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20.01.2026 09:13

Trauer um Prof. Dr. Karl Riha

Sabine Nitz Stabsstelle für Presse, Kommunikation und Marketing
Universität Siegen

    Die Universität Siegen trauert um Prof. Dr. Karl Riha, der am 10. Januar 2026 im Alter von 90 Jahren in Siegen verstorben ist. Mit ihm verliert die Germanistik einen Literaturwissenschaftler von außergewöhnlicher intellektueller Beweglichkeit, einen profilierten Grenzgänger zwischen Wissenschaft, Literaturkritik und literarischer Praxis sowie eine Persönlichkeit, die den Aufbau und die Profilierung der Literaturwissenschaften an der Universität Siegen stark geprägt hat.

    Karl Riha entsprach in keiner Weise gängigen Vorstellungen vom Universitätsgelehrten. Vielen jüngeren Hochschulangehörigen war er zuletzt nicht mehr persönlich bekannt, umso lebendiger ist die Erinnerung derjenigen, die ihn seit den 1970er-Jahren als schillernden, ungemein produktiven Philologen, Pädagogen und Kollegen erlebt haben: Ehemalige Studentinnen und Studenten erinnern sich an seine unkonventionellen didaktischen Methoden, Kolleginnen und Kollegen an die Vielzahl kreativer, oft provokativer, stets anregender Projekte, Initiativen und Begegnungen mit einem Wissenschaftler, der im besten Sinne permanent „an der Universität“ war.

    Geboren wurde Karl Riha am 3. Juni 1935 im böhmischen Krummau an der Moldau (heute Český Krumlov). In den Nachkriegsjahren wuchs er in Frankfurt am Main auf, wo er ab 1956 Germanistik, Philosophie und Geschichte studierte. Schon früh verband er seine wissenschaftlichen Interessen mit der publizistischen Praxis: Von 1962 bis 1967 leitete er das Feuilleton der legendären Frankfurter Studentenzeitschrift Diskus und veröffentlichte dort eigene literarische Texte, Theaterrezensionen und Buchbesprechungen. Diese frühen Frankfurter Jahre waren prägend: In dieser Zeit entwickelte sich das Interesse an literarischen Formen und Praktiken, die jenseits der etablierten Kanones lagen. Ab 1965 arbeitete Riha als wissenschaftlicher Assistent in Frankfurt bei Heinz Otto Burger, 1969 promovierte er mit einer Arbeit über das Großstadtmotiv in der deutschen Literatur, dann ging er als Assistent von Walter Höllerer an die Technische Universität Berlin. In den beiden Metropolen wurde er zum Mitglied eines intellektuellen Netzwerks von Literaturwissenschaftlern und Journalisten, von Schriftstellern, Künstlern und Medienpraktikern, das für eine offene, gegenwartsbezogene und medienaffine Literaturwissenschaft stand. Die dort erprobte Verbindung von Theorie, Kritik und literarischer Praxis sollte für Riha konstitutiv bleiben und sein späteres Wirken in Siegen entscheidend vorbereiten.

    Denn 1975 ging Karl Riha in die Provinz: Er wurde auf die Professur für Deutsche Philologie und Allgemeine Literaturwissenschaft an die erst kurz zuvor gegründete Gesamthochschule Siegen berufen. Hier siedelte er sich mit seiner Familie im Ortsteil Weidenau an, hier wirkte er entscheidend an der Ausformung der besonderen Lehr- und Forschungsstruktur der literatur- und medienwissenschaftlichen Fächer mit und nutzte die institutionellen Freiräume der Aufbaujahre für seine vielfältigen Aktivitäten. Und hier wirkte er dann auch jahrzehntelang bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 – und noch einige Jahre darüber hinaus.

    „Ich bin ein Experte fürs Abseitige“ – mit dieser Selbstcharakterisierung traf Karl Riha den Kern seines wissenschaftlichen Profils. Seine Forschungsinteressen umfassten die klassischen Avantgarden, insbesondere legte er zahlreiche Bücher und Anthologien zur Dada-Bewegung vor, stets mit witzigen Titeln wie Da Dada da war, ist Dada da (1980), Tatü Dada (1987) oder Fatagaga-Dada (1995), er öffnete die gelben Büchlein der Reclam Universitätsbibliothek für Sammlungen der Dadaisten aus Zürich und Berlin, für Kurt Schwitters und schließlich sogar für Dada total (1994). Zeitlebens interessierten ihn populäre und vormals marginalisierte literarische Formen: Riha veröffentlichte zu Comics und Bildergeschichten – sein Buch Zok roarr wumm. Zur Geschichte der Comics-Literatur (1970) darf als erste wissenschaftliche Monografie zur Bilderliteratur gelten –, zu Moritaten und Bänkelsang, zu satirischen Flugblättern und literarischem Kabarett, zur Commedia dell’arte ebenso wie zur Trivial- und Volksliteratur, zu Klassiker-Parodien und zu Karikaturen. So intensiv wie nur wenige Literaturwissenschaftler faszinierten ihn die Text-Bild-Klang-Experimente der Visuellen Poesie, der Lautpoesie oder der Mail Art. Autoren wie Ernst Jandl, die Wiener Gruppe um H.C. Artmann und Gerhard Rühm, Ror Wolf oder Oskar Pastior hat Riha durch seine Arbeiten und Editionen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

    Damit gehört er – zusammen mit Helmut Kreuzer – zu den Pionieren eines „erweiterten Literaturbegriffs“, mit dem von Siegen aus der Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaften entscheidend vergrößert und der Boden für das bereitet wurde, was heute „Medienwissenschaft“ genannt wird: einer der wenigen globalen Exportschlager deutscher Geisteswissenschaften seit den 1980er Jahren. Die Durchsetzung eines erweiterten Literaturbegriffs mündete in Siegen in verschiedene interdisziplinäre Forschungsverbünde – von „Bildschirmmedien“ über „Medienumbrüche“ bis hin zur gegenwärtigen Erforschung der „Transformationen des Populären“ – und innovative Studiengänge, die allesamt nicht denkbar wären ohne die exzentrischen Innovationen, die nicht zuletzt Karl Riha der guten alten Literaturwissenschaft zugemutet hat.

    Die für Karl Riha charakteristische Publikationsform war dabei weniger die große Monografie als das unablässige Publizieren von Aufsätzen und Essays wie auch das Edieren von literarischen Trouvaillen. Als Bücherliebhaber war er – ganz im Sinne Walter Benjamins – ein „Sammler“, der mit einer sprichwörtlichen „Spürnase“ für literarische Entdeckungen ausgestattet war. Riha gab zahlreiche populäre Leseausgaben heraus, bei großen Verlagen wie Insel, Suhrkamp, Reclam, Hanser und Luchterhand, aber ebenso selbstverständlich in kleineren, experimentierfreudigen Verlagen wie dem Anabas Verlag, der Edition Nautilus, der Edition Text + Kritik oder der Eremiten-Presse.

    Als „Schriftstellerwissenschaftler“ blieb Karl Riha auch als Universitätsprofessor ein Grenzgänger zwischen der Universität und dem Kultur- und Literaturbetrieb. So schrieb er immer auch Literaturkritiken, erst für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Hessischen Rundfunk und dann über viele Jahre für die Frankfurter Rundschau. Als Direktor leitete er einige Jahre das Literarische Colloquium Berlin (LCB) am Wannsee. Zugleich verfasste er eigene literarische Texte, teilweise unter Pseudonymen wie Hans Wald, Agno Stowitsch oder Charlie Hair.

    Und Karl Riha engagierte sich wie nur wenige Universitätsleute auch im lokalen Kulturbetrieb in der südwestfälischen Provinz: Er war ein unermüdlicher Initiator und Organisator, der mehr als dreißig Ausstellungen in der Universitätsbibliothek Siegen plante, der zahlreiche literarische Veranstaltungen im Kulturhaus Lÿz und an anderen Orten organisierte oder – um nur ein Beispiel zu erwähnen – ein mehrtägiges Festival der internationalen Lautpoesie in Siegen auf die Beine stellte.
    Auch innerhalb der Universität war Karl Riha nicht nur eine prägende intellektuelle Figur, sondern auch ein antreibender ‚Netzwerker‘ und zupackender ‚Macher‘. Er nutzte die Möglichkeiten der Universitätsdruckerei und initiierte zahlreiche Publikationsreihen wie MuK – Massenmedien und Kommunikation, die Vergessenen Autoren der Moderne oder die experimentellen texte; Jahr für Jahr repräsentierte er die Universität mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse, und er gründete die seinerzeit vielbeachtete Zeitschrift DIAGONAL, die er selbstverständlich auch selbst als Verkäufer im Mensafoyer unter die Leute brachte und deren Erfolg schließlich den Weg für die Gründung eines eigenen Universitätsverlags bereitete.

    Als akademischem Lehrer war Karl Riha stets bewusst, dass ein Studium der Literaturwissenschaften auf kein festes Berufsbild vorbereitet. So band er seine Studentinnen und Studenten, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur in seine eigenen Projekte ein, sondern eröffnete ihnen ganz früh eigenständige Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten, die viele spätere Berufswege anbahnte: in Verlagen und Kulturinstitutionen, bei Zeitungen und Rundfunkanstalten, an der Universität und in der Schule, in Werbeagenturen und Presseabteilungen.

    Mit Karl Riha verliert die Universität Siegen einen Wissenschaftler, der die Germanistik durch Offenheit, Witz und intellektuelle Unabhängigkeit geprägt hat.

    (Verfasst von Jörgen Schäfer und Peter Gendolla)


    Bilder

    Prof. Dr. Karl Riha ist im Alter von 90 Jahren verstorben.
    Prof. Dr. Karl Riha ist im Alter von 90 Jahren verstorben.

    Copyright: Archiv Universität Siegen


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Sprache / Literatur
    überregional
    Personalia
    Deutsch


     

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