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28.01.2026 17:00

Pflanzenschutzmittel beeinträchtigen Bodenleben und Biodiversität erheblich

Rita Ziegler Kommunikation
Universität Zürich

    70 Prozent der Böden in Europa sind mit Pflanzenschutzmittel belastet. Die Auswirkungen auf das Bodenleben sind erheblich, da Pflanzenschutzmittel verschiedene nützliche Bodenorganismen beeinträchtigen. Dies zeigt eine europaweite Studie unter Co-Leitung der Universität Zürich. Um die Bio-diversität der Böden zu schützen, sollten die Ergebnisse in aktuellen Pflanzenschutzmittelvorschriften berücksichtigt werden.

    Das Leben unter unseren Füssen ist entscheidend, um wichtige Ökosystemfunktionen und -dienstleistungen wie Nahrungsmittelproduktion, Kohlenstoffspeicherung, Erosionsschutz und Wasserregulierung aufrechtzuerhalten. Eine internationale Studie liefert nun erstmals umfassende quantitative Belege für die Verbreitung und Auswirkungen von Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft in Europa. Das Ergebnis: 70 Prozent der europäischen Böden sind mit Pflanzenschutzmittel kontaminiert. «Dies wirkt sich auf verschiedene nützliche Bodenorganismen wie Pilze (Mykorrhiza) und Fadenwürmer (Nematoden) aus und beeinträchtigt deren Biodiversität», sagt Studienleiter Marcel van der Heijden, Professor am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich (UZH) und Forscher bei Agroscope.

    Bodenproben aus 26 europäischen Ländern analysiert

    Die in der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlichte Studie wurde von einem internationalen Gremium aus zehn europäischen Forschungseinrichtungen durchgeführt, darunter die Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Union (JRC), die spanische Universität Vigo, Agroscope und die UZH. Die Wissenschaftler:innen untersuchten die Auswirkungen von 63 gängigen Pflanzenschutzmittel auf die Böden und entnahmen insgesamt 373 Bodenproben aus Feldern, Wäldern und Wiesen in 26 europäischen Ländern.

    Am häufigsten fanden die Forschenden Fungizide, also Wirkstoffe gegen Pilze. Diese machten 54 Prozent aller Pflanzenschutzmittel aus, gefolgt von Herbiziden – vor allem Glyphosat – mit 35 Prozent und Insektiziden mit 11 Prozent. Die meisten Pflanzenschutzmittel wurden auf landwirtschaftlichen Feldern gefunden, aber auch in Wäldern und Wiesen, wo normalerweise keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden – was wahrscheinlich auf die Verbreitung des Pflanzenschutz-Sprühnebels durch Winde zurückzuführen ist.

    Breite Wirkung gegen nützliche Bodenorganismen

    Das Problem verschiedener Pflanzenschutzmittel besteht darin, dass sie nicht nur Schädlinge bekämpfen, die unsere Nutzpflanzen beeinträchtigen, sondern auch nützliche Bodenorganismen. Daher untersuchten die Forschenden in den Proben die Artenvielfalt von Bodenorganismen wie Bakterien, Pilzen, Fadenwürmern und Einzellern. Sie stellten fest, dass Pflanzenschutzmittel die lebenden Bodenlebensgemeinschaften stark verändern.

    «Mykorrhiza-Pilze, die für unsere Nutzpflanzen wichtig sind, sind besonders von Pflanzenschutzmittel betroffen», sagt der Bodenökologe van der Heijden. Die Pilze verbinden sich mit den Wurzeln von Nutzpflanzen und helfen ihnen, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Besonders schädlich ist das Fungizid Bixafen, das zur Bekämpfung schädlicher Pilze auf Getreide eingesetzt wird: Es beeinträchtigt viele der untersuchten Bodenorganismen.

    Die Forschenden konnten zudem zeigen, dass Pflanzenschutzmittelrückstände auch die eigentliche Funktion der Böden verändern. «Einige Organismen, insbesondere mehrere Arten von Bakterien, profitieren vom Pflanzenschutzeinsatz, wahrscheinlich weil andere Organismen reduziert werden», ergänzt Julia Königer von der Universität Vigo und Erstautorin der Studie. Die Forschenden konnten dies nachweisen, indem sie Schlüs-selgene für Bodenfunktionen wie die Rückgewinnung und Freisetzung von Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff untersuchten. «Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmittel die natürliche Nährstoffversorgungs-Funktion des betroffenen Bodens beeinträchtigt und zusätzliche Düngung erforderlich ist, um die Erträge aufrechtzuerhalten», sagt Marcel van der Heijden.

    Aktuelle Pflanzenschutzmittelbewertungen und -vorschriften anpassen

    Die schädlichen Auswirkungen verschiedener Pflanzenschutzmittel auf Vögel, Bienen und andere Insekten sind seit langem bekannt und dokumentiert. «Unsere Studie zeigt darüber hinaus, dass Pflanzenschutzmittel auch für unsere Böden eine sehr grosse Umweltbelastung darstellen. Oft wird gar nicht bedacht, wie Pflanzenschutzmittel auf Organismen wirken, die nicht das Ziel sind», sagt die zweite Studienleiterin Maria J. I. Briones von der Universität Vigo. Da einige Wirkstoffe nur schwer abbaubar sind, verbleiben sie jahrelang im Boden und haben langfristig grosse Auswirkungen auf das Bodenökosystem.

    Um dieses zu schützen, müssen ökotoxikologische Bewertungen über Tests mit einzelnen Arten hinausgehen und auch die Auswirkungen der Pflanzenschutzmittel auf Ebene der Lebensgemeinschaften und ihren Funktionen für den Boden berücksichtigen. Laut den Forschenden müssten diese Aspekte dringend in die aktuelle Pflanzenschutzmittelregulierung integriert werden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Marcel van der Heijden
    Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie
    Universität Zürich
    +41 44 634 82 87
    marcel.vanderheijden@uzh.ch


    Originalpublikation:

    Köninger, J., Labouyrie, M., et al. Pesticide residues in soils affect soil taxonomic and functional biodiversity. Nature. 28 January 2026. DOI: 10.1038/s41586-025-09991-z


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Geowissenschaften, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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