idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
29.01.2026 11:37

Wie Uran aus dem Bergbau in die Umwelt gelangt

Simon Schmitt Kommunikation und Medien
Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

    Seit Jahrzehnten leben Familien in Gemeinden rund um Johannesburg in der Nähe riesiger Abraumhalden von Goldminen. Für viele Anwohner ist der dort freigesetzte Staub Teil des Alltags – doch er kann natürliche Uranverbindungen enthalten, die mit dem abgebauten Gestein an die Oberfläche gelangen. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Environmental Geochemistry and Health (DOI: 10.1007/s10653-025-02874-2) zeigt, wie sich diese Belastung im Haar von Kindern widerspiegelt.

    Das Witwatersrand-Becken rund um Johannesburg beherbergt die weltweit größten bekannten Goldvorkommen, die seit 140 Jahren abgebaut werden. Mit Beginn des industriellen Bergbaus wurden riesige Mengen der abgebauten Gesteine, die nicht nur das Edelmetall, sondern auch giftige Substanzen wie Blei, Arsen und Uran enthalten, zerkleinert und verarbeitet. Der intensive Goldabbau führte zu großen Abraumhalden, die sich über eine Fläche von etwa 400 Quadratkilometern im Witwatersrand-Becken erstrecken.

    „Die Halden befinden sich oft direkt in dicht besiedelten Wohngebieten. Es ist bekannt, dass giftige Substanzen in Staubpartikeln durch Wind, Boden und Wasser bis zu den Häusern transportiert werden, insbesondere in der Trockenzeit“, erklärt Dr. Susanne Sachs vom Institut für Ressourcenökologie am HZDR. „Frühere Untersuchungen unseres Projektteams haben erhöhte Uranwerte in den Haarproben von Menschen gefunden, die in der Nähe von Abraumhalden in der südafrikanischen Bergbauregion leben.“ Es ist bekannt, dass Menschen über die Luft, das Wasser, den Boden und Lebensmittel, insbesondere Gemüse und Getreide, das in kontaminierten Umgebungen angebaut wurde, mit Uran in Kontakt kommen können. Die jetzt veröffentlichte Studie untersucht, wie Menschen – insbesondere Kinder, die in der Nähe von Abraumhalden der Goldminen leben – Uran ausgesetzt sind und wie viel von diesem Schwermetall in ihren Körper gelangt. Sie werden mit Kindern aus Regionen verglichen, in denen noch nie Gold abgebaut wurde.

    Haar als Untersuchungsgegenstand – und was die Proben verraten

    Um dieses Problem anzugehen, sammelte das südafrikanische Forschungsteam mehr als 400 Haarproben von Kindern aus mehreren Gemeinden in der Nähe von Bergbauhalden sowie aus nicht kontaminierten Regionen. Haare eignen sich besonders gut für solche Tests, da sie während der gesamten Wachstumsphase Substanzen aus dem Körper speichern – im Gegensatz zu Blut, das in der Regel nur eine kurz zurückliegende Exposition anzeigt.

    „Im Labor haben wir die Proben zunächst gemahlen, homogenisiert und sorgfältig gereinigt, um Oberflächenverunreinigungen durch Staub zu entfernen. Dabei haben wir ein Verfahren angewandt, das wir gemeinsam mit unseren Kollegen vom Wismut-Labor in Seelingstädt entwickelt haben. Nach dem Säureaufschluss der Haarproben haben unsere Kollegen vom VKTA eine hochpräzise Massenspektrometrie-Methode angewendet, mit der sich selbst kleinste Mengen an Spurenelementen zuverlässig messen lassen“, erklärt Sachs das Verfahren. Dieser Ansatz ist wichtig, da er zwischen externen Einträgen und tatsächlich aufgenommenen Substanzen unterscheidet. Darüber hinaus sammelte das südafrikanische Team Informationen über das Alter, das Geschlecht und den Gesundheitszustand der Kinder sowie Details über ihre Lebensumgebung, die Nähe zu Abraumhalden und andere Faktoren, die die Belastung beeinflussen könnten.

    Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Kinder, die in Goldabbaugebieten leben, weisen im Durchschnitt höhere Uranwerte im Haar auf als Kinder aus Referenzgebieten, in denen nie Goldabbau betrieben wurde. Die Studie zeigt auch, dass nicht nur der Ort der Exposition, sondern auch Geschlecht und Alter wichtige Faktoren sind, die die Urankonzentrationen im Haar beeinflussen. Auf individueller Ebene bestätigt die Studie, was die Ergebnisse von Umweltmessungen seit einiger Zeit nahelegen: Das Leben in Siedlungen in unmittelbarer Nähe der Abraumhalden des Goldbergbaus erhöht das Risiko der Uranaufnahme und hat spürbare Auswirkungen auf das tägliche Leben der Menschen.

    Bedeutung für die betroffenen Gemeinden

    Die gemessenen Werte lassen keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die gesundheitlichen Auswirkungen auf einzelne Kinder zu, wofür eine epidemiologische Folgestudie notwendig wäre. Die Forschenden betonen jedoch die Bedeutung der Beobachtung an sich, da sie zeigt, dass die Exposition gegenüber Uran in der Umwelt zur Anreicherung von Uran in biologischen Proben führen kann. In einer Region, die seit Jahrzehnten vom Goldabbau geprägt ist, liefert die Studie wichtige Informationen: Aufgrund der erhöhten Umweltbelastung sind zusätzliche Maßnahmen zur Überwachung und Reduzierung der Uranbelastung erforderlich, um die dort lebenden Menschen zu schützen. „Die Studie trägt dazu bei, das Bewusstsein der Gemeinden zu schärfen, ohne unnötig Ängste zu schüren“, sagt Sachs.

    Diese Arbeit ist das Ergebnis eines umfassenden Gemeinschaftsprojekts unter der Leitung des South African Medical Research Council (SAMRC), das vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde. Neben dem HZDR waren auch der VKTA, die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) (die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation), die Wismut GmbH und die südafrikanische North-West University in Vanderbijlpark, die University of Johannesburg und die University of KwaZulu Natal an diesem Projekt beteiligt.

    Das Forschungsteam betrachtet diese Arbeit als einen wichtigen Schritt, um die Herausforderungen in Bergbaugebieten besser zu verstehen und so zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung beizutragen. Sie zeigt, dass industrielle Aktivitäten im Alltag der Menschen zu einer Exposition gegenüber giftigen Substanzen führen können und dass wissenschaftliche Zusammenarbeit dazu beitragen kann, Wege zu einer gesünderen und sichereren Zukunft für die betroffenen Gemeinden zu entwickeln. Es sind weitere Untersuchungen erforderlich, um zu verstehen, ob die gemessenen Uranwerte bei Kindern zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.

    Publikation:
    B. Shezi, R. Street, V. Nkosi, F. Winde, H. Nuernberger, J. Schüz, S. Sachs, L. Zupunski, E. Ostroumova, J. Seibt, R. Bertheau, R. Husar, U. Czeslik, A. Mathee, Uranium concentration in children’s hair samples and residential soil samples near mine tailings facilities, in Johannesburg, South Africa, in Environmental Geochemistry and Health, 2025 (DOI: 10.1007/s10653-025-02874-2)

    Weitere Informationen:
    Dr. Susanne Sachs
    Institut für Ressourcenökologie am HZDR
    Tel.: +49 351 260 2436 | E-Mail: s.sachs@hzdr.de

    Medienkontakt:
    Simon Schmitt | Leitung und Pressesprecher
    Abteilung Kommunikation und Medien am HZDR
    Tel.: +49 351 260 3400 | Mobil: +49 175 874 2865 | E-Mail: s.schmitt@hzdr.de


    Das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) forscht auf den Gebieten Energie, Gesundheit und Materie. Folgende Fragestellungen stehen hierbei im Fokus:
    • Wie nutzt man Energie und Ressourcen effizient, sicher und nachhaltig?
    • Wie können Krebserkrankungen besser visualisiert, charakterisiert und wirksam behandelt werden?
    • Wie verhalten sich Materie und Materialien unter dem Einfluss hoher Felder und in kleinsten Dimensionen?

    Das HZDR entwickelt und betreibt große Infrastrukturen, die auch von externen Messgästen genutzt werden: Ionenstrahlzentrum, Hochfeld-Magnetlabor Dresden und ELBE-Zentrum für Hochleistungs-Strahlenquellen.
    Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, hat sechs Standorte (Dresden, Freiberg, Görlitz, Grenoble, Leipzig, Schenefeld bei Hamburg) und beschäftigt fast 1.500 Mitarbeiter*innen – davon etwa 700 Wissenschaftler*innen inklusive 200 Doktorand*innen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Susanne Sachs
    Institut für Ressourcenökologie am HZDR
    Tel.: +49 351 260 2436 | E-Mail: s.sachs@hzdr.de


    Originalpublikation:

    B. Shezi, R. Street, V. Nkosi, F. Winde, H. Nuernberger, J. Schüz, S. Sachs, L. Zupunski, E. Ostroumova, J. Seibt, R. Bertheau, R. Husar, U. Czeslik, A. Mathee, Uranium concentration in children’s hair samples and residential soil samples near mine tailings facilities, in Johannesburg, South Africa, in Environmental Geochemistry and Health, 2025 (DOI: 10.1007/s10653-025-02874-2)


    Weitere Informationen:

    https://www.hzdr.de/presse/uran_gold


    Bilder

    Abraumhalde direkt hinter Wohnhäusern, Region Witwatersrand Basin.
    Abraumhalde direkt hinter Wohnhäusern, Region Witwatersrand Basin.
    Quelle: Angela Mathee
    Copyright: Angela Mathee


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Geowissenschaften, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Kooperationen
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).