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Der ab 2028 geplante EU-weit einheitliche CO2-Preis für den Gebäude- und Verkehrssektor wird die Heizkosten von 100 Millionen Haushalten in der Europäischen Union verändern. Dabei sind die Auswirkungen in den Ländern der EU durchaus unterschiedlich: Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass in vielen Ländern, so auch in Deutschland, die
zusätzlichen Belastungen begrenzt sein dürften. In den skandinavischen Ländern könnten Haushalte gar entlastet werden, weil hier schon sehr viel in den klimafreundlichen Umbau der Wärmeversorgung investiert wurde. In einigen mittel- und osteuropäischen Regionen aber würden die Heizkosten spürbar steigen.
Gütersloh, 22. Januar 2026. Wohngebäude verursachen rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen in der EU. Bisher sinken die Emissionen im Gebäudebereich nicht schnell genug, um die von der EU gesteckten Klimaziele zu erreichen. Die Erweiterung des Europäischen Emissionshandelssystems im Rahmen des sogenannten ETS2 (Emissions Trading System 2) auf den Gebäudesektor soll daher Anreize schaffen, Heizungen zu modernisieren, Gebäude energetisch zu sanieren und Emissionen langfristig zu senken.
Der mit dem ETS2 geplante einheitliche Preis für CO2-Emissionen wirkt sich auf die Haushalte in den verschiedenen europäischen Regionen sehr unterschiedlich aus. In Deutschland und anderen west- und nordeuropäischen Mitgliedsstaaten, wo es bereits jetzt einen CO2-Preis im Gebäudebereich gibt, würden die Kosten bei einem zu erwartenden Einstiegspreis von etwa 60 Euro pro Tonne CO2 durchschnittlich um 17 Euro pro Jahr und Haushalt steigen. In Portugal, Irland, Dänemark und Schweden könnte das Heizen sogar billiger werden, weil der CO2-Preis dort schon jetzt oberhalb von 60 Euro pro Tonne CO2 liegt.
In Polen, Ungarn, der Slowakei und weiteren osteuropäischen Staaten ist die Dekarbonisierung des Gebäudesektors noch nicht weit vorangeschritten, es gibt noch keinen CO2-Preis und die Haushalte verfügen über geringere Einkommen, sodass die
EU-weite Einführung einen sehr viel größeren Effekt hätte. Entsprechend würde ein
ETS2-Preis in Höhe von 60 Euro pro Tonne CO2 das Heizen für einen Haushalt dort um im Durchschnitt zwischen 100 und rund 400 Euro pro Jahr verteuern.
Besonders betroffene Haushalte brauchen gezielte Unterstützung
In diesen Ländern findet die Studie auch die stärkste Konzentration an besonders betroffenen Haushalten. Steigende Heizkosten treffen in allen EU-Mitgliedsstaaten Haushalte mit niedrigem Einkommen stärker, da für sie das Heizen als Kostenpunkt mehr ins Gewicht fällt. Die zehn Prozent der Haushalte, die, gemessen an ihrem Einkommen, die größten Mehrbelastungen durch den ETS2 erfahren, verfügen nur über die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung. Besonders viele Menschen aus dieser Bevölkerungsgruppe wohnen in Einfamilienhäusern, ein großer Teil der Haushaltsmitglieder ist weiblich und/oder im Rentenalter. Diese Haushalte befinden sich besonders häufig in der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Polen.
Damit stark betroffene Haushalte durch die Mehrkosten für fossiles Heizen nicht überlastet werden, braucht es effektive und treffgenaue Kompensationsmechanismen. "Für die meisten europäischen Haushalte ist die Einführung des CO2-Preises im Gebäudesektor gut verkraftbar. Wir zeigen, welche Haushalte Unterstützung benötigen werden, weil sie besonders stark von Mehrbelastungen betroffen sein werden. Mit den Einnahmen aus dem CO2-Preis ist allerdings genug Geld vorhanden, um diese Unterstützung zu leisten – wenn die Mitgliedstaaten das Geld treffsicher ausgeben“, sagt Thomas Schwab, Experte der Bertelsmann Stiftung für europäische Wirtschaftspolitik. Dazu müssen die Mitgliedsstaaten der Europäischen Kommission nationale Klima-Sozialpläne vorlegen, in denen sie aufzeigen, wie sie das Geld verwenden wollen. "Die Europäische Kommission muss sehr genau darauf achten, dass stark betroffene Haushalte tatsächlich unterstützt werden“, sagt Schwab.
Zusätzliche Investitionsförderung wird benötigt
Jenseits der Kompensation der Mehrbelastungen von besonders betroffenen Haushalten wird es nötig sein, den Umstieg auf klimafreundliche Heizungen staatlich zu fördern. Denn die notwendigen Investitionen stellen für viele Hausbesitzer eine große Herausforderung dar. "Entscheidend für die Verbindung von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit ist, dass Fördermittel und Entlastungen dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden“, sagt Sara Hagemann, Wirtschaftsexpertin der Bertelsmann Stiftung. "Die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung reichen aus, um die unmittelbaren Mehrbelastungen für besonders betroffene Haushalte abzufedern. Aber sie werden nicht reichen, um auch den Umstieg auf klimafreundliche Alternativen wie etwa Wärmepumpen oder den Anschluss an das Fernwärmenetz großflächig zu unterstützen. Dafür wird es zusätzliche Förderprogramme brauchen, die durch die Mitgliedstaaten finanziert werden“, so Hagemann.
Zusatzinformationen:
Ab 2028 soll mit dem EU-weiten ETS2 die CO₂-Bepreisung auf den Gebäudesektor ausgeweitet werden. Die Datenlage zur Betroffenheit der europäischen Haushalte ist bislang jedoch begrenzt. In einer neuen Studie modellieren wir die rund 188 Millionen Haushalte in einer synthetischen Bevölkerung, um so die finanziellen Auswirkungen zu analysieren. Dabei kombinieren wir eine Vielzahl an Datenquellen, um die europäischen Haushalte mit ihren sozioökonomischen Merkmalen, ihrer Wohnsituation sowie ihren Heizsystemen abzubilden. Dadurch können die Effekte der ETS2-Bepreisung granular nachvollzogen werden.
Autor:innen:
Sara Hagemann, Telefon: 0 52 41 81 81-143
E-Mail: sara.hagemann@bertelsmann-stiftung.de
Thomas Schwab, Telefon: 0 30 27 57 88-132
E-Mail: thomas.schwab@bertelsmann-stiftung.de
https://www.bertelsmann-stiftung.de
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Energie, Gesellschaft, Politik, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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