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Ab 1939 standen deutschsprachige Südtirolerinnen und Südtiroler vor einer existenziellen Entscheidung: Im Rahmen der sogenannten Südtiroler Option, eines Abkommens zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und dem faschistischen Italien, mussten sie wählen, ob sie in Italien bleiben und eine vollständige kulturelle Assimilation akzeptieren oder ihre Heimat verlassen und ins Deutsche Reich übersiedeln wollten. Dieses historische Zwangsszenario liefert das Datenmaterial für ein Forschungsprojekt der Freien Universität Bozen (unibz) und der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien), aus dem zwei Ökonomen neue Erkenntnisse zu individuellen Migrationsentscheidungen gewinnen wollen.
Migration zählt zu den zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart: Im Jahr 2024 lebten weltweit rund 304 Millionen Menschen in einem anderen Land als ihrem Geburtsland – fast vier Prozent der Weltbevölkerung. Welche sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Bedingungen Menschen dazu bewegen, zu gehen oder zu bleiben, ist daher ein zentrales Forschungsfeld.
Für das dreijährige bilaterale Forschungsprojekt der österreichischen und der Südtiroler Universität greifen die beiden Ökonomen Prof. Steven Stillman (unibz) und Prof. Martin Halla (WU Wien) auf einen außergewöhnlich umfangreichen historischen Datensatz zurück. Im Staatsarchiv Bozen befinden sich mehr als 70.000 sogenannte Optionsakten, die im Zuge des Optionsabkommens von deutschsprachigen Südtirolerinnen und Südtirolern ausgefüllt werden mussten. Diese enthalten detaillierte Informationen zu Haushaltsstrukturen, Vermögen, Staatsbürgerschaft, früheren Migrationserfahrungen sowie zum Gesundheitszustand. Zudem ist dokumentiert, ob Personen tatsächlich auswanderten oder später einen Antrag auf Rückkehr stellten.
„Aus ökonomischer Perspektive stellt die Südtiroler Option ein historisch einzigartiges reales Migrations-Experiment dar“, sagt Arbeitsökonom Steven Stillman von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der unibz. „Die betroffenen Haushalte standen vor einem klar definierten, aber extrem herausfordernden Trade-off: entweder in Italien zu bleiben und sich kulturell zu assimilieren oder in das nationalsozialistische Deutsche Reich auszuwandern, um Sprache und kulturelle Identität zu bewahren. Beide Optionen waren mit erheblichen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Risiken verbunden.“
Im Rahmen des Projekts wird der gesamte Aktenbestand digitalisiert, um ihn systematisch für die Forschung nutzbar zu machen. Inhaltlich analysiert das Forschungsteam, welche Faktoren die Entscheidung für oder gegen die Auswanderung beeinflussten. Untersucht werden unter anderem der Einfluss von Familien- und Nachbarschaftsnetzwerken, Eigentumsverhältnisse wie der Besitz eines Hofes, lokale Informationsstrukturen sowie administrative Aspekte – bis hin zur möglichen Einflussnahme durch Beamte beim Ausfüllen der Anträge.
In mehreren geplanten wissenschaftlichen Publikationen sollen zudem die langfristigen wirtschaftlichen und politischen Folgen der Südtiroler Option untersucht werden, etwa Zusammenhänge zwischen Auswanderungsquoten und späterem Einkommensniveau, Wahlverhalten oder regionaler Entwicklung, einschließlich des Tourismus. Ein weiterer zentraler Bestandteil des Projekts ist die geplante öffentliche Zugänglichmachung der digitalisierten historischen Bestände in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Bozen.
Prof. Steven.Stillman
Steven.Stillman@unibz.it
+39 0471 013132
Beispiel eines historischen Akts
Quelle: unibz
Copyright: unibz
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler
Geschichte / Archäologie, Politik, Wirtschaft
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsprojekte
Deutsch

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