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03.02.2026 16:18

Teilzeit als Chance, nicht als Problem

Claudia Staat Kommunikation
Frankfurt University of Applied Sciences

    Warum Teilzeit Unternehmen und Gesellschaft hilft: Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins sieht positive Effekte für die Produktivität

    Die in der aktuellen Debatte um das Thema Teilzeit implizierte Behauptung, dass Teilzeittätige durch ihre „Verweigerung“ von Vollzeitarbeit ihren Unternehmen schaden, lässt sich nicht belegen. Darauf verweist der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins.
    Im Gegenteil: Unternehmen und die Gesellschaft können sogar von Teilzeitarbeit profitieren, sagt der Experte für Human Resource Management (HRM) und Leadership der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). In seiner Analyse beleuchtet er wichtige Aspekte, die bisher nicht ausreichend thematisiert werden.

    Vielfältige Gründe für Reduzierung der Arbeitszeit
    Die von der Politik – nicht von der Wirtschaft – angestoßene Diskussion um Teilzeitarbeit als Lifestyle-Element stellt diese Form der Arbeitstätigkeit als bloße Willensentscheidung hin, die je nach Ausmaß der gewünschten Work-Life-Balance getroffen werden kann. Dies bezieht sich auf einen fortschreitenden Wertewandel, der Aktivitäten und soziale Beziehungen im Nicht-Arbeitsbereich priorisiert und dazu führt, dass sich die Bindung der Mitarbeitenden zu ihren Unternehmen verringert.
    Dass Deutschland ein „kollektiver Freizeitpark“ ist, hat aber schon der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung von 1993 beklagt, ohne dass sich die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik in den Jahrzehnten danach entsprechend kontinuierlich negativ entwickelt hat.

    Dazu kommen die realen Lebensumstände wie Kinderbetreuung und Pflege, die es vielen Menschen nicht möglich machen, einer Vollzeittätigkeit nachzugehen, auch weil der Staat nicht die entsprechende soziale Infrastruktur zur Verfügung stellt.

    Klassisches Arbeitszeitmodell garantiert nicht mehr Produktivität
    Bevor man sich die Vor- und Nachteile von Teilzeitarbeit anschaut, stellt sich die Frage, ob denn eine Vollzeittätigkeit dazu führt, dass Menschen sich optimal produktiv in Unternehmen einbringen können.
    Studien zeigen, dass die Produktivität mit steigender Stundenzahl abnimmt. Neue Arbeitszeitmodelle wie der Sechs-Stunden-Tag oder auch die Vier-Tage-Woche belegen, dass das klassische Arbeitszeitmodell nicht garantiert, dass die vorhandene Arbeitszeit auch wirklich produktiv genutzt wird bzw. dass Arbeitnehmer*innen aufgrund der zur Verfügung stehenden Arbeitsenergie überhaupt durchgehend produktiv sein können.
    Bei entsprechender Umsetzung scheint es möglich zu sein, mit weniger Zeit die gleichen Arbeitsergebnisse zu erzielen und gleichzeitig positive Effekte für die Mitarbeitendenbindung und den Erhalt der psychischen und physischen Arbeitskraft zu erzielen.

    Auch die pauschale Beurteilung von Teilzeittätigkeiten ist inhaltlich wenig sinnvoll, da es verschiedene Typen gibt: Tätigkeiten, die aufgrund des flexiblen Bedarfs nur in Teilzeit angeboten werden, z.B. im Servicebereich, und Tätigkeiten, die aufgrund des Wunsches der Arbeitnehmer*innen entsprechend gestaltet werden. Gerade der erste Typ ist für den wirtschaftlichen Erfolg der entsprechenden Unternehmen unabdingbar.

    Optimales Teilzeitfenster: 25 bis 30 Stunden
    Aber auch, wenn wir ausschließlich die Wunsch-Teilzeit betrachten, ergibt sich ein differenziertes Bild. Wenn bei gleichbleibendem Arbeitsbedarf eine Verteilung von Vollzeit zu Teilzeit stattfindet, kann sich die Produktivität vor allen Dingen durch den erhöhten Koordinationsbedarf und die höheren Strukturkosten für die Mitarbeitenden, wie z.B. Hardware, verringern. Das gilt insbesondere für komplexere Tätigkeiten, die auch mit höherer Abstimmung und einer zu Arbeitsbeginn notwendigen mentalen Anstrengung einhergehen.

    Diesem erhöhten Aufwand stehen aber auf der anderen Seite Produktivitätsgewinne gegenüber, die von dem jeweiligen Teilzeitmodell und dessen Ausgestaltung abhängen. So scheint es ein für die Produktivität optimales Teilzeitfenster zu geben, das bei 25 bis 30 Wochenarbeitsstunden liegt und in dem die produktiven Vorteile der Teilzeitarbeit die Nachteile übertreffen.

    Weniger Pausen und höhere Motivation
    Produktivitätsgewinne bei Teilzeittätigkeiten lassen sich durch eine Leistungsverdichtung erklären, die auch durch eine geringere Häufigkeit von Pausen sowie die größere Fokussierung auf die Arbeitstätigkeit entsteht.
    Eine der wichtigsten Ursachen ist aber die erhöhte Motivation der Mitarbeitenden. Diese entsteht insbesondere durch die gewonnene Zeitautonomie, also die Möglichkeit, über die zeitliche Gestaltung des eigenen Lebens selbst bestimmen zu können. Durch die Option, in der frei verfügbaren Zeit andere Tätigkeiten wie Betreuung und Pflege auszuüben, entsteht zudem eine zusätzliche Sinnstiftung, die sich auch wieder positiv auf die Arbeitstätigkeit auswirken kann.

    Push für Innovationskraft
    Der Trend zu mehr Teilzeit kann Unternehmen und damit der gesamten deutschen Wirtschaft zudem grundsätzlich dabei helfen, erfolgreicher zu sein. Er zwingt nämlich dazu, die Produktivität, d.h. den Output pro eingesetzter Arbeitskraft zu erhöhen und damit sowohl die Profitabilität eines einzelnen Unternehmens als auch den Wohlstand des gesamten Landes zu erhöhen. Sie fördert damit den Einsatz von Produktivitätstechniken wie Künstlicher Intelligenz und trägt so zur Wettbewerbsfähigkeit und Erhöhung der Innovationskraft bei.

    Positive Gesundheitseffekte dank geringerer Arbeitsbelastung
    Richtig gestaltet vergrößern also Teilzeitjobs die Produktivität, statt sie wie befürchtet zu verringern. Dazu kommen vielfältige Nebeneffekte, die sich unmittelbar positiv auf die Mitarbeitenden auswirken, mittelbar aber auch dem Unternehmen und der Gesellschaft zugutekommen.
    Anzuführen sind hier vor allem die direkten und indirekten Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von arbeitenden Menschen: Eine geringere Arbeitsbelastung geht in der Regel mit positiven kurz- und langfristigen Gesundheitseffekten einher – ein Effekt, der angesichts steigender Krankenstände berücksichtigt werden sollte. Wer die eigene Arbeitstätigkeit zeitlich gemäß den eigenen Erwartungen gestalten kann, gewinnt Arbeitszufriedenheit. Auch diese ist mit einem geringeren Krankenstand verbunden. Hinzu kommt eine geringere Fluktuation, was die Auswirkungen des Fachkräftemangels zumindest reduzieren kann.
    In der Regel sind Teilzeitmitarbeitende also produktiver, motivierter und zeichnen sich durch eine höhere Bindung an ihr Unternehmen aus.

    Langfristiger Erhalt der Leistungsfähigkeit muss Ziel sein
    Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich daher überlegen, ob sie als Ziel eine nur in Einzelfällen realisierbare, kurzfristige Produktivitätsmaximierung oder lieber den langfristigen Erhalt der Leistungsfähigkeit der arbeitenden Bevölkerung verfolgen wollen.
    „Aufgrund des demografischen Wandels und der sich daraus steigenden Bedeutung jeder einzelnen Arbeitskraft sollte uns wohl eher der langfristige Erhalt der Arbeitsfähigkeit am Herzen liegen – insbesondere, wenn wir längere Lebensarbeitszeiten anstreben, um unser Rentensystem zu sichern“, so Desjardins. „Teilzeit sollte daher nicht als Bedrohung, sondern als Chance zur Gestaltung einer alternden Gesellschaft begriffen werden.“

    Zur Person:
    Prof. Dr. Christoph Desjardins hat seit April 2023 an der Frankfurt UAS eine Professur für Human Resource Management (HRM) und Leadership. Er ist Diplom-Psychologe und hat im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Goethe Universität promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Führung, Teamstrukturen und Change Management. Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Mixed Leadership (IML) der Frankfurt UAS. Vor seinem Ruf an die Frankfurt UAS war er Professor für HRM und Consulting an der Hochschule Kempten und dort zudem zehn Jahre lang Leiter der Kempten Business School. Davor war er als Berater und Manager bei der Firma Accenture tätig.
    Informationen zum Institut für Mixed Leadership unter: https://www.frankfurt-university.de/iml


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Wirtschaft und Recht, Prof. Dr. Christoph Desjardins, Telefon: +49 69 1533-2995, E-Mail: christoph.desjardins@fra-uas.de


    Bilder

    Der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins von der Frankfurt UAS.
    Der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins von der Frankfurt UAS.
    Quelle: Klaus Weddig
    Copyright: Klaus Weddig


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Psychologie, Wirtschaft
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft
    Deutsch


     

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