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22.01.2026 12:45

Transformation scheitert nicht an „German Angst“. Neue Studie: Innovationsstau entsteht in den Unternehmen selbst

Frank Seiß Öffentlichkeitsarbeit
ISF München - Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V.

    Der Umbau der deutschen Industrie verläuft in vielen Unternehmen widersprüchlich und bleibt häufig hinter den eigenen Zielen zurück. Das geht aus einer neuen Studie des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) hervor, die auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 4.000 Beschäftigten sowie vertiefenden Fallstudien in zentralen Branchen basiert. Untersucht wurden Transformationsprozesse aus Sicht der Beschäftigten; die Studie wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

    Eine neue Phase der Digitalisierung und Umbauprozesse zur Dekarbonisierung von Produktionsstrukturen stellen Unternehmen vor die Herausforderung einer großen Transformation. Die Ergebnisse der ISF-Studie zeigen, dass der Übergang in eine neue industrielle Produktionsweise längst kein Randphänomen mehr ist. Rund die Hälfte der Beschäftigten berichtet von einer hohen oder sehr hohen Veränderungsdynamik in ihrer Arbeit. Besonders stark ausgeprägt sind diese Erfahrungen in der Automobilindustrie, in der Informations- und Kommunikationsbranche, bei Finanzdienstleistungen sowie in der Energieversorgung.

    Zugleich widersprechen die Befunde der verbreiteten Annahme, Beschäftigte seien dem Wandel prinzipiell abgeneigt. Von denjenigen, die Transformation konkret erleben, verbinden lediglich 15 Prozent damit vor allem Risiken. Die große Mehrheit bewertet den Wandel ambivalent oder sieht darin persönliche Chancen. „Die Beschäftigten nehmen die Transformation realistisch wahr – weder unkritisch noch grundsätzlich ablehnend“, sagt Thomas Lühr vom ISF München.

    Die Analyse legt nahe, dass die Ursachen für die derzeit vieldiskutierten Krisenerscheinungen weniger auf der individuellen Ebene liegen als in der betrieblichen Umsetzung von Transformationsstrategien. Die Studie identifiziert drei zentrale Mechanismen eines organisationalen Innovationsstaus. Erstens scheitert die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle häufig an internen Machtkonflikten, politischer Abhängigkeit von etablierten Geschäftsbereichen und fehlenden Ressourcen. Zweitens werden neue Arbeitsformen wie agile Organisationsansätze zwar eingeführt, geraten jedoch in Konflikt mit fortbestehenden bürokratischen Steuerungslogiken. Drittens fehlt es in vielen Unternehmen an einer klaren strategischen Orientierung, die Beschäftigten verlässliche Perspektiven für Qualifizierung und berufliche Entwicklung eröffnet.

    Vor diesem Hintergrund kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass gängige Erklärungen der Industriekrise – etwa der Verweis auf Standortkosten oder auf vermeintliche Akzeptanzprobleme der Beschäftigten – die empirisch relevanten Ursachen nur unzureichend erfassen. Vielmehr verweisen die Befunde auf Defizite in der Steuerung und Koordination betrieblicher Transformationsprozesse. „Viele Unternehmen bearbeiten den Übergang in eine neue industrielle Produktionsweise noch mit Steuerungslogiken aus der alten Welt“, erklärt Andreas Boes. „Das führt zu widersprüchlichen Erfahrungen, Reibungsverlusten und blockiert Innovationspotenziale.“

    Die Autoren halten daher einen Perspektivenwechsel für notwendig: Die in Unternehmen und Öffentlichkeit weitverbreitete Analyse, wonach die Transformation an einer „German Angst“ und der fehlenden Veränderungsbereitschaft der Beschäftigten scheitere, geht fehl. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es bei den Belegschaften eine weitgehende Bereitschaft gibt, neue Wege zu gehen. Darauf könne eine „Vorwärtsstrategie“ der Unternehmen bauen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Thomas Lühr, ISF München, thomas.luehr@isf-muenchen.de


    Originalpublikation:

    Thomas Lühr, Andreas Boes, Tobias Kämpf (2026): Widersprüche der Transformation aus der Perspektive der Beschäftigten. Forschungsförderung Working Paper Nr. 397, Düsseldorf. https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?produkt=HBS-009310


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Informationstechnik, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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