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19.01.2026 08:51

Teurer Alleingang ohne Klimaeffekt? Treibhausgasneutralität 2050 statt 2045

RWI Kommunikation
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

    RWI Diskussionspapier: Eine Angleichung an das EU-Ziel für die Treibhausgasneutralität würde die volkswirtschaftlichen Kosten in Deutschland erheblich senken – ohne den Klimaschutz zu beeinträchtigen.

    Soll Deutschland bereits im Jahr 2045 klimaneutral werden oder erst im Jahr 2050, wie es die EU vorsieht? Ein aktuelles Diskussionspapier von Manuel Frondel, dem Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“ am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, kommt zu dem folgenden Ergebnis: Die Verschiebung um fünf Jahre würde der deutschen Volkswirtschaft Kosteneinsparungen im Milliardenbereich ermöglichen, ohne dass spürbare Nachteile für den globalen Klimaschutz entstünden. 

    Milliardenpotenzial durch spätere Stilllegung und Umrüstung

    Ohne jede Frage muss der heutige Kapitalstock im Zeitverlauf drastisch umgestaltet werden, um perspektivisch klimaneutral wirtschaften zu können. Eine Harmonisierung der Transformationsgeschwindigkeit mit den anderen EU-Mitgliedstaaten könnte ein zentraler Hebel für die Einsparung volkswirtschaftlicher Ressourcen sein. Denn eine früher angestrebte Klimaneutralität bedeutet, dass große Teile des heutigen Kapitalstocks vorzeitig aufgegeben oder umgerüstet werden müssten.

    So umfasst allein das deutsche Erdgasleitungsnetz Vermögenswerte im Milliardenbereich, die bei einem Zieljahr 2045 deutlich früher entwertet würden. Hinzu kommen Millionen an Öl- und Gasheizungen, die erst fünf Jahre später verschrottet werden müssten. Derzeit wird fast jede zweite Wohnung in Deutschland mit Erdgas beheizt. Eine Verschiebung auf das Jahr 2050 würde erlauben, diese Anlagen länger zu nutzen und Investitionen zeitlich zu strecken.

    Auch in der Stromerzeugung würde der Kostendruck sinken. Der frühere großflächige Einsatz teurer Wasserstofftechnologien in Erdgaskraftwerken wäre weniger dringend, was die Transformationskosten zusätzlich reduziert. „Ein früheres Zieljahr zwingt zu beschleunigten Investitionen in teure Alternativen – ohne dass dadurch EU-weit Emissionen eingespart würden“, betont Frondel.

    Der EU-Emissionshandel macht nationale Alleingänge wirkungslos

    Ein gemeinsames Vorgehen der EU bei der Klimapolitik ist völlig richtig. Dass damit nationale Alleingänge klimapolitisch vollkommen wirkungslos bleiben müssen, darf man nicht ignorieren. Denn in einem umfassenden EU-Emissionshandel kann eine frühere deutsche Klimaneutralität keinen zusätzlichen Effekt auf die Gesamtemissionen in Europa ausüben, solange auch nur einer der anderen Vertragspartner ökonomisch rational handelt.

    Vielmehr werden sinkende Emissionen in Deutschland andernorts in Europa nahezu zwangsläufig höhere Emissionen zur Folge haben – im Saldo bleiben die europäischen und die globalen Emissionen unverändert. „Ein nationales Vorziehen der Klimaneutralität führt dann lediglich zu Emissionsverlagerungen, nicht zu zusätzlichen Einsparungen“, so Frondel.

    Vertragstreue sichert Glaubwürdigkeit, aber Übererfüllung bringt gar nichts

    Zudem verweist das Diskussionspapier auf die globale Dimension des Klimaproblems. Während Deutschland und die EU weltweit die einzigen Regionen waren, die ihre Emissionen seit 1990 massiv reduziert haben, hat China seinen Ausstoß im selben Zeitraum mehr als verdreifacht und verursacht heute rund 26 Prozent der weltweiten Emissionen. Asien insgesamt ist für mehr als die Hälfte der globalen Emissionen verantwortlich.

    Vor diesem Hintergrund stellt Frondel die Wirksamkeit unkonditionierter nationaler Klimaziele infrage. Aus spieltheoretischer Perspektive können solche Vorleistungen sogar kontraproduktiv sein, weil sie den Anreiz anderer Länder zur eigenen Emissionsminderung senken. „Deutschland trägt überproportional hohe Kosten für einen global vernachlässigbaren Effekt“, sagt Frondel. „Global wirksamen Klimaschutz gibt es nur, wenn viele Regionen der Welt miteinander kooperieren, vor allem Europa mit Asien.“

    Internationale Kooperation statt nationaler Zusatzbelastungen

    Frondel plädiert daher für einen stärker international ausgerichteten Klimaschutz, bei dem nationale Anstrengungen an entsprechende Gegenleistungen anderer Staaten geknüpft werden. Kostengünstige Maßnahmen im Ausland – etwa Aufforstungsprojekte oder der Ausbau erneuerbarer Energien in Entwicklungs- und Schwellenländern – könnten mit deutlich geringeren Kosten erheblich größere globale Effekte erzielen. Kooperationen mit emissionsstarken Regionen wie Asien versprechen ein deutlich höheres klimapolitisches Renditepotenzial als zusätzliche, kostspielige Einsparungen im Inland. „In anderen Politikfeldern wie der Handelspolitik ist das Prinzip der Reziprozität üblich“, so Frondel. „In der Klimapolitik fehlt es bislang.“

    Methodische Einordnung

    Die Untersuchung stützt sich auf etablierte spieltheoretische Ansätze zur internationalen Kooperation und ergänzt diese um empirische Daten zur historischen Emissionsentwicklung.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Manuel Frondel, manuel.frondel@rwi-essen.de, Tel.: (0201) 8149-204


    Originalpublikation:

    https://www.rwi-essen.de/fileadmin/user_upload/RWI/Publikationen/RWI_Materialien...


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Energie, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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