 907 zum Kollaps der Tang-Dynastie kam. Denn vermehrte Dürren und Überschwemmungen machten den Soldaten, die die Aussengrenze des Reiches schützen sollten, und ihren Familien zu schaffen.
«Hydroklimatischen Extreme beeinflussen sehr direkt, wie die Ernte ausfällt und welche Lagerbedingungen für Getreide herrschen», so Kempf. Saatgutknappheit und gesteigerter Nahrungsmittelbedarf führten Versorgungsysteme rasch an ihre Grenzen. Ein schlechtes Jahr hatte damit auch Konsequenzen für die Zukunft.
Verschärft wurde die Situation weiterhin durch die Wahl der Getreidekulturen: Die Menschen setzten vermehrt auf den Anbau von Weizen und Reis anstelle von Hirse. Die Gründe für den landwirtschaftlichen Wandel kann Michael Kempf nur vermuten. Möglicherweise galt Hirse eher als Armeleute-Essen als Weizen und Reis. Diese sind jedoch klimatisch weniger robust als die trockenresistente Hirse und der Anbau benötigt mehr Wasser. «Solange es genügend Wasser gibt, ist das kein Problem, bei längeren Trockenperioden kommt es hingegen zu Engpässen.» Hirseanbau hätte diese negativen Effekte vielleicht abfedern können. So aber erhöhte sich das Risiko für Ernteausfälle und Hungersnöte.
Diese Verluste liessen sich nicht ohne Weiteres mit Lieferungen aus anderen Teilen des Landes kompensieren. Auch weil Dürren und Hochwasser die Versorgungsrouten in Mitleidenschaft zogen und Versorgungskorridore zusammenbrachen.
Flucht vor Hunger
Die Unterernährung der Bevölkerung könnte schliesslich dazu geführt haben, dass der Grenzschutz im Norden des Kaiserreichs bröckelte. «Natürlich waren die Menschen geschwächt und dadurch vulnerabler. Aufgrund des militärischen Druckes auf die äusseren Grenzgebiete wanderten sie gegen Süden, wo sie bessere Bedingungen vorzufinden glaubten», so Kempf. «Das führte zu einer politischen Destabilisierung und dürfte den Untergang der Tang-Dynastie mitverursacht haben.»
Michael Kempf betont jedoch: «Unsere Ergebnisse sind Annäherungen. Die tatsächlichen Bedingungen zu jener Zeit lassen sich nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Es ist ein komplexes Zusammenspiel von vielen unterschiedlichen Faktoren.»
Soziokulturelle und klimatische Veränderungen können demnach zu Kipppunkten im System führen, weil das Gleichgewicht gestört wird, so das Fazit der Studie. Eine Entwicklung, die auch angesichts des heutigen Klimawandels häufiger auftreten könnte.
Michael Kempf et al.
Hydroclimatic instability accelerated the socio-political decline of the Tang Dynasty in northern China
Nature communications earth and environment (2025)
doi: 10.1038/s43247-025-03038-x
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Geschichte / Archäologie, Meer / Klima, Politik, Umwelt / Ökologie
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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