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16.01.2026 09:54

Kluge Kaufleute bauen vor: Warum die Wirtschaft Umweltbelange nicht ignorieren darf

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

    Der Global Risks Report 2026 zeigt, dass Umweltrisiken wie "Extremwetter", "Artensterben" und „kritische Veränderungen der Erdsysteme“ langfristig als größte Gefahr gelten. Im 2-Jahres-Ranking wurden sie jedoch wenig überraschend von geopolitischen Risiken, aber auch von wirtschaftlichen Risiken wie „Inflation“ oder „Rezession“ verdrängt. Diese Prioritätensetzung ist zu kurzfristig gedacht, scheibt Prof. Katrin Böhning-Gaese in ihrem Statement. Die Umwelt nicht zu beachten, erhöhe vielleicht jetzt die Gewinne, langfristig steige jedoch das unternehmerische Risiko.

    Deutschlands Wirtschaft schwächelt. Gründe gibt es dafür viele: Ein tiefgreifender Strukturwandel in der Automobilbranche, geopolitische Verschiebungen und neue Zölle – das sind einige der Faktoren, mit denen deutsche Firmen zu kämpfen haben. Entsprechend steht die Wirtschaft derzeit besonders im Fokus. Daran ist nichts auszusetzen. Allerdings dürfen darüber die Themen Umwelt, Natur und Nachhaltigkeit nicht aus dem Blick geraten. Genau diese Gefahr besteht aber, denn es ist verführerisch, in einen „First-things-first“-Modus zu verfallen, das eine als Pflicht, das andere als Kür zu betrachten. Nach dem Motto: Läuft die Wirtschaft erst wieder, dann kümmern wir uns um die Umwelt. Genau diese Haltung scheint sich in wachsenden Teil von Wirtschaft, Politik und, wie aus Umfragen hervorgeht, auch der Gesellschaft festzusetzen. Ist das wirklich klug?

    Die Wirtschaft ist kein eigener, abgeschlossener Bereich, arbeitet nicht auf einem eigenen Planeten. Vielmehr ist gerade sie auf eine gesunde Umwelt angewiesen, auf funktionierende Ökosysteme, sauberes Wasser, reichhaltige Böden, tolerierbares Klima. Das ist leicht zu übersehen, denn die derzeitigen Umweltveränderungen geschehen überwiegend schleichend. Besonders die biologische Vielfalt verschwindet eher im Stillen, fast unmerklich für uns Menschen – ob bei Pflanzen oder Vögeln, Säugetieren oder Insekten. Die Folgen des Klimawandels nehmen wir zwar mittlerweile stärker wahr – die Waldbrände in Sachsen und Brandenburg, die Überflutungen in Texas, die höheren Temperaturen in Skandinavien. Aber schon ein paar verregnete Sommerwochen drängen das Problem wieder in den Hintergrund. Die 11 Jahre von 2015 bis 2025 waren nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie die 11 wärmsten in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen. Damit lässt sich das Klima-Ziel von Paris, nicht mehr als 1,5 Grad Erwärmung im weltweiten Durchschnitt zuzulassen, aller Voraussicht nach nicht mehr erreichen. Das bedeutet: Ob wir uns damit beschäftigen mögen oder nicht – der Verlust an Biodiversität und der Klimawandel schreiten ungebrochen voran.

    Wirtschaft hängt an der Natur

    Für die Wirtschaft ist eine gesunde Umwelt von großer Bedeutung. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums (WEF) hängt mehr als die Hälfte des globalen Bruttosozialprodukts, rund 44 Billionen US-Dollar, in irgendeiner Form von der Natur ab. Auch einer Studie der Europäischen Zentralbank zufolge sind gut zwei Drittel der europäischen Firmen außerhalb des Finanzsektors in hohem Maß auf Leistungen der Ökosysteme angewiesen. Bei zunehmendem Niedergang der Natur hätten sie mit „kritischen wirtschaftlichen Problemen“ zu kämpfen.

    Umgekehrt gilt: Innovative Umwelttechnologien sind Zukunftstechnologien. Wer jetzt gute Ideen hat, investiert und Ehrgeiz entwickelt, kann Marktanteile erobern oder sogar Markführer werden. Umweltschutz ist ein Wachstumsmarkt. Einer Studie des WEF und der Boston Consulting Group (BCG) zufolge hat sich die Umwelttechnologie in den vergangenen Jahren weltweit zu einer rasch wachsenden Boombranche entwickelt. Im Jahr 2024 überschritt der globale Umsatz die Schwelle von fünf Billionen Dollar. Im vergangenen Jahrzehnt sei die Umwelttechnologie die am zweitschnellsten wachsende Branche nach der Informationstechnologie gewesen, heißt es bei WEF und BCG.

    Aber auch in Deutschland stieg der Umsatz mit Gütern und Leistungen für den Umweltschutz 2023 gegenüber dem Vorjahr laut Statistischem Bundesamt um 11,4 Prozent. Besonders wachstumsstark waren erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft, sowie Maßnahmen für eine höhere Energieeffizienz, etwa bei der Wärmedämmung von Gebäuden. Aktivitäten bei Luftreinhaltung und Abwasserwirtschaft, Elektromobilität oder Umweltsoftware gewannen ebenfalls Marktanteile. Das gilt nicht nur für die Umsätze, sondern Nachhaltigkeit schafft auch Jobs: Die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich wuchs dem Statistischen Bundesamt zufolge 2023 um 7,7 Prozent. Im Jahr 2020 waren im Bergbau in Deutschland insgesamt gut 41.000 Personen tätig, darunter knapp 19.500 Beschäftigte in der Braunkohlewirtschaft. Dagegen gab es 2023 knapp 276.000 Beschäftigte im Bereich der erneuerbaren Energien. Insgesamt eine klare Entwicklung, die Deutschland – und Europa – nicht aus den Augen verlieren darf, will es im internationalen Vergleich nicht weiter zurückfallen.

    Zu kurzfristig gedacht

    Was ist mit all den anderen Branchen, dem Maschinenbau etwa, der Chemieindustrie oder der Landwirtschaft? Sie preisen Umweltfaktoren in der Regel nicht ein. Kosten für ausgelaugte Böden, verschmutzte Luft oder belastetes Grundwasser machen Produkte nicht teurer, jedenfalls im Moment nicht. Derzeit fallen eher geringere Kosten an, wenn man die Folgen für die Umwelt außer Acht lässt und zum Beispiel in Ländern mit geringen Umweltstandards herstellt. Wer auf ökologischen Landbau setzt, trifft in der Regel härtere Rahmenbedingungen an, muss mit mehr Aufwand und höheren Personalkosten rechnen. Wer „grüne“ Chemikalien auf Basis von Lebensmittelabfällen statt fossilen Energieträgern produziert, muss neue Verfahren entwickeln und hat oft höhere Rohstoffkosten. Das sei einfach nicht zu stemmen, ist häufig zu hören.

    Das mag plausibel klingen – ist aber trotzdem betriebswirtschaftlich zu kurzfristig gedacht. Die Umwelt nicht zu beachten, erhöht vielleicht jetzt die Gewinne, langfristig steigt das unternehmerische Risiko. Wir sehen bereits heute, dass Lieferketten instabil werden oder sogar reißen. Klimabedingte Ernteausfälle in Südeuropa oder Ländern des Globalen Südens verknappen bestimmte Rohstoffe und machen sie teurer, etwa bei Kaffee, Kakao, Olivenöl oder Orangen. Das zeigt allein die Preisveränderung bei Kaffee oder Schokolade innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn zuletzt kamen noch Ernteausfälle bei Nüssen dazu und trieben die Preise weiter nach oben.
    Umwelt bleibt ein Risiko

    Laut dem jüngstem WEF Risk Report 2026 gehören Extremwettereignisse, Verlust der Biodiversität, kritische Veränderungen des Erdsystems, der Mangel an natürlichen Ressourcen und Umweltverschmutzung weiterhin zu den zehn größten Risiken des kommenden Jahrzehnts. Trotz massiver geopolitischer Verschiebungen, wirtschaftlicher Einbrüche und steigender Konfliktgefahren, die kurzfristig als besonders bedrohlich wahrgenommen werden. Dieses Risiko wird auch so bleiben und perspektivisch weiter wachsen je länger wir Umweltaspekte ignorieren. Denn Umweltkrisen lösen sich, erstens, nicht von allein, nur weil man sie nicht beachtet. Im Gegenteil: Was wir jetzt sehen – die Dürren, Überschwemmungen, Brände, Hungersnöte und die umweltbedingte Migration – ist nur der Anfang. Zweitens: Die Ressourcen der Erde sind schlicht und einfach begrenzt. Land, Wasser und andere natürliche Ressourcen immer stärker zu nutzen, ist grundsätzlich nicht möglich.

    Kluge Kaufleute denken deshalb in die Zukunft. Das war schon immer so, ob bei den venezianischen Händlern, den Fuggern oder den Hanse-Kaufleuten. Sie blickten stets über den Tellerrand und ihr unmittelbares Geschäft hinaus. Was damals Handelsverträge mit fernen Ländern waren, sind heute zusätzlich Nachhaltigkeitsfaktoren. Konkret bedeutet das zum Beispiel, Investitionen in alternative Energiequellen, Energieeffizienz, nachhaltige landwirtschaftliche Produktion, Wasserreinigung oder Kreislaufwirtschaft. Sonst ist der Gewinn von heute der Verlust von morgen.

    Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und Professorin für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina.


    Weitere Informationen:

    https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/


    Bilder

    Katrin Böhning-Gaese
    Katrin Böhning-Gaese
    Quelle: Sebastian Wiedling
    Copyright: Sebastian Wiedling / UFZ


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Wissenschaftspolitik
    Deutsch


     

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