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30.01.2026 09:35

Deutsche Schäferhunde: Flaschenhalseffekte prägen die Zucht

LMU Presse und Kommunikation
Ludwig-Maximilians-Universität München

    Eine Analyse historischer Genome zeigt, wie Populationseinbrüche während des Zweiten Weltkriegs und Inzucht die genetische Diversität des Deutschen Schäferhunds verringerten.

    Wie viele heutige Hunderassen sind auch Deutsche Schäferhunde anfällig für genetische Erkrankungen. Bei reinrassigen Tieren hängen einige der Probleme mit dem Verlust genetischer Vielfalt und die Ansammlung schädlicher Mutationen zusammen – ein Ergebnis intensiver Zuchtpraktiken. Bisher war jedoch unklar, ob diese Entwicklung bereits bei der Entstehung der Rassen Ende des 19. Jahrhunderts begann oder erst während der Rasseentwicklung im 20. Jahrhundert.

    Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der LMU München, der Universität Oxford und den National Institutes of Health (NIH) hat nun Antworten gefunden. Die Forschenden sequenzierten die Genome von neun Deutschen Schäferhunden aus dem Naturhistorischen Museum in Bern, die zwischen 1906 und 1993 lebten. Diese Daten verglichen sie mit Genomen von mittelalterlichen europäischen Hunden, die noch vor der Entstehung moderner Rassen existierten, sowie mit Vertretern heutiger Schäferhundlinien.

    Erster Flaschenhals in der Anfangszeit der Rasse

    Das Ergebnis: Schon im frühen 20. Jahrhundert wiesen Deutsche Schäferhunde deutlich weniger genetische Vielfalt auf als Hunde aus dem Mittelalter – ein Hinweis auf einen starken Flaschenhals in der Anfangszeit der Rasse. Nach 1945 kam es dann zu weiteren Engpässen: zuerst, weil die Bestände in Deutschland und anderen Ländern durch die Kriegsfolgen stark schrumpften, später durch den starken Einsatz weniger, besonders gefragter Deckrüden.

    „Unsere Daten zeigen einen massiven Verlust an genetischer Vielfalt bei Schäferhunden, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurden. Dieser Rückgang, teilweise durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, hat die Gesundheit der Rasse mit ziemlicher Sicherheit erheblich beeinträchtigt“, erklärt der LMU-Paläogenetiker Professor Laurent Frantz, einer der Studienleiter.

    Übermäßiger Einsatz populärer Deckrüden

    „Hinzu kommt, dass der übermäßige Einsatz ‚populärer Deckrüden‘ zu weiteren genetischen Engpässen geführt hat“, erklärt Erstautor Dr. Lachie Scarsbrook (LMU und Universität Oxford). Dies habe nicht nur das Erscheinungsbild der Rasse im Laufe der Zeit verändert, sondern auch den Genpool verengt. Mit ihren Analysen konnten die Forschenden diese Engpässe nachweisen und zeitlich einordnen – so lässt sich der jüngste Engpass auf das Jahr 1967 zurückverfolgen, das mit dem Geburtsjahr des populären Deckrüden „Quanto von der Wienerau“ zusammenfällt.

    Ein Symptom für diesen Verlust an Vielfalt sind lange Abschnitte im Erbgut, in denen beide Chromosomen identisch sind, also homozygot. Solche Abschnitte traten bei Schäferhunden, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, vermehrt auf – selbst wenn ihre Stammbäume keine enge Verwandtschaft vermuten ließen. Diese begünstigt das Auftreten rezessiver Erbkrankheiten, die nur sichtbar werden, wenn das defekte Gen auf beiden Chromosomen liegt.

    Einkreuzen von Wölfen verbessert genetische Vielfalt nur kurzfristig

    Auch das Einkreuzen von Wölfen, wie es etwa bei der Zucht von Wolfshunden geschah, verbessert die genetische Vielfalt in der Regel nur kurzfristig, wie Analysen von Wolfshunden wie dem Sarloos und dem Tschechoslowakischen Wolfshund zeigten: „Um eine Verwässerung der Wolfsabstammung zu vermeiden, mussten in der Regel wieder miteinander verwandte Hybriden gekreuzt werden“, sagt Scarsbrook. „Das bedeutet, dass die Einführung neuer genetischer Vielfalt wahrscheinlich nur von kurzer Dauer war.“

    „Mithilfe der Museumssammlungen können wir sehen, wie stark wir die Biologie der Tiere verändert haben, mit denen wir zusammenleben“, so Scarsbrook. „Und die Rückgänge in der genetischen Gesundheit nach dem Krieg betreffen wahrscheinlich nicht nur den Deutschen Schäferhund. Wir wollen das bald auch für andere Rassen überprüfen.“

    Mit Blick auf die Zukunft sind die Forschenden überzeugt, dass die effektivste Strategie zur Verbesserung der genetischen Gesundheit des Deutschen Schäferhundes darin besteht, Hunde aus Ländern oder Linien einzubeziehen, die nicht denselben genetischen Engpässen unterlagen. Auf diese Weise könne der „reinrassige“ Status der Hunde erhalten bleiben und gleichzeitig die Gesundheit und Langlebigkeit der Rasse maximiert werden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Laurent Frantz
    Professor für Paläogenomik der Haustiere
    Tierärztliche Fakultät
    LMU München
    laurent.frantz@lmu.de
    https://www.lsm.bio.lmu.de/faculty/current-members/prof-dr-laurent-frantz/index....

    Dr. Lachie Scarsbrook
    Postdoctoral Researcher
    Tierärztliche Fakultät
    LMU München
    lachiescarsbrook@gmail.com
    https://www.arch.ox.ac.uk/people/dr-lachie-scarsbrook


    Originalpublikation:

    L. Scarsbrook et al.: A 120-y time series of genomes reveals the consequences of closed breeding in German shepherd dogs. PNAS 2025
    https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2421755122


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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