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29.01.2026 11:00

Spätmittelalterliches Versteck im jungsteinzeitlichen Grabengeviert. Erdstall bei Reinstedt, Lkr. Harz entdeckt

Dr. Oliver Dietrich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte

    Im Zuge von Ausgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt bei Reinstedt, Landkreis Harz, konnte im Bereich einer mittelneolitischen Grabanlage ein ganz besonderer Befund dokumentiert werden. In den Trapezgraben der Baalberger Kultur des vierten Jahrtausends vor Christus war im Spätmittelalter ein sogenannter Erdstall eingebracht worden, das heißt ein unterirdisch in den Löss gegrabenes Gangsystem. Die Deutungen von Erdställen erstrecken sich von Verstecken bis hin zu Räumen für kultische Handlungen.

    Ende 2025 fanden bei Reinstedt, Ortsteil von Falkenstein, Landkreis Harz, archäologische Untersuchungen im Vorfeld des Baus von Windkraftanlagen statt. Auf einer flachen Erhebung östlich des Ortes, die Dornberg genannt wird, erbrachten die Ausgrabungen einen Trapezgraben der Baalberger Kultur (4. Jahrtausend vor Christus), mehrere schlecht erhaltene vermutlich endneolitische Hockerbestattungen des 3. Jahrtausends vor Christus sowie die Reste eines möglicherweise bronzezeitlichen Grabhügels des 2. Jahrtausends vor Christus.
    Im Verlauf des südlichen Teils des Trapezgrabens fiel eine langovale, etwa zwei Meter lange und bis zu 75 Zentimeter breite, gut abgrenzbare Grube auf, die nahezu rechtwinklig den Graben schnitt. Im Norden der Grube lag eine größere Steinplatte. Dies führte zu der Vermutung, dass es sich um ein Grab handeln könnte – der Befund stellte sich im Verlauf der Ausgrabungen jedoch als etwas ganz anderes heraus. Die Grubenverfüllung zeigte schräg nach Norden abfallende Schichten und nahm kein Ende, sondern führte immer tiefer in den hellen und sehr festen Lössuntergrund in das Innere der steinzeitlichen Anlage hinein. In der Verfüllung fanden sich spätmittelalterliche Keramik und zahlreiche Steine, auch hatten sich kleinere Hohlräume im oberen Teil erhalten. Rasch wurde klar, dass es sich um einen sogenannten Erdstall handelte. Erdställe sind von Menschenhand geschaffene unterirdische Gangsysteme, teils mit kammerartigen Erweiterungen, die insbesondere in Regionen mit festen, gut zu bearbeitenden Böden wie etwa Löss vorkommen. Die Deutungen erstrecken sich von Verstecken bis hin zu Räumen für kultische Handlungen.
    Beim schichtweisen Abtragen der Verfüllung im Norden des Reinsdorfer Erdstalls öffnete sich ein schmaler, nach Nordwesten gekrümmter Gang, in dem ein Hufeisen, ein Fuchsskelett sowie viele weitere Knochen von Kleinsäugern lagen und zuunterst auch eine Holzkohleschicht freigelegt werden konnte. Da unter der Holzkohle keine Rotfärbung des Untergrundes, sondern nur eine Verhärtung festgestellt wurde, wird es sich um die Reste eines nur kurz brennenden Feuers gehandelt haben. Der Gang von knapp einem Meter bis rund 1,25 Metern Höhe war zum Teil mit einem Spitzgiebel überdacht und zwischen 50 und 70 Zentimeter breit. An der schmalsten Stelle des Einganges fiel eine Häufung übereinander gestapelter größerer Steine auf, die auf ein absichtliches Verschließen des Einganges hindeuten könnten. Im Eingangsbereich fand sich eine Stufe im Löss, in der Grubenwandung eine Nische.
    Es stellt sich die Frage nach der Interpretation des Befundes. Die Anlage des Erdstalles in einer wohl noch obertägig erkennbaren jungsteinzeitlichen Trapezgrabenanlage mag der Wiederauffindbarkeit gedient haben. Vielleicht wurde der Platz aber aufgrund des besonderen Ortes, einem heidnischen Grab, von der Bevölkerung allgemein gemieden und eignete sich daher besonders gut für ein Versteck.


    Bilder

    Luftbild des mittelneolithischen Trapezgrabens, im Südosten ist die Störung durch den spätmittelalterlichen Erdstall zu erkennen.
    Luftbild des mittelneolithischen Trapezgrabens, im Südosten ist die Störung durch den spätmittelalte ...
    Quelle: Simon Meier
    Copyright: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

    Vollständig freigelegter Gang des Erdstalls mit Spitzgiebel und kleiner Nische in der Wandung. Ganghöhe um einen Meter, Breite 50 bis 70 Zentimeter.
    Vollständig freigelegter Gang des Erdstalls mit Spitzgiebel und kleiner Nische in der Wandung. Gangh ...
    Quelle: Ulf Petzschmann
    Copyright: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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